Eilmeldung

Eilmeldung

Mordprozess und Machtpoker in China

Sie lesen gerade:

Mordprozess und Machtpoker in China

Schriftgrösse Aa Aa

Der Prozess fand mehrere Hundert Kilometer vom Tatort entfernt in einer anderen Provinz statt.

Es heisst, die Mächtigen in Peking seien sich der Gefolgschaft der Richter vor Ort nicht sicher gewesen. Denn bei diesem Mordprozess ging es es mehr noch als um die Täterin – um deren Ehemann.

Die nun verurteilte Anwältin Gu Kailai hat bei Insidern den Spitznamen “chinesische Jackie Kennedy”. Es wurde erwartet, dass ihr Ehemann, Parteichef von Chongqing, beim anstehenden Generationswechsel aufsteigen würde in den “ständigen Ausschuß des Politbüros”, das allerhöchste Machtgremium. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass die Anwältin Gu Kailai den Briten Neil Heywood vergiftet hat. Im November 2011 in einem Luxushotel von Chongqing. Das Ehepaar pflegte seit 1994 regelmäßigen Umgang mit dem Briten. Aufgeflogen ist alles durch den ehemaligen Polizeichef in Chongqing. Der floh im Februar in ein amerikanischen Konsulat und berichtete dort, der Parteichef versuche ein Kapitalverbrechen seiner Frau zu vertuschen. Damit war die Karriere des mächtigen Parteikaders beendet. Als im März gegen seine Ehefrau ermittelt wurde, verlor er seinen Platz im Politbüro.

Und damit verlor die Strömung der sogenannten “neuen Linken” in der kommunistischen Partei ihre Galionsfigur. Die “neue Linke” vertritt eine neo-maoistische Linie. Diese links-konservativen Kräfte wenden sich gegen den strikt marktorientierten Kurs der aktuellen Führung. Mit hartem Vorgehen gegen Korruption und Mafiastrukturen hatte er in seinem Herrschaftsgebiet reichlich Anhänger gefunden, die ihm sogar Loblieder sangen.
Nun war in einer Pekinger Zeitung zu lesen, der tapfere Polizeichef habe China vor einem ultralinken Kurs bewahrt.

Hinter den Kulissen der gut inszenierten Parteikongresse scheint ein harter Machtkampf entbrannt zu sein. Der Chinaexperte Johnny Lau Yui Siu verweist darauf, dass Bo von einflussreichen Spitzenpolitikern immer noch “Genosse” genannt wird. Das könnte darauf hindeuten, dass sie den Einfluss dieser Affäre auf den anstehenden 18. Parteitag möglichst gering halten wollen. Auf diesem Parteitag sollen sieben der neun Sitze im obersten Machtgremium, dem “ständigen Ausschuß des Politbüros”, neu besetzt werden.

Was ja wohl bedeutet, hier geht es um nichts weniger als eine Richtungsentscheidung.