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Angeschlagener Romney hofft auf Tampa-Effekt

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Angeschlagener Romney hofft auf Tampa-Effekt

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Für Mitt Romney bleibt der heiße Wahlkampf-Sommer eine schwierige Zeit. Nur wenige Tage vor Beginn des republikanischen Parteitags in Tampa, Florida, ist der präsumptive Präsidentschaftskandidat weiterhin an allen Froten in der Defensive. Seit Monaten hämmert er dem Wahlvolk ein, daß die Wirtschaft das wichtigste Wahlkampfthema sei. Er hofft dabei, daß seine unternehmerische Erfahrung ihn zu einem erfolgreicheren Präsidenten macht als Amtsinhaber Barack Obama. Romneys Problem indes: Praktisch niemand spricht über die Wirtschaft.

Die selbstmörderischen Auslassungen des ultrarechten Abgeordneten Todd Akin über legitime Vergewaltigung und Abtreibung waren nur der jüngste Schlag ins Kontor für Romneys Wahlkampfstrategie. Themen, bei denen der Kandidat insgeheim hoffte, sie würden im Rennen gegen Obama nicht auftauchen. Jetzt sind sie aufgetaucht, und zwar massiv.

Akins Kommentare bedrohen nicht nur einen sicher geglaubten Sieg im wichtigen Rennen um den Senatssitz von Missouri. Sie bieten den Demokraten auch eine neue Angriffsfläche, um Romney als Anti-Frauenrechtler darzustellen, der sein Fähnchen stets nach dem Wind hängt. In der Frühzeit seiner politischen Karriere verteidigte Romney noch das Recht von Frauen auf eine eigene Abtreibungsentscheidung. Später änderte Romney seine Haltung. In diesem Jahr gewann er das Nominierungsrennen einer Partei, deren konservative Basis ihn immer noch verdächtigt, Anhänger eines liberalen Gedankenguts zu sein – obwohl er beim Thema Abtreibung weitgehend auf ihre Linie einschwenkte.

Kurz vor seiner offiziellen Kandidatenkür in Tampa ist Romney nun erneut gezwungen, äußerst vorsichtig zwischen den kompromißlosen Anti-Abtreibungsgegnern in seiner Partei und den sehr viel moderateren Wechselwählern zu navigieren, ohne die er das Rennen ums Weiße Haus nicht gewinnen kann.

Die Entscheidung der Programmkommission des Parteitags, Abtreibung ohne Ausnahmen für Vergewaltigung und Inzest abzulehnen – und damit genau Todd Akins Position einzunehmen -, bedeutet für Romney nun eine politische Herausforderung. Die Partei macht ihrem Kandidaten damit das Leben schwer, denn dieser hatte sich bislang für Vergewaltigung und Inzest als Ausnahmefälle ausgesprochen, anders als sein selbstgewählter Vize Paul Ryan.

Lehnte Romney die kompromißlose Anti-Abtreibungspassage im Wahlprogramm ab, so würde dies eine politisch schwierige Botschaft an die Konservativen richten. Darüber nämlich, wie genau sich Romney in dieser Frage verhielte, wenn er erst einmal den Einzug in Weiße Haus geschafft hätte. Auch wäre eine Welle der konservativen Empörung auf dem Parteitag denkbar, was die von Romneys Strategen minutiös geplante Inthronisierungs-Choreografie beeinträchtigen könnte.

Trotz der Auseinandersetzung um Vergewaltigung und Abtreibung hofft Romney weiterhin, daß der Parteitag in Tampa ihm den nötigen Rückenwind gibt, um seine Kernaussage des Wahlkampfs (die Wirtschaft!) endlich zur Geltung zu bringen. Zugleich soll die monatelange Defensivhaltung zu Nicht-Wirtschaftsthemen aufgegeben werden.

Den ganzen Sommer lang wurde Romney von der Obama-Kampagne wegen seiner Weigerung unter Feuer genommen, mehr als zwei Jahre Steuererklärungen zu veröffentlichen. Der Kandidat gibt aber nicht nach, womit er den Demokraten ein Dauerthema verschafft, das weiterhin prominent in den Schlagzeilen ist. Zugleich musste sich Romney gegen Angriffe verteidigen, er habe als früherer Chef der Investmentfirma Bain Capital massiv Arbeitsplätze ins Ausland verlagert. Obamas Kernsatz: Romney schuf keine Jobs, er vernichtete sie.

Dann erwies sich Romneys Versuch, sich selbst als seriöser Staatenlenker auf der internationalen Bühne zu präsentieren, als ein Schlag ins Wasser. Seine Reise nach Großbritannien, Israel und Polen sorgte vielmehr für Dauerstoff für die Witzeschreiber der Late-Night-Talkmaster. Romneys unglückliche Bemerkungen über Londons angezweifelte Fähigkeit, die Olympischen Spiele zu organisieren sowie der provozierende Vergleich der Wirtschaftskompetenz von Israelis und Palästinensern zwangen den republikanischen Herausforderer erneut in die Defensive.

Weniger als drei Monate bis zum Wahltag will sich bei Romney einfach keine Dynamik einstellen, um an Obama in den Umfragen vorbeizuziehen. Der Ex-Gouverneur von Massachusetts ist stattdessen der unbeliebteste republikanische Präsidentschaftsbewerber in Jahrzehnten – und das schließt Richard Nixon und George W. Bush ein.

Noch schwerer wiegt, daß Obama einen Vorsprung von 35 Prozent (58% zu 23%) in der Beliebtheitsfrage hat. Zudem sagen in Umfragen 52 Prozent, Obama kümmert sich um die Belange der Durchschnittsbürger. Über Romney sagen das nur 30 Prozent. Eine Mehrheit der Befragten (51%) ist zudem der Meinung, Romney hat keinen Draht zur Normalbevölkerung. Dagegen sind 54 Prozent überzeugt, Obama vertrete den amerikanischen “Mainstream”.