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Ein Pontifikat der Skandale und ein Schattenpapst

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Ein Pontifikat der Skandale und ein Schattenpapst

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Skandale haben das Pontifikat Benedikts geprägt. Erst vor Tagen trat der ranghöchste katholische Geistliche Großbritanniens, Kardinal Keith O’Brien, zurück. Er soll sich vor Jahrzehnten jungen Priestern ungebührlich genähert haben. Die sogenannte Vatileaks-Affäre um gestohlene päpstliche Dokumente im vergangenen Jahr sorgte ebenfalls für Turbulenzen. Und nicht zuletzt haben die Missbrauch-Skandale in Europa wie in den USA schwere Schatten auf den Vatikan gelegt: Skandale in Belgien, Irland, Italien, Österreich, Deutschland.
Die Folgen in Deutschland: Die Kirchenaustritte nahmen zu und ein massiver Vertrauensverlust der Kirche. Wohin hat Benedikt die katholische Kirche geführt? Welche Reformen wären notwendig? Darüber sprachen wir mit dem renommierten Kirchenkritiker Hans Küng, der einst, ebenso wie Joseph Ratzinger, als theologischer Berater am Zweiten Vatikanischen Konzil teilgenommen hatte.

Ich begrüße nun in Tübingen Herrn Professor Hans Küng, Theologe und Buchautor, der einer der bekanntesten Kirchenkritiker ist. Herzlich willkommen bei Euronews!

Professor Hans Küng:
Freut mich.

Euronews:
Ist der Rücktritt des Papstes auch eine Folge der Missbrauchs-Skandale, die es in den vergangenen Jahren in der katholischen Kirche in mehreren Ländern Europas sowie in den USA gab?

Hans Küng:
Zweifellos haben die Missbrauchs-Skandale und die Vatileak-Skandale den Pontifikat von Benedikt XVI. sehr belastet.

Euronews:
Befindet sich die katholische Kirche in einer Krise?

Hans Küng:
Das ist wohl offenkundig! Wir haben immer weniger Priester, immer mehr Pfarreien, die nicht betreut sind. Wir haben einen Auszug aus der Kirche, von Männern, von Frauen. Die junge Generation wird nicht mehr richtig sozialisiert in der Kirche. Wir haben eine Menge von Problemen, die sich eingestellt haben, vor allem weil wir vom Kurs des zweiten Vaticanums abgekommen sind, vom Kurs der Erneuerung, den damals Johannes XXIII. angezeigt hatte, wo wir nach vorne gehen wollten. Wir leiden unter diesem Restaurationsprozess, der mit dem polnischen und dem deutschen Papst eingesetzt hat.

Euronews:
Wie ist das Pontifikat Benedikts zu beurteilen? Wohin hat er die katholische Kirche geführt?

Hans Küng:
Ich glaube in einen Engpass hat er sie geführt. Er hat natürlich beste Absichten, ich bezweifle das nicht, ich kenne ihn ja gut. Aber er hat die Protestanten verärgert, die Muslime wütend gemacht, die Juden auch beleidigt mit dem Karfreitagsgebet, das er wieder neu einführte. Er hat auch die Indios in Amerika falsch beurteilt, er hat wirklich eine Menge von Pannen hinter sich.

Euronews:
Herr Professor Küng, kommt der nächste Papst ebenfalls aus Europa oder eher aus Afrika oder Südamerika?

Hans Küng:
Es scheint mir nicht sehr wichtig zu sein, woher er kommt. Es ist die Frage, ob er kompetent ist, ob er fähig ist, die Kirche aus der gegenwärtigen tiefen Krise herauszuführen, Ob er die Kraft hat, die Unabhängigkeit, den Mut. Und das wird sehr schwierig sein, weil doch alle Bischöfe seit dem polnischen Papst auf eine Parteilinie festgelegt sind, auf einen Fragebogen: Sie müssen gegen die Frauenordination sein, sie müssen gegen die Empfängnisverhütung sein, sie müssen für das Zölibatsgesetz sein. Und es fragt sich, ob man jetzt einen findet, ob einer eine Zweidrittelmehrheit erreicht, um die Kirche aus der Krise herauszuführen.

Euronews:
Welche Reformen sollte ein künftiger Papst durchführen?)

Hans Küng:
Am wichtigsten wäre eine Kurienreform. Wir haben immer noch einen vatikanischen Hof mit mittelalterlichen, barocken, vormodernen Sitten. Wir brauchen eine Zentrale für unsere Kirche, eine zentrale Verwaltung, die effektiv ist und die von kompetenten Männern und womöglich auch Frauen geleitet wird.

Euronews:
Wird es zu Konflikten zwischen einem zurückgetretenen Papst und einem amtierenden Papst kommen oder sogar kommen müssen?

Hans Küng:
Ich fürchte sehr, dass Joseph Ratzinger ein Schattenpapst sein wird. Er lebt ja nicht in einem Kloster sondern in einem ehemaligen Kloster, das zu einer schönen Villa umgebaut wird, er wird auch weiterhin mit “Eure Heiligkeit” angeredet, er wird weiterhin einen weißen Talar tragen. Also es ist alles sehr gefährlich und es wird die Freiheit des nächsten Papstes sehr beschränken, wenn er da nun da unmittelbar im Vatikan logiert, residiert und seine Kontakte pflegt.

Euronews:
Herr Professor Hans Küng, haben Sie vielen Dank für dieses Gespräch.