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Letzte Weihnachten in Europa

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Letzte Weihnachten in Europa

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Enric packt seine Siebensachen. Der neunundzwanzigjährige Spanier macht Ernst. Er wandert aus nach Lateinamerika. In den Riesenkoffer wandern Outdoor-Jacken, festes Schuhwerk, Fotos von Studienfreunden und der Familie.

Für Enric sind dies die letzten Weihnachten in Europa, dem “alten Kontinent”. Er macht sich auf nach Argentinien. Hier in Barcelona sieht der hochqualifizierte Architekt keine Zukunft mehr für sich. Seit Ende des Studiums schlägt er sich mit unterbezahlten, befristeten Verträgen durch, hilft einmal in diesem Architektenbüro aus, springt dann als Urlaubsvertretung bei der Konkurrenz ein… “Ich mache dieselbe Arbeit wie die festangestellten Kollegen, doch ich muss länger arbeiten, bessere Resultate abliefern und bekomme ein Drittel oder noch weniger bezahlt als die Festangestellten”, meint Enric bitter. Dabei liebt er seinen Beruf. “Architektur sollte im Dienst des Menschen stehen, die Form muss sich den sozialen, konkreten Bedürfnissen Anpassen”, begeistert sich Enric. Seine beruflichen Träume und Vorstellungen will er nun anderswo realisieren, auch wenn ihm der Abschied von seinem geliebten Barcelona sehr schwer fällt.

So wie Enric verlassen derzeit zehntausende junge Europäer Spanien, Portugal, Italien, Griechenland und Irland. Sie sind auf der Flucht vor der Finanzkrise, deren verheerende Auswirkungen den EU-Krisenstaaten immer noch zu schaffen machen.

Auf der Gitarre übt Enric sein katalanisches Lieblingslied, das er später auf der Abschiedsparty singen will: “Wenn Du Auf Wiedersehen sagst, dann wünsch’ ich Dir Viel Glück…”, eine Komposition des Liedermachers Lluis Llach.

Nachdem er die Gitarre beiseite gelegt hat, berichtet Enric Balaguer von seinen Plänen. So richtig gut sieht die Situation in Argentinien ja nun auch nicht gerade aus, meint er. Doch wenn es dort nicht auf Anhieb klappen sollte, “dann probiere ich es eben in Chile, in Peru oder in Bolivien”. In den vergangenen Wochen und Monaten hat Enric Kontakte gesammelt, sich die Adressen, Telephonnummern, Namen von Architektenkollegen und Konstruktionsbüros in Südamerika organisiert. Per Laptop hat er auch schon einen regen Briefverkehr mit Architekten auf der anderen Seite des Atlantiks geführt – und auch einige vereinzelte Rückmeldungen erhalten. Für ein Vorstellungsgespräch, für das Kennenlernen von Angesicht zu Angesicht muss Enric allerdings direkt dort sein, vor Ort.

“Irgendwie habe ich schon so ein komisches Gefühl im Bauch”, sagt Enric. “Immerhin lasse ich alles hinter mir: meine Heimatstadt, meine Familie, meine Bekannten, meine Freunde. Trotzdem fühle ich mich extrem gut, es ist ein echter Nervenkitzel, fast so etwas wie ein Schwindelgefühl. Wie dem auch sei, schlafen kann ich noch gut, Albträume habe ich auch noch keine. Nun, vielleicht habe ich das ganze Ausmass der Situation noch gar nicht so richtig erfasst.”

Zusammen mit seiner Mutter Rosa, einer Grundschul-Lehrerin, wirft Enric einen letzten Blick auf sein geliebtes Barcelona und das Mittelmeer. Die Mittelmeerküche wird ihm fehlen, gibt er zu. “Manche Fischsorten gibt es eben nur hier”, sagt Enric bedauernd.

Rosa hilft Enric beim Einholen der katalanischen Unabhängigkeitsflagge, die in den vergangenen Monaten vom Balkon hing. Die will Enric mitnehmen auf die andere Seite des Atlantik…

In Barcelona sind Miete und Lebenshaltungskosten unbezahlbar für Enric. Deshalb macht er sich zusammen mit seiner Freundin auf den Weg nach Cordoba, im Herzen Argentiniens. 180 Kilogramm Gepäck nehmen die Auswanderer mit. “Vicky hat jede Menge Klamotten, das wiegt ganz schön was”, erzählt Enric, “bei mir sind es die Bücher, ohne meine Bücher gehe ich hier nicht weg!”

Szenenwechsel. Eine andere Melodie liegt in der Luft, wir sind in einem anderes Land, im Norden Europas. Doch auch hier, in Irland, werden derzeit überall die Koffer gepackt.

Dreikäsehoch Joe hilft seiner Schwester Mary. Wir sind in Kilrush, einem kleinen irischen Küsten-Städtchen. Die 21-jährige Mary hat vier Geschwister. “Knuddel-Joe” ist der Jüngste – und Mary’s Augapfel, ihr Lieblingsbruder. Doch Joe wird ohne Mary aufwachsen, denn Mary wandert aus nach Australien. Gerührt legt Mary einen Kritzel-Nikolaus auf ihre Kleider im Koffer, Joe’s Abschiedsgeschenk.

