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Armut in Europa

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Armut in Europa

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Das ist Maria de Fátima. Seit Jahren ist die 44jährige Sekretärin arbeitslos. In der portugiesischen Stadt Porto lebt sie mit ihrer 13jährigen Tochter von 280 Euro Sozialhilfe im Monat. Da wird schon das allerbilligste Sattessen kompliziert, beklagt sie ihre Lage. “Wenn ich meinen Vater nicht hätte, der ab und zu hilft, müssten wir uns allein von Leitungswasser ernähren. Einzig meine Tochter gibt mir die Kraft, jeden Morgen aufzustehen. Für sie erhoffe ich eine bessere Zukunft. Für mich erwarte ich nichts mehr.”
Mit ihrer Leidensgeschichte steht Maria de Fatima in Europa keineswegs allein da. Vor allem in den Euro-Schuldenländern ist die Zahl der Bedürftigen sprunghaft gestiegen. Den strengen Sparauflagen sind Sozialausgaben zum Opfer gefallen. Es gab einmal eine EU-Strategie mit dem Ziel, bis 2020 die Zahl der Armen auf 20 Millionen zu senken.
Statt dessen ist ihre Zahl ständig gestiegen, wie die aktuelle Statistik zeigt, deren Daten allerdings nur bis 2010 reichen. 503 Millionen Einwohner hat die EU 2012. 2007 galten 79 Millions EU-Bürger als arm, 2008 waren es 85 Millionen, 2010 schon 115,5 Millionen. Und von denen waren 26,9% Kinder und 19,8% alte Leute. Die EU-Kommission will jetzt den Mitgliedsländern vorschlagen, ein Viertel des für 2014 zu beschließenden Budgets in einen “Europäischen Sozialfonds” einzuzahlen, um so die Armut zu bekämpfen.
Sérgio Aires vom Europäischen Netzwek gegen Armutbetont: “Armut ist die Verweigerung von Menschenrechten.”

Patricia Cardoso, euronews:
“In den vergangenen Jahren sind die Worte “Armut” und “Soziale Ausgrenzung” aus einem Großteil der politischen Reden verschwunden. Was hat das zu bedeuten?

Sérgio Aires, Präsident des Europäischen Netzwerks gegen Armut EAPN:

“Sie verschwanden aus den Reden, aber was vielleicht noch schlimmer ist: sie verschwanden aus der Politik. Das spiegelt sich nur darin wieder. Ich würde sagen, dass die Worte “Armut” und “Soziale Ausgrenzung” schon seit 2005 unsichtbar sind, oder zumindest in keinem Zusammenhang stehen zu der Wichtigkeit. Die Armut zu bekämpfen sollte den gleichen Stellenwert haben wie wirtschaftliche Entwicklung, Wachstum und Arbeitsplätze.

euronews:
“Ist der Mangel an Statistiken zu Armut ein Symptom der Europäischen Politik?”

Sérgio Aires:
“Ich würde sagen, dass es ein Symptom des Mangels an Fürsorge und gutem Willen ist, die Frage der Armut anzugehen.
Das ist eine alte Geschichte. Es ist die Geschichte des Leugnens, dass es Armut in Europa gibt. Niemand will Armut in seinem eigenen Hinterhof.”
Jeder lehnt den Gedanken also ab, auch kleine Gemeinden. Nur wenn sie finanzielle Hilfe aus Europa wollen, dann sagen sie “Ja, bei uns gibt es Armut, wir brauchen Hilfe.” Sonst sagen sie ziemlich schnell nein. Denn politisch ist es schwierig, Misserfolg anzuerkennen. Und Armut ist ein Misserfolg der Gesellschaft und der Art, wie eine Gesellschaft ihre Probleme löst.
Armut ist die Verweigerung von Menschenrechten.
Die Armut zu bekämpfen, dauert lang, und Ergebnisse sieht man spät. Politik ist dagegen sehr schnell. Und wenige Politiker wollen in etwas investieren, wenn die Resultate auf sich warten lassen und möglicherweise nicht auf sie zurückfallen.”

euronews:
“Ist das europäische Sozialmodell also verschwunden?”

Sérgio Aires:
“Das europäische Sozialmodell ist vielleicht noch nicht verschwunden, aber es könnte bald so weit kommen. Und das ist sehr schwerwiegend. Denn das europäische Sozialmodell ist ein Vertrag. I bezahle Steuern, und ich habe viele Rechte, aber natürlich auch viele Pflichten. Es ist ein Vertrag, der bedroht ist. Und damit steht alles auf dem Spiel. Denn dann können die Bürger fragen: “Warum bezahle ich Steuern?”
Das europäische Modell und die soziale Fürsorge, die wir haben, üben einen beruhigenden Einfluss auf das aus, was wir grade erleben.
Wenn wir dieses Modell nicht hätten, trotz der Kürzungen und Streichungen – vor allem in den Ländern, die von der Krise am stärksten betroffen sind – kann ich Ihnen versichern, dass wir ein anderes Szenario hätten als das, was sich uns heute bietet. Es geht doch sehr gemäßigt zu – auch wenn es viel Hoffnungslosigkeit gibt.”

euronews:
“Ist es nicht utopisch zu glauben, dass Armut ausgerottet werden kann?”

“Ich will nicht philosophisch darüber diskutieren, was eine Utopie ist oder nicht. Ich habe immer gesagt, dass ich eine Utopie in die Tat umsetzen möchte. So ist das. Ich weiß nicht, ob es möglich ist, die Armut auszurotten. Ich möchte daran glauben – und ich glaube daran, dass es möglich ist.
Ich bringe es nicht fertig, Leuten in meinem Umfeld zu sagen, dass es keine Lösung für das Problem der Armut gibt. Dass man arm stirbt, wenn man in die Armut hineingeboren wurde. Dass man nichts dagegen tun kann. Das kann nicht sein. Das darf auch nicht sein. Und es gibt Beweise, dass es nicht so sein muss.”