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Goldrausch in Rumänien

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Goldrausch in Rumänien

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In Rumänien herrscht ein politisch vergifteter “Gold-Krieg”… denn es herrscht Wahlkampf! Politiker jeglicher Couleur streiten über ein Multi-Milliarden-Euro-Projekt: Ausländische Investoren möchten Gold im Tagebau gewinnen, versprechen Jobs, satte Gewinne und die Erfüllung aller gesetzlichen Auflagen. Der Präsident Rumäniens hat sich hinter das Projekt gestellt… während sich die Mittelinksregierung von Premierminister Ponta gegen das gigantische Tagebauprojekt positioniert hat.

Es geht um ein kleines Dorf in Transsilvanien, Rosia Montana, seit Jahrtausenden bekannt in ganz Europa, denn in diesen Bergen der Apuseni-Kette schürften schon die alten Römer Gold. Besonders gut gesucht haben sie offenbar nicht, die alten Römer. Und auch nicht die Goldgräber des Mittelalters. Denn genau hier schlummert immer noch das grösste Goldvorkommen Europas.

Calin Pal ist einer der Bergmänner Rosia Montanas. Im grünen Bergarbeiter-Outfit der “Rosia Montana Gold Corporation” führt uns der Mittdreissiger mit dem breiten Lachen hinab ins Herz des “Roten Berges”… “Rosia Montana” auf Rumänisch.

Seit Beginn der Finanzkrise steigen die Goldpreise. Für Investoren eine goldene Chance. In Europa wird derzeit wird nur in Skandinavien und Spanien im Tagebau nach Gold geschürft. Bald könnten Tagebau-Goldminen auch in Portugal, Griechenland, Nordirland, der Slowakei… und in Rumänien eröffnet werden.

Das Rosia Montana Projekt ist umstritten. Aus Umweltschutzgründen, denn um Gold und Silber aus dem Gestein zu lösen, wird Zyanid verwendet. Aber vorallem auch wegen der 2000 Jahre alten Schächte aus der Römerzeit. Wird das einzigartige Kulturerbe zerstört? Die Berge rings um Rosia Montana gleichen einem Schweizer Käse, antike Römer-Gänge allüberall…

Calin ist heute “chef d‘équipe”, berichtet er stolz. Als Team-Leiter kontrolliert er seine Kollegen, ist verantwortlich für das Auf- und Abschliessen, die Kontrolle der Sicherheitsvorschriften… Hier, im gesetzlich geschützten Teil der “Roten Berge”, arbeiten Calin und seine Männer an der Erhaltung der antiken Gänge aus der Römerzeit.

“Ich bin Bergmann in der vierten Generation”, berichtet Calin. “Schon mein Ur-Urgrossvater schürfte Gold. Hoffentlich können auch die kommenden zehn Generationen noch im Bergbau arbeiten.”

Die lokale Bevölkerung in Rosia Montana teilt Calins Meinung. Der kanadische Investor solle endlich anfangen, mit dem Goldabbau ist hier überall zu hören. Doch Gegner warnen: vier Berge werden verschwinden – und damit auch Zeugnisse aus Römer-Tagen. Internationale Archäologenverbände haben sich eindeutig gegen den Tagebau ausgesprochen. “Rosia Montana Gold Corporation” kontert mit dem Bau eines Minen-Museums unter Tage: auf einem Kilometer Länge soll die antike Goldgräbertechnik gerettet und gezeigt werden.

Das ist nicht ganz einfach, denn mit der Erfindung des Schwarzpulvers im Mittelalter verschwanden auch viele der Römer-Gänge: die Goldschürfer und Bergmänner des Mittelalters erweiterten die alten Gänge, sprengten sich mit Pulver quer durch die Berge, zerstörten auf ihrem Weg die bergmännischen Hinterlassenschaften der alten Römer. Trotzdem gibt es noch zahlreiche – meist vereinzelte und nicht zusammenhängend auftretende – antike Römer-Tunnel.

