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Wie geht es weiter im Vatikan? Ein Interview mit zwei Meinungsmachern der katholischen Kirche

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Wie geht es weiter im Vatikan? Ein Interview mit zwei Meinungsmachern der katholischen Kirche

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In wenigen Tagen wird der Papst abtreten. Lange Zeit in der Geschichte versteckten sich die Päpste vor ihren Feinden im Castel Sant’Angelo. Benedikt der Sechzehnte muss das nicht mehr machen, aber er wird ein Erbe hinterlassen. Um zu verstehen, wie dieses aussieht, haben wir uns in den Vatikan begeben.

Denn es sind bewegte Tage hier im Sitz der katholischen Kirche. Der Papst hat seinen Rücktritt erklärt, nun gilt es ein neues Oberhaupt zu wählen.

Am 28.Februar endet die Amtszeit von Benedikt dem Sechzehnten offiziell.

Wie geht es nun weiter, wollten wir von Giovanni Maria Vian wissen, dem Direktor des “Osservatore Romano” wissen, der Tageszeitung des Vatikan.

EuroNews:
Die einflußreichste Tageszeitung Italiens, der “Corriere della Sera” titelte am 12.Februar: “Der fehlgeschlagene Versuch die römische Kurie zu verändern”. Was genau hat nicht funktioniert: der Papst oder die Kurie?

Giovanni Maria Vian:
Das hat der “Corriere” zwar so geschrieben, ich bin damit aber überhaupt nicht einverstanden.

Der Papst glaubt eher an intime, persönliche Veränderungen als an große strukturelle.

Er hat die römische Kurie in den vergangenen acht Jahren klar verändert und auf einen neuen Kurs gebracht.

Vergessen wir nicht, dass sein Pontifikat acht Jahre gedauert hat.

EuroNews:
Als er seinen Rücktritt verkündet hat, hat er das so ausgedrückt, dass keine Zweifel mehr blieben.

Benedikt der Sechzehnte hat die Tatsachen einfach auf den Tisch gelegt.

Zudem hat ihn kein einziger Kardinal darum gebeten, seine Entscheidung eventuell noch einmal zu überdenken.

Ist das alles normal?

Giovanni Maria Vian:
Das Kirchenrecht sagt, dass es zweier Bedingungen bedarf, damit ein Papst abdanken darf.

Erstens die absolut freie Entscheidung darüber und zweitens die öffentliche Ankündigung.

Die Entscheidung, die der Papst auf Lateinisch verkündet hat, ist eindeutig.

Er hat verstanden, dass er nicht die Kraft hat, das Kirchenschiff weiterzusteuern und seinen evangelischen Auftrag auszuführen.

Deswegen hört er auf und übergibt das Amt an seinen Nachfolger.

EuroNews:
Wird Papst Ratzinger nun unsichtbar?

Giovanni Maria Vian:
Sehen Sie, in so einer Situation haben wir uns bislang noch nicht befunden. Man kann also kaum Voraussagen über die Zukunft treffen.

EuroNews:
Was hat den Papst am meisten getroffen: die Meinungsverschiedenheiten im Vatikan, der Skandal um die Vatikan-Bank oder der um Pädophilie unter Priestern?

Giovanni Maria Vian:
Es ist klar, dass der Papst von Beginn an mit Vorurteilen zu kämpfen und dabei Stürme zu überstehen hatte – wie aber auch viele seiner Vorgägner.

Am meisten hat ihn sicher getroffen, dass sich Mitglieder der katholischen Kirche an Minderjährigen vergangen haben.

Wir holen ein weiteres Meinungsbild ein beim katholischen Sender TV 2000 und sprechen mit Direktor Dino Boffo.

EuroNews:
Herr Boffo, 2009 sind sie zurückgetreten als Direktor der katholischen Tageszeitung Avvenire, nachdem sie in die Schußlinie eines von der Berlusconi-Familie kontrollierten Mediums geraten sind. Sie kennen sich mit Rücktritt also aus – ist ein Rücktritt die richtige Antwort?

Dino Boffo:
In meinem Fall war das auf jeden Fall die richtige Entscheidung, denn dadurch konnte man der Wahrheit auf den Grund gehen.

Im Fall von Papst Ratzinger aber ist das jedoch ganz anders!

Er ist ja zurück getreten wegen seines Alters. Er hat selbst gesagt, dass er nicht mehr in der Lage ist, sich den Herausforderungen der Kirche und unserer Zeit zu stellen und deswegen will er Platz machen für einen Jüngeren.

EuroNews:
Wem nutzt dieser Rücktritt?

Dino Boffo:
Bei seiner Rücktrittserklärung hat der Papst erklärt, dass die Kirche und das Volk Gottes neue Energie brauchen.

Natürlich ist ein junger Papst dafür besser geeignet als einer, der 85 Jahre alt ist.

Ich will damit nicht sagen, dass der Papst keine Energie mehr hatte, man hat eher gesehen, in seinen Reden etwa, dass seine inhaltliche Stärke mit dem Alter eher zugenommen hat.

Aber wer die Kirche führt, der muss nicht nur im Geiste stark sein, sondern auch starke und schnelle Reaktionen zeigen.

EuroNews:
Was denken sie von der Nominierung von Ernst von Freyberg zum Präsidenten der Vatikan-Bank?

Er ist Mitglied des Malteserordens aber auch Aufsichtsratschef beim Hamburger Schiffbauer Blohm und Voss, der auch Kriegsschiffe herstellt…

Dino Boffo:
Ich warte noch darauf, genauere Hintergründe dieser Nominierung zu erfahren. Davor will ich mich dazu nicht äußern. Ich gebe zu, dass mich diese Nachricht etwas überrascht hat. Ich weiß nicht, ob er noch für den Schiffbauer arbeitet, sollte dem aber so sein, wäre es wünschenswert, dass er diese Funktion sofort aufgibt. Ansonsten wäre seine Wahl nicht sehr passend. OK W