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"Venezuela täte nach Chavez eine Dosis Realismus gut"

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"Venezuela täte nach Chavez eine Dosis Realismus gut"

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Zum Tod von Venezuelas Präsidenten sprach unser Amerika-Korrespondent mit der Politikforscherin Diana Villiers Negroponte von der Brookings Institution in Washington. Sie hat sich auf Lateinamerika, die Neue Linke und Populismus spezialisiert und räumt ein:

“Hugo Chavez war kein Freund der Vereinigten Staaten, er hat gern mit uns gespielt, er hat uns gern als Imperialmacht behandelt. Aber wenn Dein Konkurrent geht, merkst Du, dass er ein außergewöhnlicher Mensch war.

Uns geht es nun darum, dass der Wahlkampf, den die Verfassung jetzt verlangt, fair sein muss. Die Opposition und andere Kandidaten, die sich um die Präsidentschaft bewerben, sollten in diesem Wahlkampf auf derselben Grundlage konkurrieren können. Was bedeutet, dass jede Partei ihre angemessene Sendezeit in den Medien bekommt und dass nicht die Regierungspartei die Sendezeit in den Medien monopolisiert und der Opposition nur Bruchstücke lässt. Die USA werden einen fairen Wahlkampf fordern.”

Venezuela wird sich nun entscheiden müssen, ob es Chavez’ “Sozialismus des 21. Jahrhunderts” fortsetzen will. Seit Ende der neunziger Jahre hat sich die Zahl der Armen laut dem staatlichen Statistikinstitut in etwa halbiert, die Handelsbilanz ist ausgeglichen. Jedoch, so der Standpunkt der Amerikanerin Negroponte:

“Das Land macht heute eine schwere wirtschaftliche Krise durch. In den Läden ist alles knapp: Es gibt nur wenig Reis, wenig Milch, wenig Kaffee. Medikamente sind knapp. Ersatzteile für Maschinen, elektronische Geräte, Möbel – es fehlt an allem. Den Venezolanern ist klar, dass es ein ernsthaftes Problem gibt, dem sie sich stellen müssen, und gegen das der Chavez-Nachfolger etwas tun muss. Und das wird sehr schwierig werden, denn in den vergangenen Jahren hat Chavez die Gewinne aus der Ölindustrie, aus dem staatlichen Ölkonzern PDVSA, als willkommenes Geld genutzt, um Gefälligkeiten an seine Anhänger zu verteilen. Diese Zeit ist vorüber, und jetzt muss das venezolanische Volk die Zeche zahlen.”

Venezuela hat die größten nachgewiesenen Ölvorkommen der Welt, seine Exporte konzentrieren sich auf das “Schwarze Gold”, hängen aber auch stark von den schwankenden Weltmarktpreisen ab. Die wichtigsten Handelspartner sind die USA und China. Chavez’ Nachfolger werde vielleicht einen weniger antiamerikanischen Kurs einschlagen, meint Negroponte:

“Ein populistischer Führer braucht ein Thema, um das er seine Anhänger scharen kann. Antiimperialismus, Antiamerikanismus, das passte ihnen. Ob der Nachfolger damit weitermachen wird, ist nicht sicher, vor allem deshalb, weil venezolanisches Öl an US-Raffinerien verkauft wird. Venezuela braucht, ob Sie es glauben oder nicht, Lebensmittel, die es von den Vereinigten Staaten kauft. Daher sind gute Beziehungen zu US-Investoren und US-Unternehmen essenziell für Venezuela, um aus seiner wirtschaftlichen Krise herauszukommen. Wir können mit einer gewissen Menge an Phrasendrescherei umgehen, aber irgendwann muss man auch realistisch sein. Und ich würde sagen, dass nach Chavez eine Dosis Realismus Venezuela gut tun würde.”