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Arbeitsplätze schaffen - aber wie?

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Arbeitsplätze schaffen - aber wie?

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Fariba Mavaddat, Euronews:
In Europa gibt es mehr als 25 Millionen Arbeitslose, davon allein 17 Millionen in der Eurozone. Einer von fünf jungen Menschen in der EU findet keine Arbeit,- das sind fast 5 Millionen insgesamt. In einigen Staaten liegt die Jugendarbeitslosigkeit sogar über 40 Prozent.Bei mir jetzt Guy Ryder, der neu ernannte Direktor der UN-Arbeitsorganisation ILO.

Herr Ryder, in Ihrer Antrittsrede im Mai sagten Sie, ich zitiere:“es ist eine große Herausforderung, mitten in der globalen Krise, diesen Millionen von Menschen zu helfen, Ihr Leben zu verbessern”.
Wie wollen Sie das machen?

GR:
Nun, Sie beschreiben das Drama der europäischen Arbeitslosigkeit und ich denke, sie ist wirklich dramatisch. Was ich in meiner Antrittsrede meinte, war, das die ILO, wenn dies ein Erfolg werden soll, das Leben dieser Menschen wirklich erreichen muss.
Das kann auf unterschiedliche Weise geschehen: Wir arbeiten dabei mit allen ILO-Mitgliedsstaaten zusammen, immerhin 185 Länder.

Wir kooperieren mit diesen Ländern auf vielen Ebenen, so zum Beispiel im technischen Bereich, dann versuchen wir auch Einfluss auf die Politik der einzelnen Staaten zu nehmen, um die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen und Wachstum zu erzeugen, das wir so dringend brauchen im Moment.
Ich denke, der ILO kommt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle zu und ich werde mein bestes geben, das wir dieser Rolle gerecht werden.

Euronews:
Sie haben viele Staaten aufgerufen, mit Ihnen zu kooperieren. Hört man Ihnen zu? Besitzt die ILO überhaupt Zähne – und wie scharf sind die?

GR:
Wie viele internationale Organisationen müssen wir klar machen, was wir für “Das Richtige” halten. Es muss darum gehen, den Menschen nicht nur Arbeit zu bieten, sondern ihnen ordentliche Arbeit zu bieten, von der sie leben können.

Euronews:
Das ist ja schön und gut: aber so einfach ist das doch nicht. Was aktuell in Europa passiert ist doch, das die Regierungen und die Wirtschaft nur in geringem Umfang Arbeitsplätze schaffen. WENN überhaupt Jobs entstehen, dann oft auf Teilzeitbasis. Die bedeutet aber nicht nur Unsicherheit und zunehmende soziale Spannungen
sondern schafft auch Armut. Wie wollen Sie dieses Problem angehen? Andere Jobs sind doch gar nicht mehr zu bekommen…

GR:
Sie haben Recht,- es darf nicht nur um die Zahl neuer Jobs gehen, sondern muss auch um deren Qualität gehen. Wobei allerdings auch die Teilzeit-Arbeit ihren berechtigten Platz im Arbeitsmarkt finden sollte. Doch sollten sie als wahlfreie Alternative zur Verfügung stehen, nicht als alleinige Option, weil Vollzeitjobs fehlen. Wir haben jetzt eine Situation, nicht nur in Europa sondern weltweit,
wo die Staaten auf ihre Finanzen achten müssen.
Wir haben das Tief der Finanzkrise durchstanden, das aber ein riesiges Loch in den nationalen Haushalten hinterlassen hat. Nun ist leider oft genau der Arbeitsmarkt besonders von Sparmaßnahmen betroffen. Ich denke, wir sollten diesen Zwang-zum-Sparen-Weg überdenken, auf dem wir uns befinden. Die aktuelle Situation zeigt doch, das wir sooo nicht weiterkommen.
Sicher müssen wir die Menschen auch besser auf den Arbeitsmarkt vorbereiten, besonders jüngeren Leuten bessere Ausbildung anbieten. Dafür brauchen wir spezielle Programme: ich bin für eine
universelle Garantie, die jedem jungen Menschen nach Verlassen der Schule eine Ausbildung oder erste Arbeitserfahrungen zusichert.

Euronews:
Das hört sich gut an, doch sind faktisch dafür keinerlei Finanzmittel vorhanden. Es ist doch schon so, das den Rentnern die Pensionen gekürzt werden. Das nötige Geld ist einfach nicht vorhanden…

GR:
Ohhh doch! Das möchte ich einfach mal behaupten.
Nehmen wir dieses Konzept der Jobgarantie für junge Leute: das ist für die Regierungen eigentlich sogar sehr billig. Unseren Schätzungen zufolge braucht es nur 0,5 Prozent eines durchschnittlichen Haushaltes, um jungen Menschen so eine Garantie anbieten zu können. Sooo teuer ist das gar nicht!
Erfahrungen in Schweden oder Finnland haben gezeigt, dass diese Programme durchaus erfolgreich sind. Sie refinanzieren sich sogar relativ schnell wieder selbst. Sie müssen es als Investition betrachten, nicht als Ausgabe.

