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Ukraine: Die Furcht vor den Fußball-Rassisten

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Ukraine: Die Furcht vor den Fußball-Rassisten

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Lwiw, zu deutsch Lemberg, ist eine der ukrainischen Gastgeberstädte der Fußball-EM 2012. Bekannt ist sie für ihre architektonische Schönheit, für gemütliche Cafes und feine Getränke. Aber nicht nur dafür. Die Anhänger des örtlichen Fußballclubs “Karpaty” gelten als die patriotischsten und leidenschaftlichsten Fans im ganzen Land. Und manchmal überschreiten einige dieser Fußballfreunde die unsichtbare Grenze, die Patriotismus von Nationalismus, Fremdenhass und Rassismus trennt.

Taras Pawliw ist Chef des Vereins “Forever Faithful”. Er ist ebenso einer der Köpfe der Ultras von “Karpaty”. Erst jüngst gingen Berichte über Rassismus im ukrainischen Fußballumfeld durch Europas Medien. Pawliw räumt das Problem ein, hält die Berichte aber für übertrieben.

Taras Pavliv: “Es gibt Rassismus in den Stadien, in der Ukraine und der ganzen Welt. Und natürlich auch in Lviv. Einer der Gründe: Manche Jugendlichen vermischen Nationalismus mit Rassismus. Die Trennlinie ist zu unscharf und zu leicht überschritten. Aber meistens beschränken sich die Fans darauf, die Arme demonstrativ auszustrecken. In Europa, in Frankreich oder England, ist die Situation viel schlimmer. Da wird geprügelt und gemordet. Im Vergleich dazu haben wir kein solch schlimmes Gewaltniveau.”

Auch Andriy Markovec, ein anderer “Karpaty”-Fan hält die Medienberichte für überzogen. Besonders ein Bericht im britischen Fernsehen über ukrainische Fußball-Rassisten hat die Fans verärgert.

Andriy Markovec: “Jeden Sommer kommen Fußball-Fans aus ganz Europa hierher, um friedlich an Spielen teilzunehmen. Ein Freund aus Liverpool hat mir den Link des Berichts im britischen Fernsehen geschickt, er selber war ein paar Mal in der Ukraine und er mochte es. Er hat nur gelacht und dann gesagt: Schau mal, scheint gefährlich zu sein, in die Ukraine zu gehen.”

Der Menschenrechtler Maxym Butkevych, Chef des Projekts “No Borders”, meint, Ausländer, und besonders Menschen aus Afrika, könnten in der Ukraine sehr wohl in Probleme geraten.

Maxym Butkevych: “Ich war gerade in einer anderen Stadt in der Ukraine, wo viele ausländische Studenten leben. Einer sagte mir, das erste Wort, das er hier gelernt habe, sei “Obezyana” gewesen, also “Affe” auf Russisch. Viele andere haben das bestätigt.”

In vielen Fällen bleibt es bei verbalen Ausfällen, tätliche rassistische Gewalt ist auch laut Butkevich in der Ukraine eher selten. Genaue Zahlen zu nennen, ist allerdings schwierig. Es gibt keine offizielle Statistik, lediglich einige NGOs beobachten die Lage.

Die Vorsitzende des Osteuropäischen Entwicklungsinstituts, Mridula Ghosh, hält es für falsch, im Falle der Ukraine von Rassismus zu sprechen, da der Anteil von Immigranten hier geringer ist als in andern europäischen Ländern. Was aber sehr wohl existiere, sei Fremdenfeindlichkeit.

Mridula Ghosh: “Fremdenfeindlichkeit tritt dann auf, wenn eine Person wenig über die restliche Welt weiß. Daher können Menschen, die anderes aussehen, so wie ich zu Beispiel, bestimmte Emotionen hervorrufen. Manchmal ist das Erstaunen oder Neugierde, wenn die Menschen an einen herantreten und Fragen stellen. Aber manchmal schauen die Leute auch sehr feindselig. Das hängt von der Kultiviertheit und dem Bewusstseinsstand ab.”

Die ukrainische Sängerin Gaitana wurde im Kongo geboren, wo sie auch ihre ersten fünf Jahre verlebte. Gerade erst hat sie die Ukraine beim Eurovision Song Contest vertreten.

Gaitana: “Einer der Gründe, warum ich mich entschloss, zum Eurovision Song Contest zu gehen, war der, dass ich beweisen wollte, dass hier ausnahmslos jeder die Möglichkeit für ein glückliches Leben hat. Ich stamme aus einer binationalen Ehe, ich habe ukrainische und afrikanische Wurzeln. Das beweist, dass der Rassismus in der Ukraine in keiner Weise höher ist als sonstwo auf der Welt. Die Gäste der EM sollten sich also komplett sicher fühlen.”
Und komplett sicher fühlen sich auch drei südafrikanische Studenten in Lwiw. Sie sagen, die, die aus Angst nicht zur EURO gefahren seien, hätten einen großen Fehler gemacht.

“Uns ist nichts passiert, die Menschen sind total nett, alles ist völlig in Ordnung. Diese Vorwürfe im britischen Fernsehen, also ich weiß nicht – es passiert einem hier nichts. Es ist sicher. Und überall ist Polizei.”

Seit dem Beginn der EM ist die Stimmung in den ukrainischen Straßen überwiegend gelöst und freundlich. Es wird getanzt und gelacht – einzig manche Fans, deren Teams eine Niederlage einstecken müssen, mögen zuweilen Trauer tragen und das ansonsten glückliche Bild etwas eintrüben.