“In diesen Tagen wandern echt viele Leute von hier aus”, sagt Mary. “Mein ältester Bruder Kieran ist auch nach Australien geflogen, vor drei Wochen war das erst, zusammen mit all seinen Freunden. Viele meiner Freundinnen von der Schule und aus der Nachbarschaft wandern ebenfalls aus. Die Zahlen sind echt beeindruckend: immer mehr verlassen derzeit das Land.” Damit auch Kieran seinen Weihnachtsschmaus nicht verpasste, zog die Familie das Weihnachtsfest einfach einen ganzen Monat vor.

Die irische Auswanderungs-Welle ist so hoch wie seit Zeiten der grossen Hungersnot nicht mehr. Monat für Monat verlassen etwa dreitausend Auswanderer Irland, hundert pro Tag, und es werden immer mehr, Dörfer und Städtchen leeren sich.

Experten warnen, dass mit der Abwanderung der Jugend Irlands die wirtschaftliche Erholung gefährdet sein könnte.

Mary folgt den Spuren ihres Bruders nach Brisbane. 28 Stunden dauert die Reise um die Welt. Australien ist das Traumziel Nummer Eins der Iren. Dort scheint die Sonne, oft und viel, und es gibt jede Menge Arbeit. Mary ist augebildete Pflegerin, doch im Februrar wird sie in Australien zunächst einmal Kirschen pflücken. Damit verdient sie sich ihre Langzeit-Aufenthaltsberechtigung. Und dann? Wie soll es weitergehen?

“Es ist ein grosser Schritt”, meint Mary. “Australien ist weit weg. Und wenn ich mir so die Bilder angucke, da muss ich schon grosse Augen machen. Ich bin voll aufgeregt. Doch was ich so gehört habe, sollen die Aussichten auf einen Job im Pflegebereich in Australien ausgesprochen gut sein. Die suchen dort händeringend nach Pflegern und Krankenschwestern. Ich denke schon, dass ich etwas in meinem Bereich finden werde, wenn ich erst einmal dort bin.”

Die Arbeitslosenquote liegt in Irland bei 15 Prozent. Doch für junge Iren sieht die Lage noch viel schlimmer aus: jeder Dritte von ihnen ist ohne Arbeitsvertrag.

Und junge Spanier so wie Enric sehen sich mit einem Arbeitsmarkt konfrontiert, auf dem sogar jeder Zweite keinen Job bekommt. So hoch wie hier ist die Jugendarbeitslosigkeit nur noch in Griechenland.

“Für mich liegt der Hauptgrund Barcelona zu verlassen darin, dass ich ganz einfach schlechte Karten habe auf dem Arbeitsmarkt”, sagt Enric. “Und die Aussichten für die kommenden fünf oder zehn Jahre sind und bleiben schlecht.”

Seine Mutter Rosa stimmt ihm zu. “Du und Deine Freundin, Ihr sprecht ja schon eine ganze Weile darüber, dass Ihr wegen der wirtschaftlichen Lage Spaniens auswandern wollt. Insofern kommt die Neuigkeit nicht überraschend. Andererseits ist das natürlich ein Schock, dass Ihr jetzt wirklich geht. Nun, für Euch ist das eine Riesen-Chance.”

Enric ist stolz darauf, dass er im Team eines bekannten Architekten beim Erweiterungsbau eines historischen Krankenhauses in Barcelona mitplanen durfte. Doch die Region Katalonien ist überschuldet, Enrics Vorzeigeprojekt wurde nicht fertig gebaut.

Seine Freundin Vicky kam vor zwölf Jahren nach Spanien, aus Argentinien. Die Finanzkrise macht vorallem den Migranten zu schaffen. Vicky ist arbeitslos. Wie unzählige andere Einwanderer auch macht sie sich nun auf den Rückweg. Welchen Rat haben die beiden für Auswanderer?

“Zunächst einmal: nicht bange machen lassen!”, lächelt Enric. “Anschliessend musst Du Dir gut überlegen, welches Land Du Dir aussuchst, welche Sprache Du sprichst oder lernen musst. Und dann musst Du Dich natürlich mit dem ganzen Papierkram vertraut machen. Doch mein wichtigster Tip: keine Angst haben! Wer Schwimmen lernen will, der darf das Wasser nicht scheuen!”

Zurück nach Irland, wo Paul Markham für Mary eine traditionelle Abschiedsfeier organisiert hat, so wie vor zweihundert Jahren, als sich ganze Dorfgemeinschaften auf den Weg nach Uebersee machten. Eine Abschiedsfeier mit Geige und Besentanz, mit viel Feuerwasser, Tee und Kuchen, rotglühenden Wangen, feuchten Augen, vom Tanzen durchgeschwitzten Hemden und derben, irischen Witzen.

