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Bei den Toten leben

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Bei den Toten leben

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Bei den Toten leben in Ägypten rund zwei Millionen Obdachlose – nach amtlichen Angaben. Zum Vergleich: Das Land hat mehr als achtzig Millionen Einwohner – ungefähr so viel wie Deutschland. Nun stelle man sich vor, bundesweit fänden zwei Millionen Menschen ihre Nachtruhe auf dem Friedhof. Auch Kinder und alte Menschen. Und einige dieser Menschen finden hier sogar Arbeit: bei den Steinmetzen, die die Grabsteine anfertigen. Oder sie rezitieren Koranverse bei Beerdigungen.

Auch Hatem Hosni lebt in einem Grab. Die schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse haben ihn und fünf Familienangehörige dazu gezwungen. Das kleine Mausoleum ist 150 Jahre alt. Dementsprechend liegen hier dutzende Tote. Einige wurden wohl erst vor kurzem beigesetzt: Es steigt ein strenger Geruch auf.

“Die wirtschaftlichen Verhältnisse sind wirklich schwierig. Es gibt kaum Arbeit, aber wer keine Arbeit hat, kann die hohen Mieten nicht zahlen. Deshalb leben wir hier. Eine Wohnung kann ich mir nicht leisten. Sie würde viel Geld kosten, aber ich habe keine Arbeit. Deshalb können wir hier nicht fortziehen. Und die Regierung hat uns vergessen. Sie hat kein Interesse an uns. Für die Regierung sind wir praktisch schon gestorben. Denn auf Friedhöfen sind die Toten. Die Regierung sieht uns als Tote an, weil wir auf dem Friedhof leben.”
 
Auf dem Aisha-Friedhof von Kairo sind wir Al Haj Ahmed begegnet. Er lebt hier seit 43 Jahren – in einem kleinen Raum ohne regelmäßige Stromversorgung oder sauberes Wasser. Er lebt von den kleinen Spenden der Friedhofsbesucher. Das Stadtzentrum ist nur wenige Kilometer entfernt, aber was dort vorgeht, weiß er nicht.
 
“Ich kann nicht lesen. Was in Ägypten los ist, weiß ich nur, wenn Besucher wie Sie kommen und mir etwas berichten. Dann höre ich vielleicht, dass es Zusammenstöße gegeben hat, irgendwo, in einem bestimmten Gebiet, aber eigentlich ist mir das egal, es kümmert mich nicht. Ich lebe hier, ich bin kein Anhänger von irgendeinem Politiker, ich halte mich heraus aus der Politik.”

Die Friedhöfe Ägyptens sind auch Rückzugsgebiete für allerlei Menschen, die nicht erkannt werden wollen. Hier werden kriminelle Geschäfte getätigt: von Hehlerei und Drogenhandel bis zum Mordauftrag. Ägyptische Gräber sind dafür besonders geeignet: Sie sind unterirdische Anlagen mit einzelnen Räumen.

“Meine Tochter hat die Behörde vor vier Jahren um eine Wohnung gebeten”, sagt eine Frau. “Ihr Mann ist schwerbehindert. Sie lebt bei der Schwiegermutter in einem kleinen Raum. Aber die Behörde wollte ihr keine Wohnung geben. Sie hat mit den Beamten gesprochen, und die haben ihr gesagt, sie müsse zwei Jahre warten.”
 
Dieser Mann, der seinen Namen nicht nennen wollte, ernährt sich von altem und verschimmeltem Brot: Er wäscht es ab, wickelt es in ein Tuch, packt es nach einigen Minuten wieder aus und isst es.
 
Die Menschen, die auf Friedhöfen leben, nennt man hier die überirdischen Toten. Sie kennen nicht die Parolen des politischen Streits in ihrem Land. Die Vorgänge draußen im Lande dringen nicht ein in die schmalen Gassen der Friedhöfe. Für die Menschen hier dreht sich alles um die Frage, wie man am Leben bleibt.