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"Das hier ist keine Krise, wir werden ausgeraubt"

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"Das hier ist keine Krise, wir werden ausgeraubt"

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Auf einem Plakat in der malerischen Altstadt von Valencia steht in großen Buchstaben “ACO NO ES UNA CRISI, ES UN SAQUEIG” – das ist Katalanisch und bedeutet in etwa “Das hier ist keine Krise, wir werden ausgeraubt”.

Diesen Eindruck haben dieser Tage viele Menschen in Spanien – auch im seit Jahrzehnten von Politikern der konservativen PP (Partido Popular) regierten Valencia. Die drittgrößte Stadt des Landes ist pleite, hat mehr als 20 Milliarden Euro Schulden, der Ministerpräsident der Region musste in Madrid beim Regierungschef und Parteifreund Mariona Rajoy um eine Nothilfe bitten.

Doch während die konservative Zentralregierung die Banken und auch die Regionalregierungen zu retten versucht, hat sie nach langen Diskussionen die Hilfe für Langzeitarbeitslose mit mindestens zwei ebenfalls bedürftigen Familienmitgliedern auf 450 Euro pro Monat festgelegt. Eigentlich sollte das vorherige spanische “Hartz 4”, das 400 Euro pro Monat betrug, Mitte August als Teil der Sparmaßnahmen abgeschafft werden. Denn Langzeitarbeitslose gibt es so viele wie nie zuvor – unter jungen Spaniern liegt die Arbeitslosenrate bei über 50 Prozent. Häufig hilft nur noch die Solidarität der Familie. Da erstaunt es kaum, dass auch in ärmeren Stadtteilen Menschen ihren Goldschmuck verkaufen – auf Plakaten wird sogar angeboten, Autos schnell zu Geld zu machen.

Zumindest in Valencia war Sparen jahrelang offenbar ein Fremdwort. In der Ferienregion gibt es gleich mehrere monumentale Beispiele für den Größenwahn der Regionalpolitiker. Das eine ist die vom spanischen Stararchitekten Santiago Calatrava entworfene “Ciudad de las Artes y las Ciencas” – die Stadt der Künste und der Wissenschaften – eine Art “Stadt in der Stadt” mit dem nach Königin Sophia benannten Opernhaus, dem nach dem Kronprinzen Felipe benannten Wissenschaftsmuseum, dem IMAX-3D-Kino Hemisferic und dem Oceanografic, einer Art Zoo mit untertunnelten Aquarien und einer Delfin-Show.

Der riesige Komplex feiert gerade seinen 10. Geburtstag, ist noch immer nicht ganz fertiggestellt und hat statt der geplanten 300 Millionen Euro am Ende 1,3 Milliarden gekostet.
Viele Reiseführer warnen vor den Warteschlangen an den Kassen, doch der Ansturm ist mit dem anderer Tourismusattraktionen in Europa keineswegs vergleichbar. Wer alles sehen will, muss etwa 30 Euro zahlen. Das Museum mit einem gigantischen Foucaultschen Pendel und vielen Objekten zum Anfassen ist beeindruckend, viele Touristen können aber nicht gut genug Spanisch oder Englisch, um die physikalischen Spiele oder die Geschichte des FC Valencia zu verstehen. Der 3D-Film über die “Monster der Meere” ist mindestens 10 Jahre alt, zum Spanischen Ton gibt es Kopfhörer mit der englischen Originalfassung, Italienisch und Valencianisch (wie die lokale Form des Katalanischen vor Ort genannt wird), doch die sind alles andere als praktisch. So besuchen viele Touristen nur das Oceanografic. Die meisten sind wohl ohnehin nur auf der Durchreise auf dem Weg an die Costa Brava.

Ein weiteres Beispiel für die Fehlplanung in der Region ist ein wahrer Till-Eulenspiegel-Streich: der Flughafen von Castellón, der 150 Millionen Euro gekostet hat. Valencia hat schon einen Flughafen mit Metro-Anbindung an die Stadt, aber weil der inzwischen wegen eines Korruptionsskandals zurückgetretene konservative Ministerpräsident von Valencia Francisco Camps und sein Parteigenosse aus Castellón Carlos Fabra den Tourismus weiter ankurbeln wollten, gibt es im etwa 50 Kilometer entfernten Castellón jetzt noch einen. Darüber spotten einige Spanier im Internet, seit der NASA-Roboter “Curiosity” auf dem roten Planeten gelandet ist: Mars – Flughafen Castellón 1-0. Denn auf dem Flughafen ist noch nie ein Flugzeug gelandet.

Vor dem Flughafen von Castellón steht zudem die riesige Skulptur des Bildhauers Juan Ripollés. Mit dieser wollte Carlos Fabra eigentlich sich selbst ein Denkmal setzen. Jetzt ist das Monument – aus dessen riesigem Kopf ein Flugzeug ragt und das die spanischen Steuerzahler 300.000 Euro gekostet hat – ein Sinnbild für die wählerverachtenden Politiker.

Der Bau eines neuen Stadions für den Fußballverein von Valencia ist inzwischen gestoppt. Und der Club mit dem Wahrzeichen der Stadt, der Fledermaus, im Wappen muss wohl auf ein Wunder hoffen, wie im 16. Jahrhundert als angeblich Fledermäuse die Truppen der Stadt vor den Angreifern warnten.

Gleich neben dem veralteten Mestella Stadion mitten in der Stadt regt sich der Protest gegen die jetzt eingeleiteten Sparprogramme – doch nicht unter Fußballfans, sondern unter Beschäftigten im öffentlichen Dienst. Anderswo haben sich Feuerwehrmänner nackt fotografieren lassen – als Zeichen dafür, dass ihnen die Regierung in Madrid das letzte Hemd auszieht. In Valencia stehen an einem heißen Augusttag die Beschäftigten der Behörde für Infrastruktur und Umwelt schwarz gekleidet draußen. Auch sie fühlen sich jetzt ausgeraubt.