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Exklusivinterview mit Cesare Prandelli

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Exklusivinterview mit Cesare Prandelli

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Fairplay, Ehrlichkeit und soziales Engagement sind die Gründe dafür, dass er kürzlich den “Tor Vergata Ethics of Sport Award” erhielt – nur eine von vielen Auszeichnungen, die er in seinem Leben als Spieler und Trainer erhalten hat. Cesare Prandelli ist seit 2010 der Trainer der italienischen Nationalmannschaft, mit der er bei der Europameisterschaft im Juni das Finale erreichte.

Aufgewachsen beim US Cremonese, ist Prandelli vor allem für seine Zeit bei Juventus Turin bekannt. Zwischen 1979 und 1985 gewann er mit Juve dreimal die Meisterschaft, einmal den Pokalwettbewerb, den Europapokal der Landesmeister und den europäischen Supercup. Wir wollen Prandelli besser kennenlernen und hören, was er über sein Leben und seine Karriere zu erzählen hat. Euronews-Mitarbeiter Roberto Alpino hat den italienischen Nationaltrainer zu einem Exklusivinterview getroffen.

Euronews: Willkommen bei Euronews! Was zeichnet rückblickend Ihre Spielerkarriere aus?

Cesare Prandelli: “Es war eine gute Karriere, obwohl ich nie die größten Fähigkeiten als Fußballer hatte. Trotzdem habe ich es geschafft, zehn Jahre lang Profi zu sein.”

Euronews: Sie sind seit kurzem Großvater. Wie finden Sie diese Rolle?

Prandelli: “Das ist eine tolle Erfahrung. Ich habe meinem Sohn und seiner Frau schon gesagt, dass ich ein Opa bin, der seine Enkel nicht erzieht, sondern sie verwöhnt.”

Er erreichte seine ersten Erfolge als Trainer bei Hellas Verona, das er in die Serie A führte. Also jenes Team, dessen Fans derzeit für die Schmähgesänge gegen den verstorbenen Piermario Morosini in den Schlagzeilen stehen.

Prandelli: “Ich ärgere mich nicht nur über diese Gesänge, sondern auch über bestimmte Gesten. Jeder trägt Verantwortung; man kann nicht immer alles auf die Gesellschaft schieben.”

Prandelli machte einen Karrieresprung in der Saison 2002/2003, als er in Parma arbeitete und Spieler wie Mutu, Adriano und Gilardino hervorbrachte.

Prandelli: “Ich hatte einfach das Glück, diese hervorragenden Spieler trainieren zu können. Das war eine große Freude.”

Euronews: Ist 2012 das Jahr der jungen Trainer?

Prandelli: “Diese Trainer zeigen nicht nur taktisches Geschick, sondern auch, dass sie eine Mannschaft führen können. Für einen jungen Trainer ist das etwas sehr Wichtiges.”

In der Saison 2005/2006 wurde er als neuer Coach des AC Florenz verpflichtet. Und Prandelli nahm eine klare Position in Bezug auf eine Florenzer Fangruppe und deren Gesänge gegen die Toten der Katastrophe von Heysel ein. An jenem Abend im Jahr 1985 war Prandelli in Brüssel im Stadion.

Prandelli: “Man kann nicht so tun, als sei nichts geschehen. Man muss sich diesen Dingen in den Weg stellen, wie ich es in Florenz getan habe. Und wenn man es ernst meint, dann gibt es auch nur positive Reaktionen.”

Im Mai 2010 gab der italienische Fußballverband bekannt, dass Prandelli Nachfolger von Marcello Lippi als Nationaltrainer wird. Als eine seiner ersten Amtshandlungen führte Prandelli einen Ethikcode ein. Unter seiner Führung qualifizierte sich das Nationalteam für die EURO, doch am Ende des Jahres 2011 drehte sich alles nur um den Wettskandal.