Robert Horvath ist Mitglied eines internationalen Archäologen-Teams. Untertage begrüssen sich Calin und Robert. “Für uns am Wichtigsten ist die Form der Gänge”, meint der junge rumänische Archäologe. “Sobald das ein geometrischer Trapez-Querschnitt ist, wissen wir: hier buddelten schon die alten Römer. Wir haben Steigleitern gefunden und Nischen für Lampen, die ganz anders aussehen als diejenigen aus dem Mittelalter.”

An einer anderen Stelle fanden die Archäologen sogar die hölzernen Reste eines altrömischen Grubenentwässerungssystems. Calins Männer öffnen die verschütteten Gänge mit Schippe und Schaufel für die Archäologen. Keine leichte Arbeit, der Berg arbeitet, schiebt, drückt Erde, Geröll, Steine, Schlamm in die alten Gänge, jahrhundertelang. Die allermeisten antiken Gangsysteme sind deshalb nicht zugänglich, sie sind bis obenhin verfüllt. Calin kennt sich mittlerweile aus, hat ein Auge entwickelt für die streng geometrischen Formen. Er und die anderen Minenarbeiter erledigen den Knochenjob, Robert aus Rumänien und Xavier aus Barcelona arbeiten hingegen mit Senkblei, Messband und Millimeterpapier, vermessen das labyrinthische Gängesystem, zeichnen noch untertage präzise Lageskizzen, die sie später, zurück am Computer, in ein 3-D-Modell verwandeln wollen. Untereinander verständigen sich die jungen Männere auf Englisch. Auch eine französische Wissenschaftlergruppe untersucht die uralten Gänge.

“So eine Mine aus der Zeit der alten Römer ist extrem interessant”, freut sich der Spanier Xavier Gonzalo. “Ganz wenige Archäologen haben in ihrem Leben so eine Chance. Für mich ist das eine völlig neue Erfahrung. Bergbau-Archäologie in einer Mine, die 2000 Jahre alt ist!”

Seit 1998 geht es mit dem Bergbausektor Rumäniens bergab: 550 Minen wurden geschlossen, über 80.000 Menschen entlassen. Die Minen aus kommunistischer Zeit waren unwirtschaftlich, hingen am Trop staatlicher Subventionen und verletzten alle nur erdenklichen europäischen Umweltschutznormen.

Das soll sich alles ändern, versprechen die börsennotierten, kanadischen Investoren (Gabriel Resources), die bereits etwa 400 Millionen Euro in das Rosia Montana Projekt gesteckt haben, als Vorleistung, denn noch fehlt das endgültige “Ja” (oder “Nein”) der rumänischen Regierung.

Unternehmenssprecher Catalin Hosu widerspricht energisch Gerüchten, dass die ausländischen Investoren “Rumänien plündern” wollten, ein Gerücht, das immer wieder von Gegnern des Projektes gestreut oder in der politischen Diskussion verwendet wird: “Wir haben hier die grösste Goldlagerstätte der Europäischen Union: über 300 Tonnen Gold. Wir wollen hier zwei Milliarden Euro investieren. Für Rumänien ist das ein gutes Geschäft: vier Milliarden Euro, also mehr als die Hälfte des Gewinns! Hinzu kommen tausende Arbeitsplätze.”

Hosu zitiert Studien eines Oxforder Institutes, laut der der gesamtwirtschaftliche Nutzen des Rosia Montana Tagebauprojektes für die rumänische Volkswirtschaft im zweistelligen Milliardenbereich liegt, denn es würden ja nicht nur direkte Abgaben und Steuern in das Staatssäckel geleitet, sondern über Vorort-Investitionen auch Folge-Investitionen angestossen. 16 Jahre lang soll hier Gold abgebaut werden (falls die Regierung das genehmigt) und in diesem Zeitraum könnte – je nach Berechnungsgrundlage – eine Summe zwischen zehn und 30 Milliarden Euro an volkswirtschaftlichem Reichtum in Rumänien geschaffen werden.

