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Brüderle - ein deutscher Strauss-Kahn?

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Brüderle - ein deutscher Strauss-Kahn?

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Jetzt ist die Debatte auch in deutschen Landen angekommen: Sind Männer in Führungsposition und ganz besonders Politiker frauenfeindlich und sexistisch? Ist es ganz normal, sich als Frau und ganz besonders als Journalistin, ein bisschen “anmachen” zu lassen?

Mitten im bisher eher langweiligen Wahlkampf für die deutschen Bundestagswahlen im Herbst kommt die Nachricht, dass sich FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle vor allem für das Décolleté der jungen STERN-Journalistin Laura Himmelreich interessiert habe und ihr sagte, sie könne auch ein Dirndl gut ausfüllen, wie gerufen. Einige sprechen vom “Altherrenwitz”. Stimmt schon, wer steht denn heute noch auf Dirndl?

Der 67-jährige Rainer Brüderle kommt aus Rheinland-Pfalz und wohnt in einer Hochburg des Karneval, in Mainz-Gonsenheim. Laura Himmelreich ist 29 und die einzige Frau in der Berliner Politikredaktion des STERN.

Und die herablassende Art älterer Politiker hat wohl schon jede Journalistin erlebt. Am nettesten fand ich persönlich da noch den über 90jährigen Stefan Heym im Wahlkampf für die PDS, der mich fragte: “Wer macht denn hier das Interview? Sie, Mädchen?”

So sind es auch vor allem junge Journalistinnen – wie Patricia Dreyer von SPIEGEL ONLINE -, die sich jetzt empört zeigen, aber auch erfreut, dass die Diskussion endlich Deutschland erfasst hat.

#aufschrei ist der Hashtag der Stunde im Internet. Die Familienministerin Kristina Schröder befürwortet die Diskussion, und die Kanzlerin ruft ganz diplomatisch zum respektvollen Umgang zwischen Politikern und Journalisten auf – immerhin, Angela Merkel hat sich gleich zu Wort gemeldet.

Mit Ex-IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn hat Rainer Brüderle – vom Spezialgebiet Wirtschaft abgesehen – höchstwahrscheinlich nur sehr wenig gemeinsam. Der Franzose steht nach wie vor wegen Zuhälterei in Frankreich vor Gericht, seine Frau – die bekannte TV-Journalistin Anne Sinclair hat sich inzwischen von ihm getrennt. Doch wie schon bei DSK vermuten einige auch hinter den Anschuldigungen gegen den gerade gekürten FDP-Spitzenkandidaten Brüderle nun politisches Kalkül, bei den Franzosen war damals sogar von einem Komplott gegen den Präsidentschaftskandidaten Strauss-Kahn die Rede.
DSK ist in New York zu Fall gekommen – in den USA müsste wahrscheinlich auch Rainer Brüderle jetzt zurücktreten oder zumindest öffentlich Reue zeigen. Oder es wäre erst gar nicht zu dem Skandal gekommen, weil sich US-Politiker nur sehr selten mit Journalisten an der Hotelbar treffen.
Anders als bei DSK haben sich in Berlin auch nicht sofort zahlreiche andere Opfer Brüderles zu Wort gemeldet.

Bisher gibt es dennoch kaum jemanden, der Rainer Brüderle ernsthaft verteidigt. So schreibt die ZEIT denn auch über ein anderes Problem der FDP: die Liberalen seien ein Männerverein, in dem Frauen kaum eine Rolle spielten.

Aber auch die CDU-Familienministerin und die Kanzlerin sagen nichts über ihren Umgang mit dem Ex-Minister und FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle.