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Wahlen in Ägypten: Die erlahmte Revolution

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Wahlen in Ägypten: Die erlahmte Revolution

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Die Stimmung auf dem Tahrir-Platz in Kairo ist gedrückt. Die Menschen sind enttäuscht vom Ergebnis der ersten Runde der ägyptischen Präsidentschaftswahlen: Mohammed Mursi und Ahmed Schafik werden sich in der zweiten Runde gegenüberstehen. Es wird die Wahl zwischen einem Angehörigen der alten politischen Kaste und einem Mitglied der islamistischen Muslimbruderschaft.

Die Errichtung der Demokratie in Ägypten forderte bisher einen hohen Preis: endlose Demonstrationen, 864 Tote, mehr als 7000 Verletzte, um das Regime Mubaraks zu Fall zu bringen.

Viele Ägypter empfinden beide nun zur Wahl stehenden Kandidaten als rückwärtsgewandt. Waren alle Opfer im Kampf um poilitische Freiheit umsonst? Auf dem Tharir-Platz entlädt sich einmal mehr der Unmut der Bevölkerung.

“Keiner von uns, ich auch nicht, ist an irgendeine Partei gebunden, aber auch wir wollen Gutes für unser Land”, sagt ein junger Mann auf dem Tahrir-Platz. “Ich will nicht, dass die Überbleibsel der alten Regierung nun wieder die politische Landschaft prägen.”

Ihre Hoffnung setzen die Demonstranten auf den 11. Juni. Dann wird die ägyptische Justiz über ein Gesetz entscheiden, dass Angehörigen der Regierung Mubarak eine Aufstellung zur Wahl verbieten soll.

Das würde auch für Ahmed Schafik gelten. Der Kandidat war Husni Mubaraks letzter Ministerpräsident, wenn auch nur für drei kurze Monate. Zuvor diente Schafik dem Machthaber als Minister für Zivilluftfahrt. Auch befehligte er Teile der ägyptischen Luftstreitkräfte. Für viele Ägypter hat er sich damit für einen Neuanfang des Landes disqualifiziert.

Die Abscheu vor der alten Regierung könnte sogar überzeugte Laizisten und Demokraten zur Wahl des islamistischen Kandidaten Mohammed Mursi bringen. Es droht die Inthronisation der Muslimbruderschaft – aus Protest, und aus Mangel an Alternativen.

Das hatten sich die Ägyper anders vorgestellt, zumal die Umfragen vor dem ersten Wahlgang dem ehemaligen Generalsekretär der Arabischen Liga Amr Mussa und dem moderaten Islamisten Abdel Futuh Chancen vorausgesagt hatten. Enttäuschend war auch die Beteiligung der Ägypter an der ersten freien Wahl im Land: schwache 50 Prozent. Ob sich die Quote angesichts der zur Wahl stehenden Kandidaten im zweiten Wahlgang erhöhen wird, bleibt zweifelhaft.

Einmal mehr haben viele Ägypter das Gefühl, um die Früchte ihrer Revolution betrogen zu werden. “Noch ein Jahr oder zwei, dann wird es eine neue Revolution geben”, prophezeit eine junge Frau auf der Straße in der Nähe des Platzes. Und sie ist sicher: “Diesmal wird sie gewaltig sein.”