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50 Jahre unabhängiges Algerien

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50 Jahre unabhängiges Algerien

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So bejubelten die Algerier am 5. Juli 1962 ihre Unabhängigkeit. Nach 130 Jahren französischer Kolonialherrschaft. Nach 8 Jahren blutigen Kampfes.

Eines Kampfes, der in Frankreich bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts nicht “Algerien-Krieg” genannt werden durfte. In französischen Schulbüchern war noch über Jahrzehnte verharmlosend von “den Ereignissen in Algerien “ die Rede. Die “Ereignisse” , das waren brutale “Säuberungsaktionen” in Dörfern, wo Befreiungskämpfer vermutet wurden, das waren Folter und Massaker. Der französische Historiker Benjamin Stora nennt es “einen der blutigsten Befreiungskriege in der Zeit der Entkolonialisierung”. Dieser kostete hunderttausede Algerier das Leben und rund eine Million in Algerien lebende Franzosen die Heimat.

Wegen des Krieges, der nicht Krieg genannt werden durfte, wurde in Frankreich wieder die Wehrpflicht eingeführt. Zu Beginn standen 450 000 französische Soldaten rund 25.000 bewaffneten Unabhängigkeitskämpfern gegenüber. Präsident de Gaulle meinte noch 1958, das Problem mit militärischer Übermacht lösen zu können.
3 Jahre später musste de Gaulle seine Position korrigieren. Obwohl anders denkende Offiziere vom Geheimbund OAS gegen den Präsidenten putschten und 1960 in der Hauptstadt Algier selbst mit Barrikaden gekämpft wurde. Die Befreiungsorganisation FLN erhöhte mit Bombenanschläge in den Europäervierteln der großen Städte den Druck.

Zu den Verlierern dieser algerischen Unabhängigkeit gehörten die sogenannten ´pieds noirs´. Knapp eine Million französische Siedler, die seit Generationen in Algerien lebten. Ihnen musste Frankreich quasi über Nacht eine neue Heimat bieten. “Es waren überwiegend ´kleine Leute´, sagt der Historiker. “Kleine Beamte, Handwerker, Händler, Weinbauern, die da in den Strudel der Geschichte gerieten.” Mit deutschen Erfahrungen im Hinterkopf kann man es vielleicht als eine spezielle Form von “Flucht und Vertreibung” einordnen. Zu Geschichte dies Befreiungskrieges gehören auch Anschläge in Frankreich und brutale Gewalt gegen die dort lebenden Algerier. Der Historiker spricht von “Amnestie und Amnesie” – also Vergeben und Vergessen, das aber nicht funktionieren kann. Er sieht die Erinnerung 50 Jahre später stärker aufleben als zuvor. Amnestie bedeutet, dass kein Franzose, der in Algerien gefoltert hat, später dafür belangt werden konnte. Absolute Verlierer von Krieg und Unabhängigkeit sind die Harkis, jene Algerier, die an der Seite der französischen Kolonialherren gekämpft hatten. Nur ein Teil von ihnen schaffte es rechtzeitig auf eine Fähre nach Frankreich. Tausende bekamen die Rache der Sieger zu spüren, wurden samt Familie getötet. Noch heute leben in Frankreich zwei algerische Gemeinschaften strikt getrennt. Noch heute hört man von den Enkeln der Befreiungskämpfer der FLN, sie würden nie dem Enkel eines Harki die Hand geben.