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Zypern will Brücke der Verständigung sein

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Zypern will Brücke der Verständigung sein

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Zypern, das als fünftes EU-Mitglied gerade um Finanzhilfen gebeten hat, hat zum 1. Juli die EU-Präsidentschaft für das nächste halbe Jahr übernommen. Euronews sprach mit dem zyprischen Präsidenten Demetris Christofias.

Euronews-Reporter Andrei Beketov:
“In unserem Brüsseler Studio begrüßen wir den Präsidenten der Republik Zypern. Das Land hat gerade den Vorsitz des EU-Rates übernommen. Herr Christofias, was ist Ihr wichtigstes Ziel, was wollen Sie in den nächsten sechs Monaten erreichen?”

Demetris Christofias, Präsident der Republik Zypern:
“Gemeinsam mit der Europäischen Kommission und dem Europäischen Parlament müssen wir ein Programm vorantreiben, mit dem wir unsere ökonomischen Probleme in den Griff bekommen. Der Schwerpunkt bis Dezember wird auf den Verhandlungen über den mehrjährigen Finanzrahmen liegen, den wir mit den 27 EU-Mitgliedern insbesondere mit den Partnern der Eurozone und allen beteiligten Institutionen diskutieren. Die Wirtschaftskrise kann nicht ausschließlich durch Sparsamkeit gelöst werden. Wir werden keine Zukunft haben ohne Wirtschaftsentwicklung, ohne Schaffung von Arbeitsplätzen, ohne eine schrittweise gerechtere Verteilung des in der EU produzierten Wohlstandes. Das ist unsere Überzeugung.”

Euronews:
“Wenn Sie von zu vielen Sparmaßnahmen sprechen, frage ich mich, ob da der Kommunist in Ihnen spricht. Ihre Ideologie wird nicht von sehr vielen europäischen Politikern geteilt. Wie werden Ihre kommunistischen Ansichten die zyprische Rats-Präsidentschaft und vielleicht sogar die Politik der gesamten EU beeinflussen?”

Demetris Christofias:
“Bevor ich das Amt des zyprischen Präsidenten angenommen habe, habe ich deutlich gemacht, dass ich nicht versuchen werde, meine eigene kommunistische Ideologie einzuführen. Ich werde das kapitalistische System nutzen, aber auf faire Art und Weise. Der Kapitalismus ist vielleicht menschenverachtend, aber man kann ihn für eine gerechtere Verteilung des Reichtums nutzen, ohne ein kommunistisches Regime einzuführen. Ich bin Mitglied einer Arbeiterpartei, einer fortschrittlichen Partei. Jetzt ist die Zeit, um die täglichen Probleme der Menschen und der Nationen zu lösen. Wie wir das Thema Ideologie behandeln, werden wir später sehen.”

Euronews:
“Erlauben Sie mir eine Frage bezüglich Ihres beruflichen Hintergrunds: Sie studierten in Russland, sie sprechen russisch. Bedeutet das, dass Brüssel während Ihrer Ratspräsidentschaft eventuell mehr auf seine Beziehungen zu Russland achtet?”

Demetris Christofias:
“Nach meiner Meinung muss die EU freundschaftliche und kooperative Beziehungen mit Russland pflegen. Das Land gehört auch zu Europa, das müssen wir akzeptieren. Deshalb werden wir, wenn es nötig ist, in dieser Beziehung eine signifikante Rolle spielen.”

Euronews:
“Von Zypern wird erwartet, andere Länder aus der Krise zu führen. Aber Zypern hat selbst gerade um Finanzhilfen gebeten. Wie bewältigen Sie diese scheinbar widersprüchlichen Aufgaben?”

Demetris Christofias:
“Ich glaube nicht, dass sich diese Aufgaben widersprechen. Die Tatsache, dass Zypern Finanzhilfen braucht, um einige Banken zu kapitalisieren, die mit griechischen Anleihen spekuliert hatten, heißt nicht, dass wir uns nicht für andere hilfsbedürftige Länder einsetzen können. Zypern hat keine Probleme mit der Haushaltsdisziplin. Unser größtes Problem – unsere belasteten Banken – werden wir mit europäischer Hilfe lösen.”

Euronews:
“Für die meisten der europäischen Länder ist Zypern eine abgelegene Insel im Mittelmeer. Könnte die geografische Lage jetzt ein Vorteil sein?”

Demetris Christofias:
“Augrund seiner Lage an der Südgrenze der Europäischen Union kann Zypern eine sehr wichtige Rolle spielen: als Brücke der Verständigung, der Freundschaft und der Zusammenarbeit der EU mit den Staaten der Mittelmeer-Region – mit dem Nahen Osten und Nordafrika. Wir haben sehr gute Beziehungen mit Ländern, die einen arabischen Frühling erlebt haben.”

Euronews:
“Wie wird die EU mit der Verweigerungshaltung der Türkei während der zyprischen EU-Präsidentschaft umgehen?”

Demetris Christofias:
“Es ist eine Schande, dass die türkische Regierung in der Vergangenheit andere Signale gesendet hat und jetzt auf Konfrontationskurs geht. Die Türkei sollte die Republik Zypern als gleichwertiges EU-Mitglied anerkennen.”

Euronews:
“Erwarten Sie Vorteile während ihrer EU-Präsidentschaft bezüglich des Zypernkonflikts?”

Demetris Christofias:
Die Tatsache, dass ein Teil Zyperns von einem Nachbarland militärisch besetzt ist, das selbst danach strebt, EU-Mitglied zu werden, ist ein Widerspruch in sich. Wir haben weder den Willen noch die Kraft, unsere Probleme mit der Türkei mit militärischen Mitteln zu lösen. Wir müssen friedliche Wege finden, einen Dialog entwickeln. Ich habe bereits mehrmals den Kontakt mit Herrn Erdogan und Herrn Gül gesucht, aber leider erkennen sie mich nicht als Präsident der Republik Zypern an.”

Euronews:
“Wie wird sich Zypern von seinen Vorgängern in der EU-Präsidentschaft wie Dänemark, Polen und anderen unterscheiden?”

Demetris Christofias:
“Man sollte nicht erwarten, dass Zypern innerhalb der EU eine Revolution auslöst. Aber aufgrund meiner Haltung, von der ich früher gesprochen habe, macht es mich glücklich, dass der Rat anfängt, ein bisschen weniger liberal zu sein: Die Solidarität zwischen den Menschen und den EU-Staaten rückt in den Vordergrund seiner Politik.”

Euronews:
“Demetris Christofias, Präsident der Republik Zypern und des EU-Rates, vielen Dank für das Interview.”

Demetris Christofias:
“Vielen Dank für die Einladung.”