Problem: das neben Rosia Montana liegende Corna-Tal wird mit zyanidbelastetem Abraum verfüllt. Damit der dort bleibt, will das Unternehmen einen Doppel-Damm bauen, erdbebensicher bis Stärke Acht auf der Richterskala. Nach Ablauf der 16-jährigen Abbauzeit soll der Abraum begrünt werden. Sorin Jurca, Mitglied der “Rosia Montana Kulturstiftung”, ist trotzdem gegen das Projekt: “Das gesamte Gebiet wird zerstört”, meint er. “Das Corna-Tal, in dem noch vierzig Familien leben, die zwei Kirchen, die Friedhöfe… Wenn die Rosia Montana Gold Corporation den Damm baut, dann entsteht hier ein 600 Hektar grosses Rückhaltebecken für Schlamm und Geröll. Das Tal wird ausgelöscht, ausradiert, vernichtet…”

Das Bergbauunternehmen bestreitet diese Zahlen: das Rückhaltebecken habe eine Oberfläche von nur 300 Hektar, und davon seien nur 45 Hektar Wasseroberfläche. Der Zyanidgehalt pro Kilo Abraum sei weitaus geringer als in einem Liter Kaffee.

Doch auch die Regierung Ungarns hat Bedenken angemeldet. Argumentiert wird dort, in Budapest, mit einem – statistisch gesehen extrem unwahrscheinlichen – Dammbruch. Die Rosia Montana Gold Corporation entkräftet das Argument mit einem Verweis auf die Landkarte: es stimme zwar, dass die Vogelfluglinie von Rosia Montana ins benachtbarte Ungarn nicht lang sei. Doch der Wasserweg – und nur auf diesem könnte der zyanidbelastete Abraum weitergeleitet werden – sei immerhin 600 Kilomter lang bis hin zur ungarischen Grenze. Ausserdem liege die Wahrscheinlichkeit eines Dammbruchs bei einmal in zehn Millionen Jahren.

Kenner der politischen Wetterlage vermuten deshalb, dass die nationalpopulistische Regierung in Ungarn das Umweltschutz-Argument nur vorschiebt um von Rumänien (wo eine starke ungarische Minderheit lebt) ein Mitspracherecht bei allen Fragen eingeräumt zu bekommen, die die ungarischsprechenden Rumänen betrifft.

Seitens des internationalen Investors verweist man auf die europäischen Gesetze: die Europäische Kommission habe 2006 die strengsten Bergbauauflagen der Welt erlassen. Während in den USA, Kanada und Südafrika 50 Milligramm Zyanidrückstände pro Kilogramm Abraum erlaubt seien, dürfen in der EU diese Rückstände 10 Milligramm pro Kilogramm nicht überschreiten. Im Rückhaltebecken werde die Zyanidkonzentration hingegen bei ein bis zwei Milligramm pro Kilogramm Abraum liegen.

Die meisten Bewohner des Corna-Tals siedelten bereits freiwillig in das siebzig Kilometer entfernte regionale Ballungszentrum Alba Iulia um.
Gold Corporation investierte dreissig Millionen Euro in die moderne Siedlung, sogar an eine neue Kirche wurde gedacht. Für ältere Menschen mit Gesundheitsproblemen ist die Umsiedlung von Vorteil: die Wege zu Gesundheitsdienstleistungen sind sehr viel kürzer. Auch für manche Familien mit Kindern im schulpflichtigen Alter war der Umzug nach Alba Iulia mit Vorteilen verbunden: Bildungs-, Schul-, Sport-, Weiterbildungs- und Freizeitangebote sind dort vielfältiger. Andererseits ist der Wechsel vom Land in die Stadt für die ländlich geprägten Bewohner Rosia Montanas und Cornas keine leichte, schmerzlose Entscheidung.

Zurück nach Rosia Montana und Daroaia, einem kleinen Dorf im Tal. Viele der Bergarbeiter hier waren zu Zeiten des Kommunismus Roma, mit mehrjähriger Schulbildung, gelegentlich folgender Spezialisierung, Ausbildung zum Mechaniker oder Untertagetechniker. Die Menschen hier hatten ein zwar bescheidenes aber stabiles Einkommen. Doch das ist Vergangenheit. Etwa ein Drittel der Menschen hier sind Roma. Sie traf die Schliessung der Minen besonders hart.

In Daroaia tönen die Schläge eines Eisenschmieds durch die sauberen, gepflegten Strassen der schmucken Roma-Siedlung. Neben einem Schweinekoben hat Anton Pantir eine kleine Esse entfacht, hämmert mit dem Schmiedehammer ein Eisenband zur Schlaufe, Funken stieben im Halbdunkel. Ein tief gekerbtes, ledriges Gesicht beugt sich über die glühenden Kohlen. Anton Pantir hat sein Leben als Bergmann verbracht. Heute lebt er von seiner Rente, schwingt aber immer noch den Arm mit dem Hammer, verdient sich so ein Zubrot: “Wenn die neue Mine öffnet, werden wir Roma alle wieder in Lohn und Brot stehen”, hofft Anton Pantir. “Wenn nicht, dann werden wir am Hungertuch nagen.” Die Situation werde langsam brenzlig, meint Anton Pantir, die Menschen seien seit drei, vier Jahren agressiver, hätten keine Perspektive mehr. Die Abfindung aus dem Jahre 2006, dem Zeitpunkt der Minenschliessung, sei aufgebraucht. Und nur die allerwenigsten hätten einen neuen Arbeitsplatz gefunden. Er ruft seinen Sohn, Dorinel. Auch er arbeitete jahrelang als Bergarbeiter. Doch nicht lang genug, ihm fehlen Renten-Jahre. Jetzt hat die Familie ein Geldproblem.

“Ich schäme mich, es ihnen zu erzählen”, zögert Dorinel Pantir, “ich habe etwas getan, was man hier bei und nicht macht, ich bin nach Spanien gefahren, mit dem Bus, wollte dort arbeiten weil ich hier bei uns einfach alles versucht hatte, überall anklopfte…. aber nein, nichts.” Aber auch in Spanien fand er keine Arbeit. Also bettelte er sich das Geld für das Rückfahrbusticket auf der Strasse zusammen. Dem kräftigen Mann, zwölf Jahre Schulbildung, LKW-Führersein in der Tasche, Mechanikererfahrung und Bergmannkarriere hinter sich, treibt es noch heute die Schamröte ins Gesicht. “Wir Roma wollen nicht weg von hier”, betont er. “Wir wollen hier bleiben, hier arbeiten, hier leben… nur… niemand stellt uns ein.” Wenn es irgendwo einmal einen seltenen Arbeitsplatz gebe, dann würden die “weisshäutigen Rumänen” eingestellt. “Wir sind wie die Schafe, wir müssen draussen bleiben”, sagt Dorinel Pantir bitter und schaut zu Boden.

Auch die Rosia Montana Gold Corporation habe bislang nur wenige Roma eingestellt, beklagt sich Dorinel Pantir. Das sei allerdings Schuld der lokalen Verwaltung: “Gold Corporation sollte direkt mit uns verhandeln, nicht über die Mittelsmänner des Bürgermeisters”, so Dorinel Pantirs Vorschlag. “Das Unternehmen sollte sich schriftlich verpflichten, mindestens ein Mitglied pro Roma-Familie hier in Daroaia, gleich neben Rosia Montana, einzustellen.” Man habe Erfahrung, man könne mit Maschinen umgehen, man habe Kraft, Ausdauer und Arbeitswillen. “200 junge Männer hier bei uns sind wirklich in einer verzweifelten Situation”, betont der ehemalige Roma-Sprecher. “Was sollen die denn machen? Anfangen zu Klauen? Nein, das ist keine Lösung. Auswandern auch nicht. Also was sollen wir tun…?”

