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Brüssel will das Rauchen unattraktiv machen

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Brüssel will das Rauchen unattraktiv machen

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An den Folgen des Rauchens sterben in Europa jährlich rund 700 000 Menschen. Zwar gibt es bereits Regeln, die den Konsum von Zigaretten und Tabak einschränken sollen, doch immer noch qualmt jeder Dritte. Drei Viertel der Oberfläche der Vorder- und der Rückseite der Packungen sollen künftig abschreckenden Warnungen vorbehalten bleiben, die auf die Gefahren hinweisen. “Ich werfe der Kommission nicht vor, dass sie nicht so konsequent vorgeht wie Australien”, so die grüne Abgeordnete Michele Rivasi. “Doch nicht jedes Mitgliedsland sollte entscheiden können, wie weit es geht. Wir brauchen einheitliche Regeln.” In Australien nehmen abschreckende Warnungen die ganze Fläche der Packung ein. “Nicht die Warnung selbst ist empörend, sondern dass die Marke, ein Eigentum des Herstellers, verschwindet”, meint Ulf Bauer vom Konzern British American Tabacco. “Ich schließe nicht aus, dass wir für die 75 Prozent nicht vor Gericht ziehen.” Erst vor Wochen musste Gesundheits-Kommissar John Dalli im Zusammenhang mit Korruptionsvorwürfen zurücktreten. Regierungsunabhängige Organisationen fordern mehr Transparenz. “Im vergangenen Juni kamen der Vertreter einer Anwaltskanzlei und ein Lobbyist der Tabakindustrie mit einem Kabinettsmitglied Barrosos zusammen”, moniert Olivier Hoedeman von Corporate Europe Observatory. “Über die Natur des Treffen weiß man nichts.” An die Stelle John Dallis trat Tonio Borg, der die Regeln noch einmal verschärft hat. Die neuen Vorschläge könnten ab 2015 gelten.

Euronews sprach mit Tonio Borg, EU-Kommissar für Gesundheit und Verbraucherschutz.

Euronews:
Werden die Menschen gesünder leben, wenn aus den Vorschlägen Gesetze werden?

Tonio Borg:
Werden sie wirksam, führt dies dazu, dass die Zahl der Raucher in der EU abnimmt. Über einen Zeitraum von fünf Jahren rechnen wir mit zwei Prozent weniger Rauchern. Zu der geplanten Einführung von neuen Regeln zählt das Verbot von Aromastoffen.

Euronews:
Werden weniger Menschen rauchen, wenn es keine Menthol-Zigaretten mehr gibt?

Tonio Borg:
Über einen längeren Zeitraum gerechnet, ja. Studien weisen nach, dass Aromastoffe das Rauchen attraktiver machen. Wir wollen nicht alle Aromen verbieten, sondern nur jene, die das Tabakaroma verändern. Wir wollen ein Verbot von Geschmackszusätzen.

Euronews:
Etwa 75 Prozent der Packungen werden Gesundheitswarnungen in Bild und Text einnehmen. Warum solche Warnungen nicht auf der gesamten Packung, wie in Australien?

Tonio Borg:
Bisher waren die Bildwarnungen nicht verpflichtend, mit den neuen Regeln aber werden sie es sein. Sie werden selbstverständlich 75 Prozent beider Seiten der Packung einnehmen.

Euronews:
Sehr klar aber scheint die Entscheidung nicht zu sein, denn Sie sind weder für die 100-prozentige Bildwarnung noch dagegen.

Tonio Borg:
Die geplanten Regeln werden dazu führen, dass Packungen künftig so ähnlich aussehen werden. Raucher werden das Rauchen aufgeben, solche, die gerne rauchen würden, werden es bleiben lassen. Alle Studien zeigen, dass die Zahl der Raucher abnimmt und das Rauchen an Attraktivität verliert, wenn Bildwarnungen deutlich machen, dass es sich um Zigarettenpackungen handelt und wenn Aromen fehlen.

Euronews:
Verbraucherschutz-Organisationen fordern mehr Transparenz, was die neuen Regelvorschläge und die Tabak-Lobbyisten anbelangt, insbesondere nach dem Rücktritt ihres Vorgängers im Amt, John Dalli. Wie wollen Sie trotz des Drucks der Tabak-Konzerne für mehr Transparenz sorgen?

Tonio Borg:
Wir halten uns an die Vorgaben der Weltgesundheits-Organisation. Das Regelwerk zur Kontrolle des Tabaks verbietet Treffen mit Interessenvertretern nicht, schreibt aber vor, dass diese transparent und öffentlich sein müssen. Von allen Kontakten die ich hatte, mit schwedischen Regierungsvertretern oder mit anderen Vertretern, war jede Minute öffentlich.

Euronews:
Organisationen wie Corporate Europe Observatory, die sich für mehr Transparenz in den EU-Institutionen einsetzen, haben auf inoffizielle Treffen zwischen der Tabak-Industrie und EU-Vertretern aufmerksam gemacht. Wird es nach dem Rücktritt ihres Vorgängers mehr Transparenz geben, wenn Sie Ihren Stab personell neu besetzen?

Tonio Borg:
Innerhalb der Generaldirektion für Gesundheit gab es keine Skandale. Es gab keine inoffiziellen Begegnungen mit Vertretern der Tabak-Industrie.