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Ursachenforschung im neuen Gazakonflikt

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Ursachenforschung im neuen Gazakonflikt

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Seit einiger Zeit hat der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern vor sich hin geschwelt: Jetzt
ist er mit einem Mal wieder voll entflammt, nach der
Ermordung eines Spitzenvertreters der Hamasbewegung durch Israel.

Die Palästinenser vermuten darin ein Störmanöver, kurz bevor sie Ende des Monats ihren Status bei den Vereinten Nationen aufwerten wollen.

Warum also jetzt diese neue Gewalt in Gaza? Das fragen wir den französischen Politikforscher Pascal Boniface: Liegt es an den palästinensischen UNO-Bestrebungen, oder vielleicht auch an der bevorstehenden Parlamentswahl in Israel?

Boniface: Es gibt einen allgemeinen strategischen Zusammenhang. So steigen die Spannungen zwischen Israel und Syrien mit dem isolierten Baschar Assad. Auch von dort kamen Raketen, so dass Israel sich Sorgen macht.

Dann gibt es natürlich auch Dinge zwischen Israel und den Palästinensern: Dabei geht es durchaus um
die Wahl in Israel Ende Januar. Eine Politik der Stärke macht immer Eindruck, so dass Benjamin Netanjahu damit vielleicht Stimmen gewinnen will.

Dann steht aber auch die Hamas vor einem Problem, wegen des palästinensischen Antrags in der UNO-Vollversammlung, der dort auch durchgehen wird. Mit welcher Mehrheit, ist unklar, weil man zum Beispiel die Haltung der europäischen
Länder nicht kennt. Aber die Mehrheit ist dafür, und in der Vollversammlung gibt es kein Veto.

Euronews: Kann wieder so etwas passieren wie der Gazakrieg Ende 2008, mit schweren Folgen für die Zivilbevölkerung?

Boniface: Das kann man nicht ausschließen, aber das ist nicht das Wahrscheinlichste. Israel wäre dann noch stärker isoliert als damals. Seine Strategie ist es außerdem, den Iran als größte Gefahr in der Region darzustellen, nicht die Palästinenser.

Ein Einmarsch von Bodentruppen könnte jetzt auch schwieriger sein, weil die Palästinenser mehr Panzerfäuste haben. Für Israels Armee könnte es zur Falle werden, politisch ebenso wie militärisch.

Auch in den Medien wäre es eine Falle: Menschliche Verluste würden nur der weltweiten Popularität der Palästinenser helfen – wenige Tage vor der Abstimmung in der UNO-Vollversammlung.

Euronews: Wem nützt dieser dauernde Kriegszustand – der Hamas oder Israel?

Boniface: Er nützt der Likudpartei und der israelischen Regierung: Sie muss zeigen, dass sie das Land führt und beschützt, dass sie die Politik der Stärke beherrscht.

Diese Kämpfe könnten die Hamas zum wichtigsten Gegner Israels machen. Zwischen Israel und den Palästinensern gäbe es dann ebenso einen Wettbewerb wie innerhalb Israels, zwischen den Befürwortern von Verhandlungen und denen von Gewalt. Diese Trennungslinien finden sich genauso bei den Palästinensern, zwischen der Hamas und der
Fatah.

Euronews: Gefährden die Angriffe die Beziehungen Israels zu Ägypten?

Boniface: Krieg wird es zwischen Ägypten und Israel
jedenfalls nicht geben. Ägypten wird keinen Krieg führen; manche würden schon gerne, aber sie haben dazu nicht die Mittel.

Das Kräfteverhältnis ist sehr zugunsten Israels: Sollte Ägypten so ein Abenteuer beginnen, würde es
militärisch klar besiegt werden und dazu gedemütigt. Das Risiko kann keiner eingehen.

Die Stimmung in Ägypten ist gegenüber Israel nicht gut, und die politischen und diplomatischen Beziehungen werden sich natürlich verschlechtern – aber eine Rückkehr zum Krieg wird es nicht geben, ganz einfach wegen der militärischen Kräfteverhältnisse. Außerdem würde dann Amerika seine Hilfe für Ägypten einstellen.