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Griechen fordern einen Wirtschaftsfrieden

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Griechen fordern einen Wirtschaftsfrieden

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“Ich erinnere mich, dass früher die ganze Familie zur Olivenernte gekommen ist. Mein Großvater, meine Großmutter, Brüder und Schwester. Als wir noch Babies waren, wurden wir in Hängematten gelegt. Das waren Tücher, die zwischen Stöcken und Seilen aufgespannt wurden, zwischen den Olivenbäumen. Wenn wir geschrieen haben, kamen unsere Mütter herbei, um ins zu füttern und sich um uns zu kümmern.”

Yiannis Panagopoulos ist Olivenbauer in der fünften Generation. Er erinnert sich gern an seine Kindheit, aber auch an den Beitritt Griechenlands zu den Europäischen Gemeinschaften (EG). Die Bauern und das ganze Land profitierten sehr von den Wirtschafts- und Strukturhilfen. Sie führten zu mehr Sicherheit, Demokratie und vor allem Wohlstand.

Doch an die Krise der Eurozone denkt Yiannis nur ungern.

“Unser Leben ist durch diese Ereignisse sehr viel schwerer geworden. Und die Wirtschaftskrise hat uns wirklich hart getroffen. Früher konnte ein Bauer mit 1000 Olivenbäumen eine ganze Familie unterhalten. Heute verdient er kaum genug für seine Frau und sich selbst.”

Yiannis arbeitet zusätzlich als Elektriker für die griechischen Elektrizitätswerke. Sein Cousin Georgios ist ein Kampfpilot im Ruhestand. Seine Rente und das Einkommen seines Bruders sind um rund 60 Prozent gesunken.

Die beiden haben wenig Verständnis für die Verleihung des Friedensnobelpreises an die Europäische Union.

“Das ist mir unbegreiflich,” sagt Georgios. “Wie kann man diesen Preis erhalten, wenn man Menschen in die Armut treibt? Das ist doch ein Krieg, – nicht im militärischen Sinne, das ist mir klar als ehemaliger Soldat der Luftwaffe, aber es ist ein Wirtschaftskrieg.”

Ein Wirtschaftskrieg, der Arbeitslosigkeit in Rekordhöhe mit sich bringt, Gehaltskürzungen, Armut und soziale Unruhen.

Ein Wirtschaftskrieg, der nach Auffassung vieler eine Kluft zwischen Nord- und Südeuropa schafft und die EU in ihre schlimmste Identitätskrise seit Beginn des Integrationsprozesses vor fast 55 Jahren stürzt.

Das damalige Ziel lautete: Nie wieder Krieg in Europa. Die Kanonen schweigen seitdem, aber nun bedroht das Einheitsprojekt der gemeinsamen Währung den Zusammenhalt der EU.

Panayiotis Ioakeimidis, Professor an der Universität von Athen, war Berater der griechischen Regierung beim Beitritt zur Eurozone. Er sagt, nicht nur Griechenland habe Fehler gemacht.

“Griechenland unterließ die Strukturreformen, die notwendig waren, um die Regeln der Wirtschafts- und Währungsunion einzuhalten. Aber auf der anderen Seite trägt die EU eine gewisse Mitschuld, denn sie – vor allem die Europäische Kommission war nicht imstande, die steuerliche Situation der Mitgliedsstaaten zu überwachen. Auch einige der mächtigen Mitgliedsstaaten wie Deutschland und Frankreich haben gegen den Stabilitätspakt verstoßen, und damit haben sie gewissermaßen anderen Sündern den Weg gebahnt, ebenso zu handeln.”

Inzwischen hat Griechenland ein Hilfspaket von EU und Internationalem Währungsfonds in Höhe von 130 Milliarden Euro erhalten – mit der Auflage, strenge Sparmaßnahmen durchzuführen, die nach Meinung vieler das Land in die Knie gezwungen hat.

Die sozialen Spannungen haben zugenommen, und der Zorn gegen die Europäische Union, vor allem gegen Deutschland, repräsentiert durch Angela Merkel. Der Bundesregierung wird mangelnde Solidarität mit den südlichen Nachbarn vorgeworfen.

