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Niederländer streiten über Sparkurs

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Niederländer streiten über Sparkurs

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Die Wirtschafts- und Finanzkrise stürzt europaweit Regierungen, jetzt auch in den Niederlanden. Auslöser für das Polit-Drama: der Streit um den strikten Sparkurs. Das Pensionsalter wird erhöht, die Mehrwertsteuer auch, die Sozialleistungen sinken… und die Niederländer protestieren. Viele Menschen machen die europäische Einheitswährung, den Euro, für ihre persönliche Misere verantwortlich. Und rechte wie linke Parteien gehen mit euroskeptischen Parolen auf Stimmenfang für die Neuwahlen im September.

Das ist Danny. Soeben wurde er entlassen. Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat nun auch die Niederlande erreicht. Und der bärbeissige Bauarbeiter macht sich Sorgen, er hat zwei Kinder, die noch zur Schule gehen. Aber werden Danny und die anderen gefeuerten Maurer und Mörtelmischer hier in der Gegend um Rotterdam so schnell einen neuen Job finden?

Dannys Freund Folkert befand sich in derselben Lage, damals vor vier Jahren, als die ersten Ausläufer der Krise auch seinen Arbeitsplatz vernichteten. Nach der ersten Panik schöpfte er bald wieder Mut – und gründete ein Ein-Mann-Unternehmen. Folkert ist jetzt sein eigener Boss, kann über seinen Stundenlohn frei verhandeln. Und fährt damit recht gut. Doch selbst für den flexiblen Folkert weht nun ein rauher Wind auf Hollands liberalisiertem Arbeitsmarkt:

“Es ist sehr schwierig, derzeit hier in Holland Arbeit zu finden. Ich komme aus dem Norden Hollands, und um hier auf die Baustelle zu kommen, muss ich mehr als 200 km fahren.”

Danny sagt: “Ich stecke in der Klemme, ich bin gefeuert. Mir bleiben noch sechs Wochen hier auf dem Bau, dann bin ich arbeitslos.”

Folkert versetzt: “Das gefällt mir ganz und gar nicht, das alles, beispielsweise das Rentenalter: Wir müssen bis 67 schuften, die Griechen nur bis 55.”

Danny fordert: “Irgendwas muss getan werden. Es muss sich was ändern, alles, das kann so nicht weitergehen. Wir sollten den Gulden wieder einführen.”

Und Folkert fügt hinzu: “Vielleicht wäre es gut, die Euro-Zone in zwei Teile zu spalten. Ein Nord-Euro für die reichen Länder, ein Süd-Euro für die anderen. Derzeit ist es doch so, dass die reichen Euro-Länder von den armen Stück für Stück hinabgezogen werden. Das kann nicht gut gehen.”

Fünfzehn Prozent aller Bürobauten stehen leer, in einigen Gegenden ist es sogar die Hälfte. Doch die niederländische Immobilienblase ist selbstgemacht.
Steuervorteile für Häuslebauer verführten viele Familien dazu, Kredite aufzunehmen, die sie nun nicht mehr zurückzahlen können. Die Niederländer lebten in dem Glauben, die Immobilienpreise würden endlos nach oben klettern. Doch jetzt ist die Blase geplatzt.
Nirgendwo sonst in Europa ist die Privatverschuldung so hoch wie hier, in den Niederlanden. Als im Frühling dann auch noch das Budgetdefizit des Staates über vier Prozent zu klettern drohte, zog die Mitte-Rechts-Regierung die Notbremse und verabschiedete ein Sparpaket. Die politischen Kosten sind hoch: Regierungskrise und Neuwahlen im September.

Trotzdem ist der Finanzminister stolz auf seinen Job: Sein Budgetplan-Köfferchen ist nun zwölf Milliarden Euro leichter, und damit ist das Defizit auf genau drei Prozent gedrückt. Jan Kees:
“Wir nehmen die Sparpläne ernst. Wir setzen sämtliche Massnahmen um, denn wir wollen der ganzen Welt zeigen, dass die Niederlande nach wie vor ein sparsames Land sind.”

