Eilmeldung

Eilmeldung

Italiens Bildungsprobleme - betrachtet vor den Wahlen

Sie lesen gerade:

Italiens Bildungsprobleme - betrachtet vor den Wahlen

Schriftgrösse Aa Aa

Die Universitäten, die Krise und die Wahlen in Italien. Kurz vor dem Wahltermin haben wir zwei angesehene Universitäten besucht.
Wir haben viel Kritisches gehört – aber auch Ideen, Vorschläge an die Adresse der künftigen Regierung.
Das sehen Sie jetzt auf euronews.
————————————————————————-

In Italien drängt es die jungen Leute nicht mehr an die Universitäten. Innerhalb der letzten 10 Jahre wurden es 17 % weniger. Insgesamt zählt man heute in Italien 58 000 Studenten weniger.
Das entspricht dem Verlust einer großen Universität
Erica Lenci, 22, steht gegen diesen Trend. Nach einem Diplom in Architektur hat sich sich in diesem Jahr für Ingenieurwissenschaft eingeschrieben. Ihr Appell an die künftige Regierung klingt eindeutig:
“Investieren! In die Lehrenden investieren und in die Studenten. Studieren, das kostet nicht nur die Uni-Gebühren, die Ausgaben für Lehrmaterial, das kostet auch Zeit. Zeit, in der uns unsere Familien unterstützen und damit auch Kosten zu tragen haben.” In den vergangenen Jahren hat im Gegenzug der Staat den Universitäten die Mittel beschnitten. Von 2008 bis heute sind die staatlichen Zuwendungen an die Universitäten von ungefähr 6, 867 Milliarden Euro auf 5,822 Milliarden gesunken. Das ist ein Rückgang von 15 %.
Das bringt 30 Universitäten in finanzielle Schwierigkeiten – 30 – das ist die Hälfte aller öffentlichen Universitäten in Italien.
Der Rektor der polytechnischen Universität von Mailand, Giovanni Azzone, sagt: “Alle diese Kürzungen sind kontraproduktiv. An den betroffenen Universitäten führt das zur Rationalisierung.
Aber wir haben unsere Angebote doch schon gekürzt. Weniger Auslandsaustausch für die Studenten, über Erasmus zum Beispiel. Wir haben überfüllte Vorlesungen und Seminare. Und jeder Professor hat immer mehr Studenten zu betreuen, das Verhältnis Lehrende zu Studenten ist an Italiens Universitäten schon sehr hoch.”
In den letzten 6 Jahren sind in Italien 1195 Diplomstudiengängen abgeschafft worden.
Die euronews-Reporterin steht vor einem Saal und sagt: “Hier machen gerade rund hundert Studenten ihr Chemie-Examen. Bis zum Diplom brauchen sie 2 bis 3 Jahre. Die wenigsten entscheiden sich danach für eine Karriere an der Universität.”
Statt dessen suchen immer mehr Absolventen und Professoren ihr Glück im Ausland. Auch für Luisa Collina ist es kein Tabu mehr, dem eigenen Land den Rücken zu kehren. Globalisierung bedeutet für sie, Erfahrungen zu machen an anderen Universitäten anderswo auf der Welt. Das begründet sie so: “Eine Universitätskarriere hier kommt nur für ganz wenige infrage. Das ist zwar ein interessanter Karriereweg, für den sich normalerweise viele junge Talente interessieren.
Aber es gibt so wenige Stellen dafür, in der letzten Zeit wurde immer mehr gekürzt.”
Englisch nennt man das “brain drain” – den Abfluß der Gehirne. Für Italien ist das ein altes
Phänomen. Neu ist hingegen, dass dieser Trend das Land mehr als 1,2 Milliarden Dollar kostet. Das entspricht dem Wert von 243 wissenschaftlichen Arbeiten, die die 50 besten Wissenschaftler Italiens im Ausland geschaffen haben.
Hochgerechnet auf die letzten 20 Jahren kommt man auf einen Wert von 4 Milliarden Dollar. Die Italiener scheint diese Summe nicht zu beeindrucken. Die Forschungsausgaben werden weiter reduziert. Auf 13 Millionen 2012 gegenüber rund 50 Millionen für die Jahre 2008-2011. Noch beeindruckender ist der Rückgang der Zahl der Hochschulabsolventen. Die OECD führt eine Statistik, bei der Italien unter 36 westlichen Industriestaaten auf den 34. Platz kommt. Nur 19% der Italiener erreichen einen Hochschulabschluß, im EU-Durchschnitt sind es 30%. Der Soziologe Massimiliano Vaira hat erst mit 38 Jahren eine Festanstellung an der Universität Pavia bekommen. Massimiliano Vaira erklärt: “Es herrscht im Land das generelle Gefühl, dass Bildung nicht viel wert sei. In Italien wird der Bildungskultur kein großer Wert beigemessen. Ich erinnere mich an einen Minister, der Kürzungen in diesem Sektor mit den Worten begründete: “Die Kultur schafft nichts, was man essen kann.”
Journalistenfrage: “Und was machte der Minister für Bildung und Forschung dagegen?”
Antwort des Wissenschaftlers: “ Der Minister tat in den vergangenen 10 Jahren nichts. Es regierte schließlich das Wirtschaftministerium.”
Pavia, rund 40 km hinter Mailand, hat eine der ältesten und angesehendsten Universitäten. Sie hat noch ihren Campus, die Gebäude und die meisten Einsichtungen, die so ein Universitätsbetrieb braucht. Aber ihr droht der Abstieg, der Verlust von hochwertiger Bildung und Forschung, wenn die Politik so weitermacht.