Der Niedergang der Industrie führte in dieser Region zu einer Arbeitslosenrate von 80 Prozent. Viele Junge wanderten bereits ab. Nach Cluj. Nach Bukarest. Nach Frankreich, Italien, Deutschland, Spanien…

Ioan Catalina blieb. Das Goldwäscherhandwerk lernte er von seinem Opa. Der kommunistische Geheimdienst versuchte, den privaten Goldgräbern das Handwerk zu legen, erinnert sich der hochbetagte Mittsiebziger an ein Ereignis der 1950er Jahre: “Auf einmal tauchte der Geheimdienstmann der Securitate auf und schrie: Gesicht an die Wand! – Wir hörten das Klicken der Pistole. – Eine Scheinhinrichtung. – Anschliessend mussten mein Opa und sein Freund ihre Goldgräberausrüstung zerstören.”

Trotzdem schürften die Catalinas weiter, wuschen heimlich Gold, zogen von Bach zu Bach. Den kommunistischen Häschern entkamen sie immer wieder. Ioan erinnert sich noch an ein ganz besonderes Weihnachtsfest. Einen ganzen Sommer lang hatte sich sein Opa den Rücken krumm geschuftet, hatte, über das Goldwäscherwerkzeug gebeugt, eine kleine Menge Gold gefunden,“nicht mehr als eine kleine Haselnuss”, lächelt Ioan. In seinen Augen ist ein goldener Glanz zu sehen… In der Stadt tauschte er das Gold um gegen Geld. “Dann, es war kurz vor Weihnachten, kam er zurück mit einem hochbeladenen Pferdewagen, hielt vor unserer Haustüre und lud ab, dass uns die Augen aus dem Kopf kullerten: Salz, Weizenmehl, Treibstoff, Heizöl und…”, Ioan macht eine Kunstpause, “für jedes Familienmitglied ein Paar nigelnagelneue Schweinslederschuhe!”

Zurück nach Rosia Montana. Das rote Wasser, das aus den historischen Gängen der Goldmine fliesst, hat den PH-Wert einer Zitrone. “Rosia Montana Gold Corporation” testet verschiedene Filtertechniken aus Deutschland, darunter auch eine zwar teure aber offenbar recht effiziente Nano-Filter-Technologie. Das Versprechen des Bergbauunternehmens: wir werden nicht nur unsere eigenen Abwässer aufbereiten, sondern auch das Dreckwasser der alten Römer. Unternehmenssprecher Hosu schöft Schmutzwasser aus dem roten Rinnsal, hebt das Glas gegen den Himmel, die Brühe ist trübe. Einige Schritte weiter fliesst klares Wasser aus dem Rückführrohr der kleinen Wasseraufbereitungsanlage: “Was sie hier sehen”, sagt Hosu und hebt die rötliche Dreckbrühe hoch, “ist die historische Verschmutzung. Das wird wohl noch hunderte von Jahren so weiterfliessen. Mit unserem Pilotprojekt belegen wir, dass sich dieses total übersäuerte Wasser aufbereiten lässt. Das Ergebnis: sauberes Trinkwasser.” Sagt es und trinkt das klare Wasser. Die rote Brühe entsteht durch eine chemische Reaktion von Luft, Wasser und erzhaltigem Gestein. Da die Gänge aus Römerzeit den Berg durchlöchert haben, können Luft und Wasser direkt an das Mineralgestein. Weshalb seit Jahrhunderten übersäuerte rote Brühe die Flüsse im 40-Kilometer-Umkreis sichtbar belastet.

Eugen David trinkt lieber Milch und zeigt sich unbeeindruckt. Sein Kuhstall liegt genau zwischen zwei geplanten Tagebau-Grossbaustellen der Gold Corporation. Die Region solle lieber Landwirtschaft und Tourismus entwickeln, meint der bärtige Mann bärbeissig. Die schicke Versuchskläranlage mit Nano-Technik-Filtern bezeichnet er als Propagandatrick, als einen “vergifteten Apfel”, den die Gold Corporation der Bevölkerung hinhalte um sie gewogen zu stimmen für das viel gefährlichere, grössere und giftigere Tagebau-Projekt: “Wir müssen nicht 500 Millionen Tonnen Felsgestein abbauen und dabei hunderttausende Tonnen Zyanid verwenden, um das Problem einer kleinen, übersäuerten Abwasserquelle zu lösen…”

Falls man den nationalen Meinungsumfragen Glauben schenken darf, lehnt die Mehrheit der Rumänen das Tagebau-Projekt ab. Die verarmte Roma-Bevölkerung im Rosia-Montana-Tal hingegen kritisiert lautstark die jahrelangen Verzögerungen und die Unfähigkeit der häufig wechselnden rumänischen Regierungen eine Entscheidung zu fällen.