Evangelos Mahairas ist 94 Jahre alt. Im zweiten Weltkrieg wurde er verwundet. Er kämpfte im griechischen Widerstand in den Bergen. Heute führt er ein Komitee, das Reparationszahlungen in Milliardenhöhe von Deutschland verlangt – wegen deutscher Greueltaten in Griechenland während des Krieges. Das habe nichts mit der gegenwärtigen Wirtschaftskrise zu tun, betont er.

“Nein, gar nichts. Die griechischen Regierungen haben in der Vergangenheit einfach nicht genug Druck auf Deutschland ausgeübt, weil sie an einem guten politischen Verhältnis interessiert waren. Deshalb haben wir dieses Komitee gegründet. Wir wollen die Regierung zwingen, zu erklären, warum sie noch nichts getan hat – in einer Angelegenheit, die völlig klar ist, und von größter Bedeutung.”

Christina Stamouli ist Rechtsanwältin. Schon ihr Vater hatte Entschädigungsansprüche gegenüber Deutschland geltend gemacht, wegen des Massakers von Distomo, eines der schlimmsten Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkriegs. Er vertrat Hinterbliebene in den 90er Jahren. Seine Tochter sagt, die Eurokrise spiele heute durchaus eine Rolle in diesem Streit.

“Griechenland steht derzeit als Schuldner da. Aber im Lande ist die Auffassung weit verbreitet, dass Deutschland gegenüber Griechenland in der Schuld steht. Und wenn die beglichen ist, könnte Griechenland auf den Finanzmärkten Kredite aufnehmen.”

Martin Knapp arbeitet seit mehr als zwanzig Jahren für die Deutsch-Griechische Handelskammer. Nun gehört einer neuen Gruppe an, die der griechischen Realwirtschaft helfen will. Er warnt davor, deutsch-griechische Spannungen hochzuspielen und verweist auf die engen wirtschaftlichen und kulturellen Verbindungen seit den Fünfziger Jahren.

“Der wahre Diktator in Griechenland ist nicht Angela Merkel oder die Troika sondern schlicht und einfach die leere Kasse. Und das ist der härteste denkbare Diktator überhaupt, denn man kann ihn nicht umstimmen, und man kann ihn auch nicht durch eine Revolution beseitigen, denn keine Revolution hat jemals die Kasse gefüllt.”

Yianna Liberopoulos hat vor einem Jahr ihre Arbeit in einer Bäckerei verloren. Sie nahm an einer EU-finanzierten Management-Schulung teil, gemeinsam mit ihrer Freundin Despoina. Keine der beiden fand danach einen Arbeitsplatz. Und da sie während der Schulung 1000 Euro erhielten, hatten sie danach keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld mehr.

Yianna droht auch noch der Verlust des Sorgerechts für ihren fünfjährigen Sohn. Er lebt derzeit bei seinem Vater und dessen Eltern. Deren Rente ist das einzige Einkommen.

Für die EU und ihren Nobelpreis hat sie wenig Verständnis.

“Ist mir völlig egal. Das hat mit mir nichts zu tun. Mich interessiert die Zukunft meines Kindes, das mitten in der Krise geboren wurde. Und ich weiß nicht, wie seine Zukunft aussehen wird. Und ich weiß auch nicht, wie ich die nächste Stromrechnung bezahlen soll, und andere Rechnungen. Was kümmert mich da der Friedensnobelpreis.”

Noch einmal Professor Ioakeimidis: “Die Griechen sind – allen Schwierigkeiten und der Wirtschaftskrise zum Trotz – noch immer sehr für die Europäische Union. 65 Prozent der Griechen sind dafür, dass Griechenland in der Eurozone bleibt. Und fast 70 Prozent sind der Meinung, dass die EU-Mitliedschaft für Griechenland insgesamt gesehen eine sehr gute Sache ist. Sie wollen von der EU mehr Soldarität mit Griechenland sehen. Für mich ist es völlig empörend, dass die Europäische Union zugelassen hat, dass ein Mitgliedsstaat wie Griechenland auf dieses Niveau der Arbeitslosigkeit und des sozialen Elends herabsinkt.”

Als der Prozess der europäischen Einigung begann, war das Ziel die wirtschaftliche Stabilität, die den Frieden gewährleisten sollte – nach einem der schlimmsten Kriege der Geschichte.

Wohlstand, Stabilität, Frieden: Diese Gleichung galt als das Rückgrat der Europäischen Union. Doch das ist eine Idee, die immer mehr in Frage gestellt wird.