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"Der iranische Frühling wird kommen"

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"Der iranische Frühling wird kommen"

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Euronews-Kultur-Reporter Wolfgang Spindler hat im griechischen Thessaloniki auf dem dortigen Filmfest den iranischen Filmemacher Bahman Ghobadi getroffen. Der Exiliraner sprach mit Euronews darüber, was ihm Kraft gibt, Filme zu machen und weshalb der Regisseur sich sicher ist, das es einen zweiten Anlauf geben wird, zu einem erneuten iranischen Frühling, der diesmal, da ist Ghobadi sich sicher, dann auch erfolgreich verlaufen wird.

euronews, Wolfgang Spindler:
Ihr letzter Film war der erste, den Sie gedreht haben, nachdem Sie Iran verließen. Wie war das, zum ersten Mal nicht mehr in der Heimat zu drehen? Fühlten Sie sich eher verloren oder erleichtert?

Bahman Ghobadi:
Also erstmal möchte ich klarstellen, dass ich den Iran nicht “verlassen” habe. Man hat mich gezwungen, außer Landes zu gehen. Natürlich ist es schwer in einem Land zu drehen, wo man weder Sprache noch Kultur versteht. Dieser Film reflektiert also meine Gefühle, der Zeit, seit ich Iran verlassen habe. Sehr persönlich, sehr künstlerisch.

W.Spindler:
Beim Cannes Film Festival konnte ich Ihren Kollegen Asghar Farhadi interviewen. Er meinte, das Problem im Iran sei nicht nur Zensur und Restriktion, sondern bei den Filmschaffenden auch die Schere im eigenen Kopf, die oft nicht einmal wahrgenommen wird. Was meinen Sie dazu?

B. Ghobadi:
Nun, ich habe immer gesagt, was den Aspekt der Zensur angeht, sind wir selbst eine größere Gefahr, als der Staat. Es ist ja nicht so, als ob wir die Zensur wollten. Doch unter dem ewigen Druck des Regimes verhält man sich, wie ein zu Tode Verurteilter. Sie behandeln Dich sehr mies, sodass Du selber töten willst. Der Iran heute ist wie ein Angeschossener, schwer Verletzter. Wir müssen dem Land helfen, es wieder auf die Beine zu bringen.

W.Spindler:
Hat es Sie sehr bedrückt, als Sie den Iran verließen?

B.Ghobadi:
Ja, also 3 oder 4 Jahre lang, fühlte ich eine Art Hand, die versucht mich niederzuringen, mich zu erwürgen. Dieser Film hat mir ein wenig geholfen, das zu verarbeiten. Ich atme jetzt leichter.

W.Spindler:
Sie haben mal gesagt, Sie hätten das Kino gehasst und dann wurden Sie professioneller Filmemacher. Was ist Ihre Mission? Was treibt Sie an, als Regisseur?

B.Ghobadi:
Ich bin mir da nicht sicher: es ist da eine Art Energie, die aus meiner Kindheit kommt, speziell meinen Erinnerungen daran. Die tragen mich und helfen mir, Filme zu machen. Eine Kraft, die aus meinem Land kommt, unserer Kultur, dem kurdischen Unglück im Laufe der Jahre und all der Unsicherheit, die über allem Leben hier schwebt. All das lässt mich Filme machen. Es stimmt: so richtig habe ich Film, Kino, Theater nie gemocht, weil es so schwierig ist, hier im Iran zu arbeiten. Ich habe nie einen Regiestuhl aufstellen können und einfach nur sagen können: “Action”. So einen Stuhl gab es nie.

W.Spindler:
Aber das Kino ist doch wichtig! Es erzählt Geschichten, es portratiert Ihr Land, es ist wie ein Fenster des Iran in die Welt. Könnte DAS nicht Grund genug sein, iranische Filme zu produzieren?

B.Ghobadi:
Ja, sicher. Das ist ja auch der Grund weshalb ich weiter mache. Filme, Kameras sind effektive Waffen. Ich bin nicht oft bewaffnet herumgelaufen aber jetzt bin ich bewaffnet und ich nutze das, um meine Heimat zu verteidigen. Ich versuche auch, der Welt die Geschichte meines Volkes näher zu bringen. Dazu kommt, das ich aus einer Welt komme, wo die Behörden Deine Gedanken lesen wollen. Sie wollen wissen, was Du denkst, wie Dein nächster Film aussehen wird. Wenn Dein Drehbuch fertig ist, lassen Sie dich monatelang warten, bis du die Drehgenehmigung bekommst. Und dann wird dir immernoch jemand von den sicherheitsbehörden an die Seite gestellt, die Dreharbeiten zu überwachen. Danach braucht es eine neue Erlaubnis, den Film vorzuführen. Eine weitere Genemigung, den Film zu Festivals einzuschicken etc. Man hat ständig Angst – ein echter Spaß für Filmemacher.

W. Spindler:
Wir haben den arabischen Frühling gesehen, der einige arabische Länder regelrecht umgekrempelt hat. Bisher gab es aber noch keinen persischen Frühling, der warm genug gewesen wäre, die Temperatur im Iran zu ändern. Besteht Hoffnung auf Änderung im Iran?

B.Ghobadi:
Naja, kein persischer Frühling, ein iranischer vielleicht. Denn Iran ist nicht Persien. Die Perser sind EIN Volk im Iran. Daneben gibt es die Kurden, die Balutchis, Araber, Aseris. Wenn all diese Volksgruppen sich zusammentun und sich erheben, dann würde der iranische Frühling erfolgreicher als 2009 werden, da bin ich mir sicher. Ich habe aber den Eindruck, das sowohl im Iran als auch in der Welt ein Interesse daran bestand, die Revolution zu unterdrücken. Dennoch werden die Kurden, Aseris, Balutschis sich erheben und bald einen neuen iranischen Frühling bringen. Ich hoffe, das Regime gibt dann klein bei und gibt den Völkern im Iran ihre Rechte zurück.