“Die Auswanderungswelle hat enorme Auswirkungen hier auf die Gegend”, meint Paul. “Vorallem wenn wir uns die Probleme der ländlichen Gebiete Irlands ansehen, da ist eine grosse Leere entstanden, die Jugend verschwindet. Man sieht bei uns kaum noch junge Menschen. Wer jünger ist als dreissig, der wandert aus. Das geht meist los so mit 18 oder 20. Aus unserem Kirchensprengel ist ein Zehntel aller Gemeindemitglieder ausgewandert, das heisst: von 1700 Menschen haben mindestens 170 die Koffer gepackt!”

Paul zündet Kerzen an, alte Windlichter aus dem vorvergangenen Jahrhundert. An der roten Wandtapete hängt ein Kruzifix, ein Betspruch, ein JFK-Porträt, alte Gerätschaften aus zwei Jahrhunderten. Auf einer Holzanrichte steht ein altertümlicher Porzellanbrotkasten. Die geladenen Gäste haben sich auf Stühlen entlang der vier Wände verteilt, im Kamin brennt hell lodernd ein offenes Holzfeuer.

“The rose of Clare”, “Die Rose von Clare” ertönt, Mary’s Lieblingslied. Ein Bekannter Mary’s spielt es auf der Gitarre und singt dazu, eine von Mary’s Freundinnen begleitet die Melodie auf ihrer Geige. Die Wahl des Abschiedsliedes ist kein Zufall: “Rose von Clare”, das ist Mary’s Ehrentitel als Schönheitskönigin des Landkreises Clare, in dem auch Kilrush liegt. Die Augen der Menschen hier glänzen, einige verdrücken heimlich eine Träne. Auch Mary’s Mutter ist traurig: “Alles verändert sich”, meint sie. “Es fühlt sich so an, als würde eine ganze Generation verschwinden. Alle diese jungen Menschen sind gescheit und aufgeweckt, sie wissen was, sind gut ausgebildet und alles, was sie interessiert, ist, das Land zu verlassen. Alle gehen weg, alle, die ganze Jugend. Und wir wissen nicht, ob die jungen Leute jemals wieder zurückkommen werden, denn alle reden uns ein, dass die Aussichten dort draussen glänzend sind.”

Der Dorfpriester schaut auch vorbei. Er hält eine kurze Ansprache und gibt Mary Gottes Segen mit auf den Weg nach Australien, bevor er die Anwesenden mit Weihwasser besprengt.

Drüben in Spanien, auf dem traditionellen Weihnachtsmarkt von Barcelona, sucht Enric unterdessen ein Andenken. Nach Argentinien wird er mit einem dreimonatigen Touristenvisum einreisen. Wenn er erst einmal einen Job gefunden hat, wird sich die Frage der Aufenthaltsgenehmigung schon irgendwie regeln, hofft er. “Wenn ich in einem der Architektenbüros dort drüben erst einmal eine Anstellung gefunden habe, dann wird der Geschäftsinhaber und Bürochef das schon deichseln, mit der Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis”, glaubt Enric. “Und falls nicht, nun, dann fahre ich eben einen Tag lang rüber nach Chile, bleibe dort eine kurze Zeit und reise wieder mit einem neuen Touristenvisum nach Argentinien ein.”

Enric hat seine Freunde in ein Bergdorf in den spanischen Pyrenäen eingeladen, nach Sant Vicent de Morunys, zu seinem letzten Weihnachts-Grillfest in Europa. “Lockenkopf”, einer von Enrices argentinischen Freunden in Katalonien, hat die Vorbereitung des argentinischen Asados übernommen: ein hell flackerndes Holzfeuer an dem schräg aufgestellt ein Metallgestell steht, auf das ein Riesenstück Rindfleisch gespannt ist. Vier bis fünf Stunden dauert die Vorbereitung. Zum Aufwärmen fliesst literweise katalanischer Rotwein aus den dünnen Glasschnäbeln der eleganten “Porron”-Karaffen in die durstigen Kehlen der jungen Feiergesellschaft. Enric’s Bruder, ein Ingenieur ist gekommen, auch seine Schwester, sie trägt sich ebenfalls mit Gedanken nach Argentinien auszuwandern, nicht morgen, nicht übermorgen, aber bald schon, vielleicht…

Die drei Geschwister stimmen gemeinsam Enric’s Lieblingslied an, in der frischen Spätnachmittagsbergluft mischen sich ihre Stimmen, vielleicht ist dies das letzte Mal, dass sie so gemeinsam singen.

Die Europäische Kommission hat vorgeschlagen, junge Menschen mit einer sogenannten “Jugendgarantie” in Lohn und Brot zu bringen, hier in Europe, nicht auf der anderen Seite des Erdballs. Doch ob diese Idee umgesetzt wird, hängt von den EU-Mitgliedstaaten ab. Für Mary und Enric kommt der Vorschlag zu spät: sie verlassen Europa.