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Das kranke italienische Gesundheitswesen

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Das kranke italienische Gesundheitswesen

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Nach dem Ende der Technokratenregierung werden die Italiener wieder an die Wahlurnen gerufen.
Viele Wähler interessieren sich weniger für Koalitionen als für die Probleme ihres Alltags.
Zu ihren ganz großen Sorgen gehört das immer schlechter werdende Gesundheitswesen.
Mehr dazu in unserer Sondersendung zu den italienischen Parlamentswahlen 2013

Für Gina und Luigi beginnt der Tag sehr früh.
Menschen mit Amyotropher Lateralsklerose und ihre Familien, die sie pflegen, brauchen viel Zeit für die Morgentoilette. Erst vor sechs Monaten kam die Bestätigung, dass es wirklich diese furchbare Krankheit ist. Unheilbar, mit einer Überlebenschance von drei bis fünf Jahren. Luigi braucht viel Hilfe. Die Krankheit führt zu zu fortschreitenden und irreversiblen Schädigungen der Nervenzellen, die für die Muskelbewegungen zuständig sind. Bei ihm ist auch die Atemfunktion betroffen. Er hatte bereits einen Luftröhrenschnitt. Trotzdem bekommt er nicht die Pflegstufe, die für ALS-Patienten im fortgeschrittenen Stadium vorgesehen ist. Alle Lasten trägt seine Frau allein, auch die finanziellen für Pflege und Transport. Sie sagt: “Finanziell ist diese Krankheit verheerend. Wir verlieren dabei alles. Egal was man vorher gemacht hat, gearbeitet, gespart hat – alles ist weg.” Und Luigi beschreibt sein Leiden so: “Noch schlimmer ist, dass man sich selbst nur noch als eine Last empfindet. Die Krankheit wird zur unglaublich schweren Belastung für die ganze Familie. Nur noch das empfinde ich.”
Heute hat Luigi einen Termin im Krankenhaus.
Wegen der vielen Barrieren ist es in Rom besonders schwer, einen solchen Patienten zu transportieren.
Immer muss Gina die Platte mitschleppen, um den Rollstuhl über Bürgersteige oder Hauseingänge schieben zu können. Sie haben von Freunden einen zusammenfaltbaren Rollstuhl bekommen, damit Luigi überhaupt noch aus dem Haus kommt. Für den Transport solcher Patienten gibt es kein Geld aus der Kasse der zu 75% aus öffentlichen Mitteln finanzierten Gesundheitsversorgung. Viele, denen es so geht wie Gina und Luigi tragen ihren Sorgen in die Öffentlichkeit, sie protestieren wie hier die Eltern behinderter Kindern vor Parlament.
Eine durchschnittliche italienische Familie muss rund 6,900 € pro Jahr aufbringen, um ein behindertes Familienmitglied am Leben teilhaben zu lassen. Toni Nocchetti vom Verein “Tutti a scuola” sagt bei der Protestaktion: “Wir sind hier, weil sonst niemand im Wahlkampf über Behinderte spricht. Geredet wird über Fußballspieler, über Koalitionen, über die Härten vergangener Diktaturen. Aber kein Wort über Behinderte. Dabei betrifft das mehr als 3 Millionen italienische Bürger “.
Regierungschef Mario Monti hat für Streit gesorgt mit seiner Warnung, dass die Zukunft der universellen Gesundheitsversorgung, in Italien gefährdet sei. 2011 beliefen sich die öffentlichen Ausgaben für das Gesundheitswesen auf 7,1% des BIP: Das ist weniger als in Frankreich, Deutschland und Großbritannien. Der Ökonom Federico Spandonaro, von der Universität Rom Tor Vergata sagt: “Mit der öffentlichen Verschuldung, mit der wir heute konfrontiert sind, können wir nicht davon ausgehen, dass es weiter kostenlose Dienstleistungen für alle Bürger geben wird.
Wir müssen andere Wege finden, um das Gesundheitswesen zu finanzieren, zu subventionieren. Das System verlangt nach Modernisierung “.
Überall fließen Mittel ab, die eigentlich für das Gesundheitswesen gedacht waren. Das “San Filippo Neri Krankenhaus” ist das medizinische Kompetenzzentrum in Zentral-Italien, vor allem für die Herz- und Neurochirurgie: zwei Abteilungen sind von Schließung bedroht. Massimo Santini, der Leiter des Herz-Kreislauf-Abteilung im Krankenhaus “San Filippo Neri” sagt: “Hier fehlt Transparenz. Die wirklichen medizinischen Experten, die sich um die Patienten kümmern, die mit ihnen zu sprechen, mit ihren Familien, die die Probleme des Systems kennen, die sind nicht gefragt worden. Es war wie üblich eine Entscheidung von oben nach unten, bei der Finanzexperten mehr zu sagen haben als Gesundheits-Experten “.
Für den Moment wurden die Kürzungen ausgesetzt.
Es herrscht Einstellungsstopp für Ärzte an allen Krankenhäusern in Rom, während die dort arbeitenden Ärzte unbezahlte Überstunden leisten müssen. Die Preisliste für medizinische Therapien ist seit 1997 nicht aktualisiert worden. So werden die Kosten der Strahlentherapie in der Krebsbehandlung zum Problem, wie die Fachärztin erklärt. Maria Alessandra Mirri aus der Strahlentherapie-Abteilung im “San Filippo Neri” sagt: “In Latium, es kostet die gleiche Behandlung 600 Euro, für die in der Lombardei 9000 € zu zahlen sind. Für jeden Patienten von Lazio, die in der Lombardei behandelt wird, zahlt der Region Latium 9000 € . Die Reisekosten trägt der Patient selber.”
Reporterfrage: “Warum sollte ein Patient aus der Region Latium rund um Rom sich in der nord-italienischen Lombardei behandeln lassen?”
Die Ärztin antwortet: “Weil wir hier eine lange Warteliste haben. Wir haben zwar die Ausrüstung, aber uns fehlt das Personal, in allen Krankenhäusern der Region kann die Ausrüstung nur zur Hälfte genutzt werden.”
In der Pneumologie-Abteilung treffen wir Luigi wieder. Ein Mechaniker soll sein Beatmungsgerät neu einstellen. Dazu muss seine Atmung neu getestet werden. Die Öffentlichkeit kennt diese Krankheit von Bildern des britischen Physikers Stephen Hawking, bei dem sie aber ungewöhnlich langsam verläuft. Die Krankheit ist aber unheilbar.
Bleibt die besorgte Frage vieler Italiener, ob denn ihr schwer krankes Gesundheitswesen noch zu heilen ist.