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Richard: "Wir dürfen das Vertrauen der Mitarbeiter nicht verlieren"

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Richard: "Wir dürfen das Vertrauen der Mitarbeiter nicht verlieren"

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France Telecom Orange ist der größte Telekommunikationsanbieter in Frankreich und auch international äußerst aktiv, mit einem Umsatz in Höhe von 46 Milliarden Euro. Aber wie seine Konkurrenten spürt der in 35 Ländern vertretene Konzern die großen Umbrüche, nicht nur wegen der Finanzkrise. Euronews hat France-Telecom-Chef Stéphane Richard zum Interview getroffen.

euronews:
France Telecom Orange hat angekündigt, 4000 neue Mitarbeiter einzustellen. Teilweise werden damit Ruheständler ersetzt. Ist das eine Reaktion auf die Wirtschaftskrise oder auf das Auftauchen eines neuen Mobilfunkbetreibers?

Richard:
Beides. Am französischen Markt hat es einen rasanten Rückgang der Umsätze von Betreibern gegeben. Das hängt damit zusammen, dass die Umsätze per Kunde in diesem Jahr um rund 10 Cent gesunken sind. Das ist nicht wenig und es geschieht in einem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld. Es gibt kein Wachstum, die Kaufkraft nimmt nicht zu, daher addieren sich all diese Effekte. Wir haben angekündigt, in den nächsten drei Jahren 4000 Mitarbeiter einzustellen, was für den französischen Arbeitsmarkt sehr positiv ist. Natürlich werden diese 4000 neuen Stellen nicht alle Abgänge ersetzen, man kann derzeit nicht sagen, wie viele Mitarbeiter in den Ruhestand gehen, aber ich möchte betonen, dass niemand seinen Job verlieren wird. Der französische Arbeitsmarkt ist derzeit angespannt, immer weniger Menschen haben eine Anstellung. Daher sind unsere Anpassungsmaßnahmen natürlich eine Reaktion auf das Erscheinen des vierten Betreibers und auf das schwierige wirtschaftliche Umfeld.

euronews:
Als der vierte Mobilfunkbetreiber im Januar am Markt auftauchte, gab es eine Massenabwanderung der Kunden. Haben Sie inzwischen wieder Kunden zurückgewonnen?

Richard:
Wir haben Kunden verloren, ich würde es nicht als Massenabwanderung bezeichnen aber es gab eine gewisse Umschichtung. Nehmen wir die Zahlen von Orange: Wir hatten etwas mehr als 26 Millionen Mobilfunkkunden in Frankreich und im zweiten Quartal haben wir ungefähr 600.000 verloren. 600.000 von 26 Millionen, das ist keine Massenabwanderung. Seit Juni kommen wieder Kunden hinzu. Das heißt, dass wir keine Kunden verlieren oder zumindest mehr Neukunden gewinnen als wir Kunden verlieren, weil es natürlich immer Bewegungen in beide Richtungen gibt. Der eigentliche Effekt dieses vierten Betreibers am Markt ist nicht so sehr der Kundenverlust, es ist der Preisverfall. Wie überall in Europa hat der neue Betreiber neue Preisstandards eingeführt. Die Preise liegen bei 20 Euro pro Monat für eine Flatrate, ohne Handy. Und der Markt wird sich natürlich nach diesen neuen Preisstandards richten. Wenn man das mit der Situation davor vergleicht, bedeutet das einen spürbaren Rückgang unseres Gewinns und das ist die größte Auswirkung des vierten Betreibers am Markt.

euronews:
Beeinflusst dieser Preisverfall auch die Investitionen?

Richard:
Selbstverständlich. Und dazu muss man eines sagen: Niedrigere Preise sind für die Kunden kurzfristig natürlich attraktiver und ich kann verstehen, dass diese Entwicklung sehr positiv beurteilt wird. Aber das Problem ist, dass wir eine Branche sind, die eine Infrastruktur benötigt und man muss jedes Jahr viel investieren, um die Leitungen zu warten und neue Datenleitungen für die Zukunft aufzubauen. Heute ist es unser Hauptvorhaben, das mobile Breitband auszubauen. Die neue Technik erlaubt einen zehnmal schnelleren Datentransfer und ist für den Kunden eine ganz neue Erfahrung, mit höheren Downloadraten und einem besseren Internetzugang. Das ist eine wirklich außergewöhnliche Entwicklung. Um aber in solche Neuerungen zu investieren, was ja von uns erwartet wird, müssen wir die entsprechenden Möglichkeiten haben, und alles, was wir den Kunden heute an Preisnachlässen gewähren, steht uns morgen nicht mehr für Investitionen zur Verfügung.

