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Das Ost-West-Problem der Ukraine

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Das Ost-West-Problem der Ukraine

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Luhansk, ein Ort im Osten der Ukraine. In einer der Regionen, für die Russisch zur zweiten Amtssprache ernannt wurde, weil hier für mehr als 10 % der Einwohner Russisch die Muttersprache ist.
Eine Folge von fast 70 Jahren Sowjetunion, in der Russisch die Staatssprache war und die Bürger Wohn- und Arbeitsort quer durchs Land wechselten.
Und doch haben hier die Bürger das Sprachgesetz abgelehnt. Sie wollen mit ihren ukrainischen Nachbarn Ukrainisch sprechen.
“Die pensionierte Lehrerin Valentina Romenska spricht von unterschiedlichen Vorstellungen vom Patriotismus. Im Osten wird die Sowjetarmee als Befreier angesehen. Im Westen sehen sie so die Nationalisten, die mit den Faschisten gekämpft haben. Aber das war eine andere Zeit und jetzt lebt eine neue Generation, deren Hoffnung darin besteht, dass diese historischen Gegensätze überwunden werden können – mit Menschen wie uns.”
Das Brautpaar illustriert sehr schön, was die alte Lehrerin meint: Obwohl die Muttersprache der Brautleute RUSSISCH ist, pflegen sie den ukrainischen Brauch, nach der Trauung Brot zu brechen. Russisch als zweite Amtssprache soll den Menschen ermöglichen, amtliche Dokumente in ihrer Muttersprache zu lesen und auszufüllen – da man gewöhnlich die Muttersprache am besten beherrscht.
So sieht es auch dieser Taxifahrer. Für ihn ist es einfacher, er riskiert weniger Fehler, wenn der Belege und Dokumenten in Russisch ausfüllt.
Dabei soll natürlich Ukrainisch die erste Landessprache sein, meint er – auf Russisch, denn das kann er nun einmal auch für ein Interview besser. Und er findet, es ist eine Schande, wenn man in einem Land lebt, um dessen Sprache man sich nicht wenigstens bemüht oder dessen Geschichte man nicht kennt.
Auf den Wahlplakaten im Ort stehen auf Russisch Fragen wie: “Bürger der Union oder Europäer?”
“Anhänger von Putin oder von Bandera?”
“Kosmos oder Sklaverei?”
In dieser Region so nahe an Russland lebt noch viel Sowjet-Nostalgie. Laut Sprachengesetz sollten die Medien verpflichtet sein, ihr Programm zu 75 % auf Ukrainisch zu gestalten. Die DJ´s vom russisch-sprachigen “Prosto-Radio” in Kiew haben daraufhin ihren “ukrainischen Donnerstag” eingeführt. Radiofrau Valeria Chachibaya berichtet von ihrer Erfahrung: “Wenn ich jemanden auf Ukrainisch anspreche, dann wechselt der auch in diese Sprache.
Oft nur zwei, drei Sätze, dann geht es zurück zu Russisch. Die Leute haben eben Stress mit dem Wechsel der Sprachen. Wenn man aber systematisch sich auf eine Sprache konzentriert, dann hilft das. Also hören die Leute jetzt am Donnerstag in ihrem Radio ihr “Guten Morgen” auf Ukrainisch. Und damit fühlt man sich dann der ukrainischen Gemeinschaft zugehörig.”
Hier im Westen des Landes ist ukrainisches Heimatgefühl verwurzelt. Die Stadt gehörte als “Lemberg” zum Habsburger Kaiserreich, als “Lwow” zu Polen und präsentiert sich heute als das ukrainische “Lviv”. Mitglieder der regierenden “Partei der Regionen” hatten sich an den Verfassungsrat gewandt mit dem Ergebnis, dass Regionen ihre eigene Entscheidung zur Anwendung der Zweisprachigkeit treffen können.
Im Regionalrat von Lviv hört man vom gewählten Politiker Oleh Pankevych, den Vorsitzenden des Regionalrates, niemand sage, dass das Recht der Russisch sprechenden Ukrainer verletzt werden soll.
Im Gegenteil. In Radio und Fernsehen, auch in Büchern dominiert nach wie vor Russisch.
In Lviv wird nun neu über die Anwendung des umstrittenen Sprachengesetzes nachgedacht.
Dazu haben sie eine Arbeitsgruppe eingesetzt.