Euronews:
Nochmal im Detail: Sie sprechen von Ausbildung.
Ausbildung ist aber zeitlich begrenzt. Und danach? Da heißt es dann “Vielen Dank, jetzt geh nach Hause”?? Da stehen dann all die gutausgebildeten jungen Menschen, deren Erwartungen riesig waren, auf der Straße.

GR:
Tja, das kann passieren. Das wäre dann ein Misserfolg. Die Erfahrung zeigt jedoch, das diese Maßnahmen viel erfolgreicher sind, als Sie jetzt mutmaßen. Nochmal zu Schweden: da hat sich gezeigt, dass knapp 50 Prozent der jungen Leute, die an einer Weiterbildungsmaßnahme teilgenommen haben, später auch, sich selbst finanzierende, Jobs finden.

Euronews:
Was soll das heißen:“sich selbst finanzierende Jobs”??

GR:
Sich selbst tragende Jobs. Wenn die Weiterbildung auslief, wurden sie in eine Festanstellung übernommen, die sich wirtschaftlich rechnete. Es wurden also nichtsubventionierte neue Jobs in den Unternehmen geschaffen.
Ich komme gerade von einem Treffen der EU-Entwicklungskonferenz, wo diese Ideen sehr positiv und mit großem Interesse aufgenommen wurden.
Ich denke, das geht schon in die richtige Richtung, weil die Politik begreift, das wir von diesem Niveau hoher Jugendarbeitslosigkeit wegmüssen. Die Politik versteht, dass es so nicht weitergehen kann.

Euronews:
Das mögen kleine Schritte in die richtige Richtung sein. Optimal ist das aber noch nicht. Es wird bereits von der “verlorenen Generation” gesprochen, ich möchte sogar im Plural von den “verlorenen Generationen” sprechen. Wenn erst eine Generation verloren ist, zieht sie die nächste gleich mit. Ich möchte also den zeitlichen Aspekt ansprechen: die europäischen Regierungen bieten einer kleinen Zahl von Menschen, sehr begrenzte
Weiterbildungsmöglichkeiten, und dadurch soll eine ganze Generation gesunden?? Es gibt einfach nicht genug Angebote und daher müssen wir von “verlorenen Generationen” sprechen.

GR:
Ich glaube, das Bild der “verlorenen Generation” stimmt schon. Alle Erfahrung zeigt, dass es für Schulabgänger, wenn sie es länger als ein Jahr nicht geschafft haben, im Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, fast unmöglich ist, eine Arbeit zu finden.
Und wenn, dann nur unter sehr schwierigen Bedingungen. Das beeinflusst also den Lebenslauf eines Menschen über Jahrzehnte hinaus. Daher kann man wirklich von “verlorener Generation” sprechen.
In Bezug auf die Jugendarbeitsprogramme, denke ich also, sie müssen ALLEN jungen Schulabgängern offenstehen. Doch DAS ist noch nicht genug, da haben Sie durchaus Recht. Es reicht nicht, mal hier, mal dort zu fördern und dann zu warten ob sich grundsätzliches ändert.
Wir brauchen hier eine allumfassende Politik. Mehr noch: wir brauchen eine ökonomische Umgwebung, die wieder Wachstum zulässt, die von sich aus Arbeitsplätze schafft. Was wir heute sehen, ist, das dies unter den aktuellen Bedingungen kaum funktioniert, wo wir immer nur kürzen, kürzen, kürzen! Wir müssen ein attraktives Umfeld schaffen und das haben wir heute eben nicht.

Euronews:
Diesen Idealzustand zu erreichen, nun, das wird dauern.Wie sehen Sie die Zukunft?

GR:
Sicher wird das dauern! Dahin zu gelangen, wohin wir kommen müssen, um die Arbeitslosigkeit in Europa zu reduzieren. Aber auch wenn es lange dauern könnte, sollten wir nicht zögern sofort zu beginnen. Die Chinesen sagen: Eine lange Reise beginnt mit dem ersten Schritt. Diesen ersten Schritt müssen wir jetzt machen!
Die Konferenz für mehr Beschäftigung, von der ich gerade komme, hat da wirklich eine starke Botschaft verkündet, ganz oben von der politischen Spitze der EU: Die Politiker verstehen sowohl die Dramatik der Situation, als auch das sie sofort handeln müssen. Es gibt also keine Zeit zu verlieren, selbst wenn positive Ergebnisse noch lange auf sich warten lassen könnten.

Euronews: Guy Ryder, vielen Dank.