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Lance Armstrong - vom Superstar zum Superbetrüger

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Lance Armstrong - vom Superstar zum Superbetrüger

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August 2012. Triatlon-Wettkampf in den USA mit einem Mann, für den es nie einen anderen Platz als den des Siegers gab. Lance Armstrong. Siebenmal hat er als Rad-Profi die “Tour de France” gewonnen.
Nun steht er vor den Scherben seiner Märchen-Karriere. Die Anti-Doping-Agentur der USA spricht in ihrem Urteil von dem “ ausgeklügelsen, professionellsten  und erfolgreichsten Dopingprogramm, das der Sport jemals gesehen hat”.
Der Mythos Armstrong begann 1999.
Der 28jährige hatte den Krebs besiegt und gewann das härteste Radrennen der Welt. Er schien als Vorbild zu taugen, als lebendes Beispiel dafür, wieviel ein Mensch mit ausreichend Willenskraft erreichen kann. Es klang auch zu schön, wie er sagte: “Let´s celebrate the Tour de France, that ´s great, but let´s also celebrate the survival of cancer.”
Dieser Mann war unschlagbar. Auch durch die Art, wie er mit Härte sein Team führte, in dem ganz klar alle für ihn zu fahren hatten. Nachdem er 2005 seine Karriere beendete, berichtete die französische Sportzeitung “L´Equipe” von eingefrorenen Urinproben aus dem Jahr 1999, in denen Epo nachgewiesen worden sei.  
Dieses Dopingsmittel war erst seit 2001 nachweisbar. Seither hatte der zurückgetretene Sportstar keine Ruhe mehr. Eintausend Seiten lang ist am Ende der Bericht, den die amerikanische Anti-Doping-Agentur veröffentlicht. Enthüllungen über das Mittel Epo machten die Runde, seit 2005 in Armstrongs Urinproben Epo nachgewiesen wurde.
Dazu Geschichten über Bluttransfusionen und Corticoide. Im Zentrum dieses Dopingsystems steht der italienische Arzt Michele Ferrari, der daran astronomische Summen verdient haben soll.
Ehemalige Teamgefährten von “US postal” wie Floyd Landis gaben eigenes Doping zu und beschuldigten Armstrong. Es tauchten Zeugenaussagen auf, in denen detailliert beschrieben wird, wie die Dopingsünder die Dopingsfahnder austricksten.
Der erfolgreichste Radsportler aller Zeiten – am Ende nur der skrupelloseste Betrüger.
Auch seine olympische Bronzemedaille von Sidney könnte ihm jetzt aberkannt werden. Und mit dem Verlust der 7 Tour-de-France-Siege droht auch die Forderung nach Rückzahlung von drei Millionen Euro Preisgeld. 
 
Philippe Mathieu, Euronews: Michel Rieu, Guten Tag. Sie sind der Autor eines Reports mit dem Titel “Der Kampf gegen Doping”, der im Mai der französischen Akademie für Medizin vorgestellt wurde. Waren Sie überrascht von den Vorwürfen, die im Report der US-Anti-Dopingagentur gegen Lance Armstrong erhoben werden?  
 
Michel Rieu: Nicht wirklich. Es gab schon seit Jahren Gerüchte in der Sportwelt. Seit Juni wussten wir, dass die amerikanische Anti-Doping Behörde diese Informationen über Armstrong, Bruyneel, Dr. Ferrari und viele andere besitzt. Das, was jetzt rausgekommen ist, hat einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Aber damit haben wir gerechnet.
 
Philippe Mathieu: Lance Armstrong wurde nie positiv getestet. Wie kann das möglich sein, bei einem so oft überprüften Meister?
 
Michel Rieu: Das ist ganz einfach, das sagt etwas über die Tour de France aus – und vergessen Sie nicht, 1999 und 2000 wurde noch nicht auf EPO getestet. Das hat sich erst 2001 geändert. Zwischen 2001 und 2005 gab es Fremdblutdoping – Transfusionen von einem Blutspender, die waren damals noch nicht nachweisbar. Und schließlich gab es Eigenblutdoping, das bis heute nicht nachweisbar ist. Sehen wir uns die Regeln des Internationalen Radsportverbands von damals an – kontrolliert wurden der Etappensieger und der Gesamtführende. Die anderen Tests geschahen nach dem Zufallsprinzip. Also wurden alle Kontrollen im Vorfeld geplant. Es wurden die entsprechenden Methoden und Techniken ausgewählt, um ein positives Testergebnis zu verhindern, wenn eine Kontrolle anstand.
 
Philippe Mathieu: Der Internationale Radsportverband hat nun den Bericht erhalten. Was denken Sie, wie wird der Verband reagieren und wie wird es weitergehen?
 
Michel Rieu: Ich bin nicht hier, um im Namen des Verbandes zu sprechen – aber sie sind in einer heiklen Situation. Sollen sie ihm seine Titel aberkennen? Werden sie an ihm ein Exempel statuieren? Werden sie sagen zwischen 1999 und 2005 gab es keinen Tour-Sieger? Es ist eine schwierige Situation und wir müssen den Internationalen Radsportverband verstehen. Der Verband hat dabei mitgeholfen, dass Armstrong solch ein Mythos und so gefeiert wurde. Sie werden vielleicht gezwungen sein, dieses Idol zu zerstören, diesen Mythos. Das ist nicht leicht. Jetzt, da wir wissen, dass Armstrong gedopt hat, ist es für alle Seiten schwierig.
 
Philippe Mathieu: Denken Sie, der Kampf gegen Doping ist überhaupt zu gewinnen – wenn die Doper in dem Spiel immer einen Schritt voraus sind?
 
Michel Rieu: Ich denke nicht, dass der Kampf verloren ist, und dieser Fall ist symbolisch. Wenn er zu seinem logischen Ende gebracht wird, dürfte er allen Dopern eine Lektion sein: Dass niemand davor sicher sein kann, entdeckt zu werden – und das ist sehr wichtig für die Zukunft.