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30 Jahre soziale Missstände in französischen Banlieues
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Der Film “Der Hass” von Mathieu Kassovitz ist in Frankreich ein Symbol für die explosive Situation in den Vororten. In der Einleitung wird erklärt: Dies ist die Geschichte einer Gesellschaft, die abstürzt. Während sich ein junger Mann – stellvertretend für alle – aus einem Hochhaus stürzt, wiederholt er, um sich zu beruhigen, immer wieder: ‚Bis hierher lief’s noch ganz gut, bis hierher lief’s noch ganz gut…‘. Aber wichtig ist nicht der Fall, sondern die Landung!“ 

17 Jahre nach dem legendären Film “Der Hass” über die sozialen Missstände in den französischen Vorstädten, 30 Jahre nach den ersten Unruhen dort, hat sich die Problematik nicht verändert. Eine in Europa einzigartige Mischung aus Arbeitslosigkeit, Schulabbrechern, Ghettoisierung, Diskriminierung, Ressentiments, die eine Schattenwirtschaft schafft, den radikalen Islamismus wachsen lässt, sowie Wut und regelmäßige Gewaltausbrüche produziert. Die Unruhen des Jahres 2005 schienen einen Wendepunkt zu markieren. Aber wieder hat sich praktisch nichts verändert. Warum?
 
Der französische Staatssekretär für Solidarität Benoît Hamon meint:
 
“In den Vorstädten haben sich besondere Probleme gebildet, nach jahrerlanger Vernachlässigung durch die Politik.”
 
Der Historiker Pap Ndiaye sagt:
 
“Charakteristisch für diese Politik ist ihre Unstetigkeit, das ist auch eine Folge ihrer Gießkannenpolitik.”
 
Und der Vertreter eines Vereins in den Vorstätdten, Mohamed Mechmache, Präsident von AcLefeu:
 
“Es gab leider keine echte Bereitschaft, die Dinge zu verändern. Man setzt weiter Flicken auf den bereits geflickten Fahrradschlauch. Man packt nicht die wirklichen Probleme an, wie man es müsste.”
 
Michèle Picard, Bürgermeisterin von Venissieux – einem Vorort von Lyon – beklagt:
 
“Man kann sonstwas auf lokaler Ebene machen, aber wenn der Staat nicht seine Aufgaben erfüllt, dann ist das wie ein Pflaster auf einem Holzbein.”
 
Insbesondere die Sanierung hat dort, wo sie stattgefunden hat, oft nur das Elend verdeckt. Eine schöne Fassade, die die Probleme kaschiert, aber nicht löst. In Clichy sous Bois, einer Pariser Banlieue, wo 2005 die Unruhen begannen, hat sich nichts getan. Der Zustand und die Stimmung haben sich verschlechtert.
 
euronews-Reporterin Sophie Desjardin:

“In diesen Hochhäusern gibt es keine Heizung. Und das nicht nach 15 Tagen oder einem Monat, sondern seit drei Jahren. Es gibt auch keinen Aufzug. 40 Prozent Arbeitslosigkeit bei den unter Fünfundzwanzigjährigen und keine Bereitschaft mit uns zu sprechen. Sie haben kein Vertrauen mehr, weder in die Medien, noch in Frankreich. Sie fühlen sich im Stich gelassen.”
  
In den unzähligen Reportagen über die Banlieues wurde viel inszeniert, viele Klichees und wenig Fortschritt gezeigt. Medien, Polizei und Staat werden hier in einen Topf geworfen. Diese Gebiete sind langsam zu gesetzlosen Zonen geworden, in denen jemand, der nicht von hier kommt, nicht willkommen ist.
 
Außer Sichtweite, weiter weg, ist Abdel einverstanden, mit dem euronews-Team zu sprechen. Er ist in Clichy geboren und aufgewachsen. Er erstellt Computergrafiken, er ist ein Autodidakt. Seine kleine Firma ist langsam, aber sicher erfolgreich. Die Problematik seiner und früherer Generationen erklärt er vor allem durch die Geschichte Frankreichs.
 
Abdel:
 
“Es ist, als ob Frankreich mein Vater und ich sein uneheliches Kind wäre, das man nicht anerkennt, das die Leute nicht wollen. Unsere Eltern zahlen Steuern wie alle anderen auch, aber sie werden an den Rand gedrängt, als ob man sie nicht brauchen würde. Aber man brauchte sie, man hat sie aus ihren Ländern geholt. Man brauchte sie, um Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg wiederaufzubauen. Und heute, da man sie nicht mehr braucht, heißt es: ‘Haut ab, wir wollen Euch nicht mehr’!”
  
euronews: “Fühlst Du Dich als Franzose?
 
Abdel: “Ich? Nein!”
 
euronews: “Warum?”
 
Abdel: “So halt.”
 
euronews: “Als was fühlst Du Dich?”
 
Abdel: “Ich fühle mich wie jemand aus der Banlieue.”
 
euronews: “Wirklich?”
 
Abdel: “Ehrlich gesagt überhaupt nicht, ich lebe in Frankreich, ich bin in der französischen Kultur großgeworden. Aber wenn ich ein Problem habe oder Hilfe brauche, unterstützt man mich nicht.”
 
