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Die Luftfahrt in der Krise  

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Die Luftfahrt in der Krise  

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Interview mit Luftfahrtanalyst Richard Aboulafia, Vizepräsident der amerikanischen Beratungsfirma Teal Group.
 
Euronews-Reporter Giovanni Magi:
“Die Krise der Eurozone hat massive Auswirkungen auf alle Sektoren. Die IATA hat angekündigt, dass sich die Gewinne des Luftverkehrs im Vergleich zu früheren Prognosen in diesem Jahr halbieren werden. Doch die großen Hersteller kämpfen um die großen Aufträge. Wird die Farnborough Air Show 2012 eine Messe der Krise oder der Erholung werden?”
 
Richard Aboulafia, Luftfahrtanalyst und Vizepräsident der Teal Group:
“Die meisten Bestellungen aus dem vergangenem und diesem Jahr werden erst nach 2017 ausgeliefert. Dabei handelt es sich hauptsächlich um Aufträge für die nächste Generation der Narrow Body Jets des A320neo von Airbus und des 737MAX von Boeing. Diese Aufträge taugen also nicht dazu, die derzeitige Lage an den Märkten optimistisch einzuschätzen.”
 
Euronews:
“In Europa plant Air France eine Umstrukturierung
des Kurz- und Mittelstreckenbereichs. Auch andere großen Fluggesellschaften stehen nicht gut da. Können wir nach der Fusion zwischen British Airways und Iberia eine weitere Konsolidierung erwarten, oder geht es weiter bergab?”
 
Richard Aboulafia:
“Die europäische Luftfahrtindustrie kämpft mit schwachen heimischen Märkten und der wachsenden Konkurrenz aus den arabischen Golfstaaten. Aber die großen Drei werden die großen Drei zu bleiben. Und wir werden weiterhin – wie in den letzten Jahren – die Übernahme kleiner Unternehmen beobachten können. Doch die Krise hat diesen Prozess ins Stocken geraten lassen. Es ist zum Beispiel unwahrscheinlich, dass mitten in der Krise die Privatisierung der nationalen portugiesischen Fluglinie TAP zügig vorankommt. Ein Worst-Case-Szenario sind komplette Ausfälle, wie wir sie kürzlich bei Malev und Spanair gesehen haben.”
 
Euronews:
“Der asiatisch-pazifische Wirtschaftsraum drängt in den Markt der Luftfahrtindustrie. Einige Staaten, wie China zum Beispiel, fordern ein EU-Emissionsrechtehandelssystem und haben den Kauf europäischer Flugzeuge ausgesetzt. Wird Umweltschutz ein Anliegen für die Luftfahrtindustrie werden?”
 
Richard Aboulafia:
“Klar ist, dass das europäische Emissionshandelssystem maßlos übertrieben ist. Entweder macht die EU jetzt einen Rückzieher – das ist zwar peinlich, kostet sie aber relativ wenig – oder erst, nachdem der Rest der Welt sie ignoriert hat – und dann mit schmerzhaften Folgen.”
 
Euronews:
“Normalerweise ist der militärische Sektor ein wichtiger Impulsgeber für die Forschung. Gilt das auch noch in Zeiten, in der Verteidugungs-Ausgaben gekürzt werden?“ 
 
Richard Aboulafia:
“Es gibt immer weniger Verbindungen zwischen
militärischer Forschung und kommerzieller Luftfahrt. Seit den 1970er Jahren ist der Trend tatsächlich rückläufig, verbunden mit einem erheblichen Technologietransfer aus der kommerziellen Welt in den Militärbereich. Und auch wenn Europa seit über einem Jahrzehnt nicht mehr als einen symbolischen Betrag zur militärischen Forschung und Entwicklung beiträgt, behauptet Europa nach wie vor einen guten Marktanteil im zivilen Forschungsbereich.”