Prandelli: “Bei allen Skandalen sage ich mir, dass man die Chance ergreifen muss, um daraus zu lernen und Dinge zu verbessern. Man darf davor nicht die Augen verschließen, sondern muss versuchen, seine Lektion daraus zu lernen.”

Euronews: Wer ist aus Ihrer Sicht der Hauptkonkurrent von Juventus Turin in diesem Jahr?

Prandelli: “Es gibt da einige Teams, die Juventus in diesem Jahr gefährlich werden können. Florenz könnte auch dazu gehören. Aber auch Inter nach dieser Siegesserie. Man muss zudem Neapel und den AC Milan auf der Rechnung haben. All diese Mannschaften haben das Potential dazu.”

Prandelli entschied einst, Simone Farina ins Nationalteam zu berufen: als Anerkennung, dass er ein Bestechungsgeld in Höhe von 200 000 Euro ablehnte.

Prandelli: “Wir sind sehr stolz auf Simone, auf das, was er getan hat und wie er Italien vertreten hat.”

Euronews: Was sagen Sie dazu, dass sich ein Journalist aus Turin abfällig über Neapel äußerte?

Prandelli: “Dieser Journalist hat sich unverhältnismäßig geäußert. Ich kommentiere das nicht und werde diesem Mann keine weitere Beachtung schenken.”

Euronews: Mario Balotelli erhielt kürzlich ein Lob von Ihnen…

Prandelli: “Balotelli ist besser, als er sich manchmal gibt. Und er tut das sicherlich nicht mit Absicht. Er muss lernen, mit seiner Popularität zu leben und dass alles wahrgenommen wird, was er auf dem Platz tut.”

Euronews: Daniele De Rossi war im römischen Derby gesperrt, deswegen haben Sie ihn gegen Frankreich nicht nominiert…

Prandelli: “In einem Derby wird Daniele zu einem Fan. Manchmal übertreibt er es allerdings. Aber eigentlich ist er ein tadelloser Kerl, der unserem Team viel gibt. Und ich bin sicher, dass er das auch in Zukunft tun wird.”

Die Europameisterschaft 2012. Zuerst gab es Unentschieden gegen Spanien und Kroatien, dann einen Sieg gegen Irland. Im Viertelfinale setzte sich Italien im Elfmeterschießen durch und schlug Deutschland im Halbfinale. Im Endspiel hatte das Team gegen Spanien aber keine Chance.

Prandelli: “Spanien war einfach stärker als wir. Wir hatten vor dem Spiel keine Regenerationszeit und zu viele Verletzte. Nach dem 0:2 haben wir versucht, zurückzukommen, waren dann aber nur noch zu zehnt.”

Euronews: Vergangenes Jahr spielten Sie in einem Film mit. Sind Sie ein Schauspieler?

Prandelli: “Keineswegs. Später will ich einfach nur Großvater sein.”

Euronews: Italien ist das erste Land mit fünf Schiedsrichtern auf dem Feld…

Prandelli: “Das ist eine gute Nachricht. Aber Sie müssen sich natürlich noch aufeinander einspielen.”

Euronews: Wie beurteilen Sie Italiens fünften Platz im FIFA-Ranking?

Prandelli: “Das zeigt die gute Arbeit der letzten Jahre. Aber wir müssen uns weiter verbessern. Wir haben viele junge Spieler. Der fünfte Platz kann nur ein Startpunkt unserer Entwicklung sein.”

Zu Beginn der WM-Qualifikation tat sich Italien schwer. Doch dann folgten die Siege gegen Armenien und Dänemark.

Euronews: Wie sind Italiens Aussichten für den Rest der WM-Qualifikation?

Prandelli: “Zunächst einmal wollen wir uns schnell für die Weltmeisterschaft in Brasilien qualifizieren. Und das allein wird nicht einfach. Wenn wir das erreicht haben sollten, müssen wir als Mannschaft wachsen und uns stetig verbessern, denn das ist der einzige Weg, um einen so wichtigen Wettbewerb wie eine Weltmeisterschaft anzugehen.”