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Syrische Flüchtlinge im Libanon

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Syrische Flüchtlinge im Libanon

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Auf der Flucht vor der Gewalt in Syrien strömen die Menschen in den benachbarten Libanon. Es sollen bereits 220.000 sein, die sich vor allem in der Bekaa-Ebene aufhalten. Die Hilfsorganisation “Ärzte ohne Grenzen” hat gerade ihren Bericht zu den Lebensbedingungen dieser Flüchtlinge vorgelegt. Wir werden darüber mit Bruno Jochum, dem Generaldirektor der “Ärzte ohne Grenzen” sprechen. Sehen Sie vorher Bilder, hören sie die Aussagen der Betroffenen.

Bis in die Bekaa-Ebene im Libanon ziehen sich die Folgen des syrischen Bürgerkrieges hin. Syrier sind ins Nachbarland geflohen, um vor den Kämpfen sicher zu sein. Hier sind sie nun total abhängig, sie müssen jeden Preis zahlen, der für Unterkunft, Nahrung und Feuerholz von ihnen verlangt wird.
Die Organisation “Ärzte der Welt” hat gerade ihren zweiten Bericht innerhalb von acht Monaten veröffentlicht. Registriert sind syrische Füchtlinge derzeit in Jordanien, Türkei, Irak und Libanon. Im Libanon sind es ungefähr 220.000, in der libanesischen Bekaa-Ebene machen sie inzwischen 6 Prozent der Bevölkerung aus. Zu diesen sechs Prozent gehört Samia Gamal mit ihren 15 Kindern. Sie beschreibt das Elend, in dem sie hier zu überleben versuchen. Flüchtling Samia Gamal sagt, für 100 Dollar pro Monat habe sie das Zelt gemietet. Die Zelte standen schon, als sie ankamen, auch die Vermieter waren schon da. Zwei ihrer Töchter finden ab und zu Arbeit. Aber was sie dabei verdienen, reiche nicht, um die große Familie zu versorgen. Sie spare schon am Essen, klagt Samia, oft haben sie nur Fladen und ein wenig Gemüse. Für Fleisch reiche das Geld nicht. Manchmal essen sie nur eine Mahlzeit am Tag. Dünne Suppe mit Reis. Sie müssen auch Feuerholz kaufen. Da koste ein Paket 150 Dollar und zwei Pakete brauchen sie pro Monat. Anders als in Jordanien oder der Türkei richtet der libanesische Staat keine Lager für die Flüchtlinge ein. Hier müssen sie ihr Obdach von Privatleuten mieten.
Entweder Zelte oder Platz in einer Garage, wofür die Vermieter – gemessen an den Möglichkeiten der völlig hilflosen Flüchtlinge – oft ein Vermögen kassieren. Auch die medizinische Versorgung ist völlig unzureichend, wie es in einem Bericht der
Hilfsorganisation “Ärzte ohne Grenzen” heißt.
Deshalb leiden viele Flüchtlinge bereits an Mangelschäden oder sogar an Krankheiten, die chronisch zu werden drohen. Ein Syrer, der nicht als Flüchtling registriert ist, muss alle medizinischen Leistungen voll bezahlen. ie Prozedur der Registrierung aber dauert zwei bis drei Monate.
In dieser Wartezeit gibt es keinerlei Hilfe.

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Uns zugeschaltet ist aus Genf der Generaldirektor der Hilfsorganisation “Ärzte ohne Grenzen”, Bruno Jochum. Ihre Organisation hat kürzlich einen Bericht vorgelegt zu den Lebensbedingungen der syrischen Flüchtlinge im Libanon. Dort steht, dass es vielen Flüchtlingen an allem mangelt. Wie konnte es zu einer so katastrophalen humaitären Situation kommen.

Bruno Jochum
Ich bin selbst gerade erst zurück von einer Visite vor Ort bei unserem Team in der Bekaa-Ebene und in Tripolis. Ich habe festgestellt, dass täglich Familien mit Kindern über die Grenze kommen, die dann sehr wenig Hilfe vorfinden. Sie müssen sich irgendwie mit ihren eigenen Mitteln behelfen, nachdem sie aus der Kampfzone geflohen sind.

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Laut Ihrem Bericht sind viele dieser Menschen nicht beim UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge registriert. Warum nicht?

Bruno Jochum
Das ist paradox. Einerseits wurde sehr schnell von libanesischen lokalen Behörden die Identität dieser Flüchtlinge festgestellt. Andererseits dauert es 2 bis 3 Monate, ehe ihnen der Flüchtlingsstatus zugestanden wird. Daraus ergeben sich die großen Probleme. Wie Sie bemerkten, ist es für Familien mit Kindern dort im Winter sehr schwierig. Wir haben keine Zeit, um abzuwarten. Den Menschen muss innerhalb weniger Tage Hilfe zuteil werden.

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Die syrischen Flüchtlinge müssen für einen Teil der medizinischen Versorgung bezahlen. Sie müssen Miete zahlen für ihre Unterkünfte, anders als Jordanien und die Türkei stellt der Libanon keine Unterkünfte zur Verfügung. Wenn Beirut bei dieser Politik bleibt, wie wollen Sie dann die Lage der Menschen verbessern?

Bruno Jochum
Priorität hat tatsächlich die kollektive Unterbringung auf minimalem Niveau. Zumindest sollte es Lager geben, weil der Zustrom an Flüchtlingen nicht aufhört. Es gibt keine andere Lösung. Quasi 50% der Flüchtlinge im Libanon müssen auf eigene Kosten ein Obdach mieten, Zimmer oder Wohnungen. Und wenn ihr Geld nicht reicht, campieren sie in Rohbauten, die oft noch keine Fenster und keine Heizung haben, auf Bauernhöfen oder in Garagen. Dann mit 10, 15 Personen in einem Raum.

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Sie selbst haben schon an Hilfseinsätzen in Somalia, Sudan und Afghanistan teilgenommen.
Wie analysieren Sie die syrische humanitäre Krise?

Bruno Jochum
Ich glaube, an erster Stelle muss man das Ausmaß, die Härte der Gewalt nennen, mit der dort die Kämpfenden vorgehen. Dabei sind schon mehrfach Verletzte und Helfer von medizinischen Personal beschossen worden. Man muss verstehen, dass es sich bei den Betroffenen weitgehend um Bürger der Mittelklasse wie der unteren Schichten handelt, die bisher ein ruhiges friedliches Leben hatten. Für sie bricht gerade ein Welt zusammen. Es sind Menschen wie Sie und ich, die plötzlich aus ihem Wohngebiet fliehen müssen und die jetzt internationale Solidarität brauchen, die sehr schnell dem Niveau ihrer echten Bedürfnisse entsprechen muss.

euronews
Vielen Dank an Bruno Jochum, Generaldirektor der “Ärzte ohne Grenzen”.