Im Hafen von Rotterdam treffen wir John. Sein Binnenschifffahrtsunternehmen ist pleite, John arbeitslos. Wenn seine Tochter Stephanie im kommenden Jahr ihr Steuermannspatent in der Tasche hat, wird sich die Seefahrertradition der Familie de Waard in die vierte Generation vererben.

Die Niederlande fühlen die Vorläufer eines heftigen Anti-Euro-Sturms: Rechte UND linke Parteien überbieten sich in Euro-Feindlichkeit.

John und Stephanie sind in der Sozialistischen Partei. In ihren Augen ist der Euro an allem Schuld, auch an ihrer ganz persönlichen Misere.
John sagt: “Der Grund für diese Krise hängt ganz eindeutig mit der Einführung des Euro zusammen. Heutzutage müssen die Niederlande all diesen anderen Euro-Staaten helfen, wie beispielsweise Griechenland. Und, das liegt auf der Hand, wir zahlen uns dumm und dämlich. Das ist schlecht für unser eigenes Land, und das ist der Hauptgrund für die heutige Krise.”

John lebt von monatlich 722 Euro. Seine Tochter bekommt 695 Euro. Doch die Lebenshaltungskosten sind hoch in den Niederlanden. Das Sparpaket der Regierung trifft John und Stephanie hart. Vater und Tochter leben unter demselben Dach, deshalb ändert sich ab Juli die Berechnungsgrundlage für die Sozialhilfe. Die beiden werden bald mit noch weniger Geld auskommen müssen.

Bilder der Schiffe, auf denen John gearbeitet hat, erinnern den Seebären an die guten, alten Tage. Doch die Erinnerungen werden getrübt von den täglichen Schlechtwetternachrichten: Die Mehrwertsteuer wird raufgesetzt, das Rentenalter auch, Gas und Elektrizität kosten mehr, Rezept- und Arztgebühren steigen.

“Die persönlichen Zuzahlungen – für Medikamente, Versicherungen und so weiter – werden ganz brutal steigen: Heute gebe ich dafür 246 Euro monatlich aus, ab Juli sind es 400 Euro. Ganz klar, dass immer mehr Menschen auf die kostenlose Lebensmittelverteilung der Wohlfahrtsverbände und Kirchengemeinden angewiesen sind. Irgendwann wird die halbe Bevölkerung dorthin gehen.”

Seine Tochter sagt: “Nun ja, ich bin der Auffassung, dass seit der Einführung dieser europäischen Einheitswährung alles teurer geworden ist, die Preise haben sich glatt verdoppelt, seit es den Euro gibt.”

John erinnert sich: “Damals als junger Matrose, als ich das erste Mal zur See gefahren bin, habe ich mich für umgerechnet fünf Euro tätowieren lassen. Heute kostet so eine Tätowierung 150 Euro.”

Und noch einmal seine Tochter: “Heute arbeiten die Menschen hier bis 65. Die Regierung will das Rentenalter auf 67 hochsetzen, vielleicht sogar auf 68. Wenn ich einmal in diesem Alter bin, wird das Renteneinstiegsalter vermutlich bei 80 Jahren liegen, wenn das so weitergeht.”

John: “Die junge Generation bekommt heutzutage kein Startkapital mehr von der Bank. Das wird die kleinen Schifffahrtsunternehmen zugrunde richten. Letztendlich werden nur noch die grossen, teuren Superschiffe die Güter verteilen. In meiner Jugend konnte man noch was unternehmen, ich konnte eine eigene Firma gründen. Das ist Verangenheit. Heutzutage gibt es weder Gründerkapital noch Hauskredit, nichts geht mehr.”

Wir fahren nach Utrecht. Dort soll eine Podiumsdiskussion stattfinden, bei der einer der profiliertesten Euro-Gegner mit einem der bekanntesten Euro-Befürworter die Klingen kreuzen wird.

Arjo Klamer hört auf den Spitznamen “Europa’s Kassandra”. Der politisch im linken Lager angesiedelte Professor sagt der Euro-Zone bereits seit Jahren ihren Untergang voraus.

Vor der Utrechter Kathedrale trifft er seinen Gegner, den liberalen Wirtschaftswissenschaftler Jaap Koelewijn.

Wir fragen die beiden, ob See-Bär John recht hat: ist wirklich der Euro Schuld am wirtschaftlichen Niedergang?

Klamer: “Der Euro ist schlecht für Europa. Der Euro ist schlecht für die Niederlande. Vorallem deshalb, weil er die Politiker dazu verführt, den Wohlfahrtsstaat zu killen.”

Koelewijn: “Grundsätzlich ist der Euro eine gute Idee. Er führt zu einer tieferen europäischen Integration und macht unsere Volkswirtschaften wettbewerbsfähiger.”

Klamer: “Ein europäischer Wirtschaftsraum mit unterschiedlichen Währungen ist wünschenswert. Letztendlich brächte das grosse Vorteile: wir könnten externen Schocks besser widerstehen, wir wären weniger verletzlich bei solchen Ereignissen, wie sie jetzt gerade geschehen.”

Koelewijn: “Ich denke, dass uns die Auflösung der Euro-Zone zwischen fünf und zehn Prozent unseres Bruttosozialproduktes kosten könnte. Die Wiedereinführung des Gulden führte zu einem drastischen Verlust an niederländischen Wettbewerbsfähigkeit, denn der Gulden würde gegenüber den südeuropäischen Wirtschaftsräumen aufgewertet. Ein niederländischer Ausstieg aus dem Euro kostet mehr als unser Verbleib im Euro, allerdings sollten wir in der Eurozone ohne Griechenland weitermachen.”

Die historische Münzstätte in Utrecht ist gesichert wie eine Schweizer Bank. Hier dürfen wir nur mit Bodyguard rein. Kein Wunder, birgt die Forschungsabteilung doch einen wahren Schatz: Hier liegen 500.000 uralte Gold- und Silbermünzen, und nur ein Bruchtteil davon ist öffentlich ausgestellt. Auch hier hat die Krise zugeschlagen: Der Kurator des Münzmuseum wurde soeben gefeuert. Für uns wirft er einen letzten Blick zurück in die goldene Vergangenheit:

“In der Geschichte gab es schon zahlreiche Währungsunionen. Ein gutes Beispiel ist die niederländische Republik im sogenannten goldenen Zeitalter, im siebzehnten Jahrhundert. Die Niederlande waren nicht EIN Land, sondern eine Föderation mehrerer Provinzen die sich darauf einigten, dasselbe Münzgeld, dieselbe Währung zu teilen. Der Wert dieser Münzen war sehr stabil, über zwei Jahrhunderte lang.”

In der alten Bibliothek der historischen Münze treffen wir einen der Gründerväter des Euro: Cees Maas war es, der für die Niederlande den Vertrag von Maastricht verhandelte. Gegenüber seinen europäischen Kollegen hatte Maas damals viel schärfere Sanktionsmechanismen für Defizitsünder gefordert – bis hin zum Entzug von Stimmrechten. Vergeblich.

Der Euro, das ist sein Lebenswerk.

Wir fragen ihn: “Was lief schief mit dem Euro? Wer ist verantwortlich für die heutige Situation?”

Maas antwortet: “Die heutige Krise in Europa ist KEINE Währungskrise. Sie hat mit unseren Euro-Banknoten und -Münzen nichts zu tun. Das Problem sind einige unserer Regierungen, die zu hohe Defizite aufgehäuft haben. Jedes Land sollte wissen, und eigentlich weiss jedes Land das auch, dass man nicht Schulden auf Schulden häufen kann. Jede Familie, jeder Privathaushalt weiss das: Man kann nicht endlos Kredit aufnehmen, denn am Ende findet man niemanden mehr, der einem Geld leiht.”

Werden die Niederländer den Euro behalten? Oder werden die populistischen Wirbelwinde von links- und rechtsaussen den Gulden zurückbringen und somit die Eurozone von innen zerstören? Die Wahlen im September sind ein Test. Nicht nur für die Niederlande. Für ganz Europa…

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Bonus 1 :

Der niederländische Finanzminister Jan Kees de Jager erklärt Euronews-Reporter Hans von der Brelie seinen Sparhaushalt. Das Interview in voller Länge sehen Sie hier

Bonus 2:

Einer der “Architekten” der gemeinsamen europäischen Währung ist Cees Maas. Wenn Sie das gesamte Interview mit ihm sehen wollen, drücken Sie hier