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Dario Fo: Italien "von Fesseln befreien"

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Dario Fo: Italien "von Fesseln befreien"

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Bella italia – heute ein Land, weit weg vom Klischee sonniger Sorglosigkeit am Mittelmeer und das schwer trägt an den Folgen politischer Klüngelei. Und doch gibt es Menschen, die sich nicht entmutigen lassen wollen.

Quo vadis, Italien? Vor den anstehenden Wahlen hat euronews mit Persönlichkeiten der italienischen Gesellschaft gesprochen.
Dario Fo ist Intellektueller, Stückeschreiber, Schauspieler und wurde 1997 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Für ihn sind es die Banken, die Machthaber, die großen Fische, die den Italienern die Lust am Leben genommen haben.

Diego Giuliani, euronews: “Dario Fo, wie schon zuvor in Ihrer Karriere widmen Sie sich auch jetzt wieder der Malerei. In welchen Farben zeichnen Sie das Italien des Jahres 2013?”.

Dario Fo: “Grau wäre noch geschmeichelt, leider. Wenn überhaupt, dann schimmerte es vielleicht violett, orange oder rot, tiefrot. Die Leidenschaft ist dahin, es herrscht Melancholie, Desaster. Die Krise hat bedrohlicherweise allen Enthusiasmus und alle Freude zerstört.”

euronews: “Gibt es denn in diesem Bild Hoffnung und, wenn ja, wo zeigt sie sich?”

Dario Fo: “Der Wille, die Krise mit allen Mitteln überstehen zu wollen und den Kopf nicht hängen zu lassen, das ist positiv. Ich kenne viele Menschen, die nicht aufgeben und immer weiter Lösungsansätze suchen. Trotzdem ist das nichts, was das Überleben sichert. Es trägt eher dazu bei, etwas Neues zu schaffen, den Blickpunkt zu ändern.”

euronews: “Wir machen jetzt einen Zeitsprung und gehen zurück zur Verleihung Ihres Nobelpreises für Literatur im Jahr 1997. Ich zitiere aus der Begründung des Nobelpreiskommitees: “In der Tradition mittelalterlicher Hofnarren geißelt Dario Fo die Träger der Macht und stellt die Würde der Unterdrückten wieder her.”
Wen würde Dario Fo heute geißeln? Und aus welchem Grund?

Dario Fo: “Die Banken vor allem und die großen Unternehmen, jene, die die Zügel dieses Schauspiels in Händen halten. Es sind die Menschen, die mit ihrem Einfluss auf die Medien, vor allem auf das Fernsehen, durchzusetzen versuchen, was sie sich als Spielregeln für unsere Gesellschaft ausgedacht haben.”

euronews: “Sie verfolgen sicher mit Bedenken den Wahlkampf in Italien. Was beunruhigt Sie dabei am meisten?”

Dario Fo: “Was mich beunruhigt ist sicherlich nicht das, was die Politiker beunruhigt. Ich habe mit deren Spielchen nichts zu tun. So wie diese Politiker zwischenmenschliche, soziale Beziehungen begreifen, kann ich kein Mitleid mit ihnen haben. Für sie ist es nurnoch eine Arbeit und hat nichts mehr mit einer Mission zu tun, nichts mehr mit einem Amt, das man annimmt, weil die Wähler Vertrauen haben.”

euronews: “Kann Politik heute überhaupt noch begeistern?”

Dario Fo: “Innerhalb kürzester Zeit hat Politik alles beschädigt, was über Jahrhunderte aufgebaut worden ist. Sie hat Vertrauen zerstört, die Werte des Rechts, der Gemeinschaft, der Justiz. Vor allem der Justiz.”

euronews: “Wie hat es zu dieser Zerstörung kommen können?”

Dario Fo: “Wenn ein System nicht mehr auf Kultur, Wissen und den Grundsätzen der Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit beruht, dann bricht alles zusammen. Viele singen ja geradezu das Loblied auf Rechtsbruch und Klüngelei. Da brauchen wir gar niemanden herauszugreifen. Alle sind so, schauen Sie sich nur um. Der Erste, den Sie sehen, hängt mit drin.”

euronews: “In der Politik als ‘moderat’ zu gelten, gehört seit ein paar Jahren zum guten Ton. Sie selbst distanzieren sich davon und das mit Stolz. Was ist das Problem mit den Moderaten? Was werfen Sie denen vor?”

Dario Fo: “Vor allem die Inszenierung, dieses Maskenspiel. Diese Menschen geben sich als gut aus, freundlich und gewaltlos. Aber das ist eine Falle. Die Gesten, der Schein – diese Menschen lassen sich nie gehen. Nie machen sie sich über Gebühr lustig, amüsieren sich nicht, tanzen nicht. Ich habe noch nie einen Moderaten tanzen sehen oder gar in Gesellschaft feiern. Sie gehen zum Lachen und auch zum Feiern in den Keller, damit niemand ihr wahres Sein erkennt.”

euronews: “1994 geht er zur Überraschung aller in die Politik. Es folgt eine lange Karriere und deren Ende. Nun, im Jahr 2013, ist er wieder da. Die Rede ist natürlich von Silvio Berlusconi. Ihm haben Sie einige Stücke gewidmet. Wie würden Sie ihn heute sehen?”

Dario Fo: “Gerade gestern habe ich mich von Buster Keaton inspirieren lassen und eine Pantomime gemacht. Eine Statue steht in einem großen Salon und die Menschen drumherum versuchen sie zu stützen. Sie laufen hierhin, laufen dahin, gehen, kommen zurück. Sie stützen das Standbild mit einer Maschine, damit es stehen bleibt. Aber schließlich fällt das Standbild doch, fast zerbricht es. Und wieder stellen sie die Statue auf. Sie ist zurück, aber noch immer nahe am Abgrund.”

euronews: “Aber sie stürzt nie endgültig hinab…”

Dario Fo: “Da müssen wir geduldig sein”.

euronews: “Eine letzte Frage zum Schluss: Was wünschen Sie Italien für die Zukunft?”

Dario Fo: “Einen Befreiungsschlag, dass sich Italien von allen Fesseln befreit, von aller Niedertracht und Heuchelei, vom Joch, das uns unser Leben entreißt. Und Eigenständigkeit, wieder der eigene Herr sein. Das wünsche ich meinem Land.”