Klar ist, dass die sozialen Missstände bei den Bürgern aus den ehemaligen Kolonien ausgeprägter sind. Ein historischer Groll, der nicht vergeht und von täglichem Rassismus und Klischees genährt wird. Ein Jugendlicher aus der Banlieue ist in der Vorstellung der Leute sehr oft ein Araber oder Schwarzer, ungebildet, respektlos und bereit, bei der ersten Gelegenheit, ein Auto anzuzünden.
 
 
Der Regierungsvertreter Benoît Hamon:
 
“Im Grunde wird die Banlieue mit jugendlichen Kapuzenträgern und Unordnung verbunden. Aber man kann auch eine Kapuze tragen, ohne gleich der alten Oma die Handtasche zu rauben. Wir müssen mit diesen Klichees aufhören. Man stellt die Banlieue immer wie einen Ort dar, der nicht lebenswert ist, wo die die Menschen unglücklich sind, keinen Job haben, wo man natürlich nach der sechsten Klasse von der Schule abgeht, aber die Banlieues sind nicht so. Das bedeutet natürlich nicht, dass es dort überhaupt keine Probleme gibt, aber die Banlieue ist mehr als ein Problemschwerpunkt. Und wenn man aufhören würde, sie so zu sehen, würde das den Leuten helfen, sich besser zu fühlen.”
 
Michèle Picard, die Bürgermeisterin erklärt:
 
“Man interessiert sich immer nur für die Banlieues, wenn es Probleme gibt, man ist nicht so interessiert, wenn alles gut läuft. Wenn unsere Kriminalitätsstatistik gut ist, spricht man nicht darüber, nur wenn etwas passiert. Ich glaube, wir sollten nicht die Kriminalität und Gewalt unter den Teppich kehren, aber gleichzeitig unsere Viertel auch nicht darauf reduzieren.”
 
Hapsatou Sy:
 
“Ich habe es satt, dass man mit dem Finger auf diese Leute zeigt, als wären sie schlechtere Menschen. Ich glaube, wenn wir aufhören zu sagen, diese Unternehmerin ist in der Banlieue aufgewachsen oder das ist eine schwarze Unternehmerin, sind wir einen großen Schritt weiter.”
 
Hapsatou Sy hat viele Hindernisse in ihrem Leben gemeistert, sie ist es gewohnt, Vorurteile zu brechen. Mit 24 Jahren hat diese Frau aus Senegal-Mauretanien, die mit acht Geschwistern in der Banlieue aufwuchs, ihren ersten Schönheitssalon eröffnet. Sieben Jahre später sind es 17 Geschäfte.
 
Hapsatou Sy:
 
“Ich glaube, dass jemand, der aus einem extrem armen, bescheidenen und schwierigen Milieu kommt, jemand ist, der vielleicht vom Leben gezeichnet ist. Und der sich deswegen bestimmter Dinge bewusster ist, als jemand, der zwischen seidenen Bettlaken geboren wurde. Ich bin mir dieser Dinge bewusst, denn ich habe meinen Vater täglich um sechs Uhr das Haus verlassen sehen, um seinen Mindestlohn zu verdienen. Und das mit einem unglaublichen Stolz, ich hörte ihn nie klagen. Und wenn man so ein Vorbild hat, dann versucht man, etwas aus sich zu machen.
 
Sie ist ohne Zweifel ein gutes Vorbild, auch wenn sie sich nicht gern in dieser Rolle sieht. Wie können Jugendliche aus dem Teufelskreis ausbrechen? Dass das Scheitern in der Schule  sie nicht dazu verlockt, leichtes Geld mit Drogenhandel oder anderen Verbechen zu verdienen.
 
 
Michèle Picard:
 
“Die Prioritäten liegen auf Schulbildung, Ausbildung und Beschäftigung, das ist das Wichtigste.”
 
Mohamed Mechmache:
 
“Man kann nicht sagen, eines davon ist wichtiger als das andere, es ist eine Einheit. Wohnen, Arbeit, Schule, das sind die Prioritäten. Man muss an der Basis anfangen. Zuallererst muss man sich um die Jugendlichen kümmern, sie unterstützen, so gut wie es geht. Um sicherzustellen, dass sie die Regeln kennen und respektieren, wenn sie die Schule verlassen. Denn mit 11 oder 12 Jahren sind sie in der Pubertät. Man muss diese Viertel zurückgewinnen, um zu verhindern, dass sie von der Kriminalität beherrscht werden.”
 
Laut Staatssekretär Hamon betreffen bestimmte Maßnahmen wie der anonyme Lebenslauf – also ohne Angaben zu Namen, Alter oder Herkunft – direkt die Jugendlichen aus den Banlieues. 
 
Benoît Hamon:
 
“Wir haben in meinem Minsterium vor drei Wochen einen Vertrag mit einer Organisation unterzeichnet, die Arbeit für junge Menschen aus diesen Vierteln finden will. Das Ziel sind 5000 Praktika für Jugendliche mit einem Abschluss. Wir sind sehr aktiv, wir nehmen es nicht mehr hin, dass junge Menschen mit Fähigkeiten diskriminiert werden. Ich sage nicht, dass es mehr von ihnen in den Banlieues gibt als anderswo. Es gibt ebenso viele von ihnen in den Banlieues wie anderswo. Und es ist unerträglich, dass diesen jungen Menschen nicht geholfen wird. Und am Ende schafft diese Diskriminierung Verzweiflung und manchmal Gewalt.“ 
 
Abdel:
 
“Meine Träume? Um ehrlich zu sein, ich habe aufgehört zu träumen, das bringt doch nichts.”

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