euronews:
Vor einiger Zeit befand sich France Telecom Orange in einer tiefen Krise, einige Mitarbeiter begingen sogar Selbstmord. Sie haben dem Konzern ein Programm gegen diese Krise verordnet. Was sind die Ergebnisse?

Richard:
Als ich vor drei Jahren mein Amt antrat, befand sich das Unternehmen in einer sehr tiefen und sehr speziellen Krise. Es war keine Krise, in der es Demonstrationen auf den Straßen gegeben hätte, es war eher eine Art kollektiver Depression, die in den Jahren nach der Dot-Com-Blase entstanden ist. Mein erstes Anliegen war es, Wege für Gespräche zu finden, die das Klima verbessern könnten, und auch, den Gewerkschaften neue Verträge anzubieten. Wir nennen es unseren neuen Sozialvertrag, weil diese Verträge auf Übereinstimmungen basieren, die von den Gewerkschaften gebilligt und unterzeichnet wurden. Damit hatten wir schließlich ein ganz neues Regelwerk für unser Zusammenleben. Was ist nun die Bilanz dieser drei Jahre? Ich denke, fraglos gab es eine deutliche Verbesserung des Betriebsklimas. Wir überprüfen das mit Hilfe von halbjährlichen Untersuchungen unter allen 4000 Mitarbeitern, und das gestattet es uns, die Bereiche zu identifizieren, in denen es eine Verbesserung gibt, und jene, in denen noch etwas zu tun ist. Die Situation ist jetzt viel besser, wir haben innerhalb des Konzerns zu einem echten Dialog gefunden, aber gleichzeitig sollte man nichts als gegeben hinnehmen, es gibt noch immer viel zu tun und die Schwierigkeiten, die Spannungen an den Märkten sind heute ein großes Risiko. Das schließt auch die Gefahr mit ein, dass unsere Mitarbeiter wieder unter zu viel Stress geraten, nicht durch die Linie des Managements, aber durch das Umfeld. Wenn man jeden Tag hört, dass die Konkurrenz Leute entlässt oder Schlimmeres, und wenn man selbst in diesem Bereich arbeitet, kann das Stress erzeugen. Daher glaube ich, dass wir gerade jetzt sehr wachsam sein müssen, und wir müssen uns ganz strikt an den Sozialvertrag halten, den wir unseren Mitarbeitern in Frankreich angeboten haben, denn das erlaubt es uns, Vertrauen zwischen dem Unternehmen und jenen, die für uns arbeiten, herzustellen, ein Vertrauen, das wir nicht verlieren dürfen.

euronews:
Eine Studie hat Ihr Unternehmen unter allen CAC40-Konzernen als besten Arbeitsplatz für Frauen bezeichnet. Ist das eine Folge Ihrer Sozialpolitik?

Richard:
Tatsächlich ist dieses Thema für mich sehr wichtig und ich habe mich sehr darum bemüht, seit ich mein Amt angetreten habe. Es ist aber auch eine Tradition bei Orange, in diesem Bereich mit gutem Beispiel voranzugehen. Ich bin also der Erbe einer starken Tradition. Ich bin sehr stolz, dass Orange diesbezüglich auf Platz 1 unter den CAC40-Unternehmen gesetzt wurde, weil ich dieses Thema für sehr wichtig halte. Es ist zunächst eine Frage der Gerechtigkeit, denn heute nehmen Frauen den Platz ein, den sie verdienen, und das gilt für alle Bereiche der Gesellschaft, etwa für die Politik, und das muss natürlich auch für Unternehmen gelten. Das ist also eine wichtige Frage, mit der wir uns permanent auseinandersetzen und die wir unterstützen. Ich denke, die Rolle des Chefs ist dabei auch wichtig, denn der Chef kann in solchen Fragen ein gutes Beispiel geben. Ich bin also glücklich über diesen ersten Platz und werde alles tun, damit wir ihn auch behalten.