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"Charlie Hebdo" - französisches Satireblatt, das bei Pressefreiheit keine Zugeständnisse macht

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"Charlie Hebdo" - französisches Satireblatt, das bei Pressefreiheit keine Zugeständnisse macht

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Vor der Tür von “Charlie Hebdo” gibt es nichts zu lachen. Hier im Osten von Paris schützen bewaffnete Staatsbeamte das Recht auf Pressefreiheit. “Charlie Hebdo” ist in Deutschland am ehesten mit dem Satireblatt “Titanic” zu vergleichen, das jüngst mit seinen Papst-Karrikaturen Aufsehen erregte. Die politische Ausrichtung ist hier wie da klar links. Man sieht sich in der Tradition der Aufklärung bis zurück zu Voltaire. Der Chefredakteur Charb sagt:

“Man kann in Frankreich nicht Mohammed karrikieren? Natürlich kann man, in Frankreich kann man alle Welt karrikieren. Ich mache keinem Moslem einen Vorwurf daraus, dass er über unsere Zeichnungen nicht lachen kann. Aber die Moslems können uns auch nicht vorschreiben, nach welchem Gesetz wir zu leben haben. Ich lebe nach dem französischen Gesetz und nicht nach dem des Koran.”

Für ihn und seine Mitarbeiter gilt: Man darf sich grundsätzlich über alles lustig machen. Seine Erfahrung in Frankreich beschreibt er so: “Probleme bringt es einzig, wenn man über den radikalen Islam spricht. Wenn man sehr heftig extrem rechte Katholiken angreift, redet niemand darüber. Aber man hat nicht das Recht, sich über islamische Fundamentalisten lustig zu machen. Das ist wahrlich eine neue Regel, die eingeführt werden soll, die wir aber nicht respektieren werden.”

Leute, die diese Sicht von Pressefreiheit nicht teilen, haben vor einem Jahr mit Molotow-Cocktails auf eine Ausgabe zum Sieg der Islamistenpartei bei den Wahlen in Tunesien geantwortet. Da hatten die Blattmacher den eigenen Titel “Charly-Hebdo” , “Hebdo” steht für Wochenblatt, zu “Scharia-Hebdo” verfremdet..

Das Blatt hatte einen Vorgänger namens “Hara-Kiri”. Dessen Ende kam, als es sich über die geheiligte Ikone der Nation lustig machte. Im November 1970 starb General Charles de Gaulle in seinem Heimatdorf Colombey. Kurz zuvor waren bei einem Brand in einer Diskothek 146 Menschen um Leben gekommen. Das Satireblatt erschien mit der Schlagzeile: “Tragisches Ende eines Balls in Colombey – ein Toter” . Da hörte für den französischen Innenminister der Spaß auf.

Es folgten Verbot des einen und Neugründung des anderen Satireblattes. Wobei die Mitarbeiter überwiegend die selben blieben. Was den neuen Namen “Charlie-Hebdo” anbelangt, so hält sich seit Jahrzehnten das Gerücht, es sei eine Anspielung auf “Charles” de Gaulle, über dessen als unangemessen betrachtete Todesnachricht das Vorgängerblat gestolpert war. Bestätigt har das aber nie einer der Blattmacher. An der politisch-philosophischen Ausrichtung änderte sich nichts.

Ob religiöse Eiferer oder korrupte Politiker – wo sich ein gesellschaftlich relevantes Problem zeigt, wird es satirisch kommentiert. Auch wenn das Blatt – ebenso wie das deutsche Pendant “Titanic” – mit Prozessen überzogen wird. Diesmal erheben Kritiker auch den Vorwurf, die Macher von “Charlie Hebdo” hätten auf den geschäftlichen Erfolg spekuliert. Fakt ist: So viele Exemplare von einer Ausgabe, dass sogar einen Tag später nachgedruckt werden konnte, sind noch nie verkauft worden.