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Mafia-Gegner Orlando: "Palermo wieder sichtbar machen"

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Mafia-Gegner Orlando: "Palermo wieder sichtbar machen"

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Der Politiker und Mafia-Gegner Leoluca Orlando wurde zum vierten Mal zum Bürgermeister Palermos gewählt. Zuletzt vertrat er im Parlament in Rom die linksgerichtete Partei “Italien der Werte”. In seiner insgesamt zwölf Jahre dauernden bisherigen Amtszeit als Bürgermeister gelang es dem Sizilianer, die Mafia aus dem politischen und wirtschaftlichen Leben Palermos zu verdrängen. Auch reduzierte er die Zahl der jährlichen Morde der Cosa Nostra von 250 auf null. Der alte und neue Bürgermeister der sizilianischen Metropole, der vor einigen Jahren die Autobiographie “Ich sollte der Nächste sein” veröffentlichte, lebt unter ständigem Personenschutz. Euronews-Journalistin Cecilia Cacciotto sprach mit ihm.

Leoluca Orlando:
“Ich bin voller Energie, ich würde gerne ein neues Kapitel in der Geschichte der Stadt aufschlagen.”

Euronews:
“Wir erklären Sie sich Ihren Erfolg?”

Leoluca Orlando:
“Meine Kandidatur galt als gegen das Establishment gerichtet und es ich denke, dass es wichtiger ist, Antworten auf die Nöte der Menschen zu finden, als sich irgendwo zur Ruhe zu setzen.”

Euronews:
“Die etablierten Parteien mussten bei den Lokalwahlen Verluste hinnehmen. Was bedeutet das für Italien?”

Leoluca Orlando:
“Alle Parteien, nicht nur die etablierten, haben einen Denkzettel bekommen. Meine Partei Italien der Werte bekam nur elf Prozent, die Demokraten und die Partei Berlusconis erhielten nur zwischen acht und neun Prozent. Es handelt sich um eine Krise der Parteien, die die Bedürfnisse der Menschen nicht begreifen.”

Euronews:
“Palermo gilt als die Stadt der Hoffnung und der Mafia. Zwei Jahrzehnte nach dem Anschlag auf den Richter Falcone verhandeln die Behörden mit der Mafia. Werden die Gespräche fortgesetzt?”

Leoluca Orlando:
“Zum Glück gibt es Verhandlungen! Kurz nach dem Tod Falcones gab es keine, es gab Klarstellungen. In diesem Sessel nahm gewöhnlich der Bürgermeister Vito Ciancimo Platz. Er verhandelte mit der Mafia nicht, er war die Mafia. Als sich in der Gesellschaft, in diesem Palast, in der Justiz, in der Kirche, in Palermo Widerstand regte, war die Mafia gezwungen, einen Dialog aufzunehmen. Die Verhandlungen zwischen Staat und Mafia sind daher aus meiner Sicht die Bestätigung dafür, dass der Staat gegen die Mafia vorgeht.”

Euronews:
“Früher rechtfertigte die Gesellschaft Siziliens die Rolle des Mafioso. Das hat sich geändert, die Mafia und ihre Unkultur aber gibt es noch. Wie kann die Mafia besiegt werden?”

Leoluca Orlando:
“Der Kampf gegen die Mafia ist heute weniger gefährlich, es geht weniger um Leib und Leben, der Kampf aber bleibt schwierig. Denn der Cosa Nostra geht es nicht mehr allein um die territoriale Kontrolle, es geht vor allem um die finanzielle Macht sowie um die Macht über die Medien. Die Herkunft des Geldes spielt selbst für Banken, Geschäftsleute und Staaten keine Rolle mehr. Daher hat sich in der Gesellschaft die Ansicht durchgesetzt, dass die Farbe und der Geruch des Geldes vernachlässigbar sind. Denn wenn selbst die große Bank, die den Bau meines Hauses oder meines Unternehmens finanziert, nicht nach der Herkunft des Geldes fragt, warum sollte ich das tun?”

Euronews:
“Warum treten mafiaverdächtige italienische Politiker nicht zurück, wenn gegen sie ermittelt wird, während es sonstwo genügt, die Dissertation abgeschrieben zu haben, um zurückzutreten?”

Leoluca Orlando:
“Italien ist nicht wie das restliche Europa, meiner Meinung nach hat es ein Zivilisationsdefizit. Hat ein Politiker Beziehungen zur Mafia und gibt es eine Untersuchung dazu, wird der Politiker öffentlich zugeben, dass er zwar Mafiosi treffe, dass es sich dabei aber nicht um ein Verbrechen handle und dass er der Justiz vertraue. Was bedeutet denn dieses angebliche Vertrauen in die Justiz? Als Politiker sollte man im Fall eines solchen Verdachts sein Amt niederlegen. Unsere Verfassung schreibt den Respekt vor dem Gesetz und keineswegs das Verbrechen vor, sie schreibt Disziplin und Ehre vor. In Italien fehlt den politischen Parteien ein ethischer Kodex. Ich schäme mich! Ich bin tief beschämt! Als Abgeordneter schlug ich ein Gesetz vor, das den Ausschluss von Menschen aus dem Parlament vorsah, die Straftaten begangen haben. Erstaunlich ist, dass wir ein Gesetz dafür brauchen, was eigentlich eine moralische Entscheidung sein sollte!”

Euronews:
“1996 wurde gegen Sie ermittelt, weil ein früherer Mafioso behauptet hatte, Sie hätten von der Cosa Nostra Geld genommen…”

Leoluca Orlando:
“Das stimmt nicht…”

Euronews:
“Es stellte sich heraus, dass es nicht stimmte. Hatten Sie während Ihrer politischen Karriere Kontakte zur Cosa Nostra?”

Leoluca Orlando:
“Erstens hatte ich nie Kontakte zu Mafia-Mitgliedern. Zweitens habe ich bereits zu Beginn meiner politischen Laufbahn erklärt, dass ich mit der Mafia nichts gemeinsam habe, was zur Folge hatte, dass sie sich von mir fern hielt. Als ich 1985 zum ersten Mal Bürgermeister von Palermo wurde, ließ ich für den Mammutprozess gegen die Mafia einen Bunker aus Stahlbeton errichten und trat als Kläger auf. Das alles führte dazu, dass sich die Mafia von mir fern hielt. Was aber nicht bedeutet, dass sie nicht versucht hätte, in diesen Palast zu gelangen.”

Euronews:
“Ist es ihr gelungen?”

Leoluca Orlando:
“Ja, doch meine Reaktion war jedesmal sehr entschieden: Ich schloss mafiaverdächtige Firmen von öffentlichen Aufträgen aus.”

Euronews:
“Was wünschen Sie Palermo, der Stadt der Mafia sowie der Hoffnung für die Zukunft?”

Leoluca Orlando:
“Ich will die Stadt ihren Bürgern zurückgeben. Ich will Palermo mit den wirtschaftlichen, finanziellen, kulturellen Kontakten helfen, über die ich verfüge. Meine nationalen und internationalen Kontakte sollen Palermo helfen, in Erscheinung zu treten. Die Stadt war in den vergangenen Jahren unsichtbar, selbst für die Mafia existierte sie kaum. Die kriminellen Aktivitäten gingen freilich weiter. Ich wünsche es sehr, dass Palermo mit großen Initiativen und nicht mit Mafia-Verbrechen wieder in den Vordergrund, ins Rampenlicht rückt.”