Ileana Tica hat ein Kleinkind auf dem Arm. In der von mehreren hundert Menschen bewohnten Slumsiedlung gibt es nur eine einzige Wasserquelle. Ein Mann mit einem Bündel Reisig auf dem Rücken schlurft vorbei, sehr junge Mütter mit Kindern drängen sich um uns. Die Menschen hier freuen sich über den Besuch vom Fernsehen, darüber, dass ihnen Gehör geschenkt wird. “Seit die Minen hier geschlossen wurden”, ruft Ileana Tica, “haben wir Roma gelegentlich Probleme mit der Polizei. Einige von uns sammeln Alteisen, deswegen gibt es immer mal wieder Probleme mit den Behörden. Doch wir müssen unseren Kindern ja zumindest ein Stück Brot kaufen können.”

Mihai Valentin Pintea ergreift das Wort. “Hier bei uns gibt es viele Tagelöhner”, erklärt er. “Wenn Du einen Job findest, dann ist alles OK. Doch oft braucht uns niemand. – Deshalb sind wir für das Tagebauprojekt. Ich arbeite gerne, schauen Sie sich meine Hände an, ich bin jemand, der zupacken kann. Ich bin verheiratet, meine Frau erwartet ein Kind, ich muss meine Familie ernähren!”

Felicia Petaca fügt hinzu: “Wir beten, dass der Umweltminister das Projekt endlich genehmigt. Wir brauchen Arbeit!”

Die Häuser innerhalb der historischen Schutzzone von Rosia Montana werden renoviert. Auch das schafft Arbeitsplätze. Gold Corporation zahlt. Aber wie lange noch? Die politische Unsicherheit macht den Managern zu schaffen: mit der Ernennung des Links-Politikers Victor Ponta zum Regierungs-Chef, früher im Jahr, stürzte der Aktienkurs von Gold Corporation ab. Denn Ponta zählt zu den Kritikern. Die Aktionäre mussten das laufende Budget kürzen, um die explodierenden Verluste halbwegs im Griff zu halten. Noch gibt sich die Rosia Montana Gold Corporation nicht geschlagen. Das Unternehmen – zu achtzig Prozent vom kanadischen Investor Gabriel Resources und zu zwanzig Prozent vom rumänischen Staat gehalten – hofft darauf, dass die Dezemberwahl in Rumänien Klarheit schafft.

Der rumänische Generaldirektor des Unternehmens, Dragos Tanase, lockt und warnt zugleich: “Viele Leute werden hier einen Arbeitsplatz bekommen. Viel Geld fliesst in die Staatskassen. Doch jetzt muss entschieden werden. Wir sind mit unserer Geduld am Ende und wir können kein Geld drucken. Irgendwann ist das Konto leer. Es ist nun der Moment gekommen, dass die Regierung eine Entscheidung fällen sollte.”

Auf dem Weg zur Chorprobe, macht Calins Vater Mircea kurz Halt am alten Römerschacht, für einen Schwatz mit früheren Kollegen und seinem Sohn, es ist Schichtende.

Bald sind Parlamentswahlen in Rumänien. Deren Ausgang könnte die Weichen stellen, ob das Multi-Milliarden-Projekt anrollt oder nicht. Ein Thema auch unter den Bergarbeitern.

“Bergbau ist wichtig, damit wir unser Auskommen hier bei uns verdienen können und nicht im Ausland arbeiten müssen”, meint Calin Pal. “Sohn!”, erwidert Vater Mircea, “Ich bin stolz auf Dich, dass Du unserer Familientradition folgst und hier in der Region Deinen Lebensunterhalt verdienst.”

Goldrausch – Ja oder Nein? Die anstehende Entscheidung wird diese Gegend Europas radikal verändern. So oder so.