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Srebreniza: Gedenktag mit neuer Opferzahl

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Srebreniza: Gedenktag mit neuer Opferzahl

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Vor 17 Jahren schmückten keine Blumen die Fahrzeuge, mit denen Frauen und Kinder fortgebracht wurden. Da wussten sie noch nicht, dass sie ihre Männer, Söhne, Brüder, Väter nie wiedersehen würden. Jetzt stecken sie Blumen an die Wagen, in denen die sterblichen Überresten von einigen ihrer Lieben heimgebracht werden.
Heim auf den Friedhof der Opfer von Srebreniza.
Denn immer noch wurden nicht alle Opfer gefunden.
520 Leichen konnten im vergangenen Jahr identifiziert werden. Darunter sechs Kinder und vier Frauen. So wird am 17. Jahrestag die Opferzahl ein weiteres Mal korrigiert – auf nunmehr 5.657.
Die Hinterbliebenen wollen ihre Lieben wenigsten in Würde bestatten, sagt Mujo Music, der um seinen damals 26jährigen Sohn trauert. Er berichtet, wie sie von serbischen Milizen beschossen wurden. Acht Menschen aus ihrer Flüchtlingsgruppe waren sofort tot. Auch sein Sohn. Seine Frau hat der Kummer dahingerafft.
Immer noch finden die Toten von Srebreniza keine Ruhe. Denn Jahr um Jahr müssen neue Gräber ausgehoben werden. Gedenksteine in Weiß. Das ist im Islam die Farbe der Trauer, in Grün, der Farbe des Glaubens, ragen die vorläufigen Namensschilder der frisch Beigesetzten heraus.
Eine Mutter beklagt das Leid der ganzen Region, das der Täter Mladic nicht mitansehen muss. Sie wünschte, ihm würde hier der Prozeß gemacht werden. Eine andere Mutter klagt, nie sollte er seine eigenen Kinder wiedersehen. So wie ihr Sohn seinen Vater nie mehr gesehen hat.
Derweil läuft vor dem Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag die Beweisaufnahme im Prozeß gegen Radko Mladic.
Der heute 70jährige Ex-General hört mit unbewegter Miene zu, während Zeugen aussagen.
16 Jahre lang konnte er sich der Verantwortung entziehen. Noch heute sehen serbische Landsleute in Pale, der Hauptstadt der bosnischen Serben, in Radko Mladic ihren ewigen Helden, wollen das Gericht in Den Haag nicht anerkennen.
Dieser Mann auf der Straße in Pale nennt Mladic ein “Symbol für Gerechtigkeit und Überlebenswillen des serbischen Volkes”. Er sagt: “Die Serben brauchen einen neuen Mladic”.
Diese Worte fallen nur 14 Kilometen von Srebreniza entfernt. So nah – und doch so fern sind sich immer noch die Volksgruppen im Staat Bosnien-Herzegowina. Der New Yorker Rabiner und Holocaust-Überlebende Arthur Schreiner, der zur Gendenkfeier nach Srebreniza gekommen ist, warnt, Schweigen könne niemals die richtige Antwort sein. Gegen Ungerechtigkeit müsse man aufstehen. Vor Unmenschlichkeit dürfe man niemals die Augen verschließen und auch nicht die Ohr vor den Schreien der Unterdrückten.