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Die Cholesterinkontroverse

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Die Cholesterinkontroverse

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Statine gehören zu den am häufigsten verordneten Medikamenten, um das Infarktrisiko zu senken. Doch ihr Einsatz ist umstritten. Immer wieder warnen Mediziner vor den nicht unerheblichen Nebenwirkungen cholesterinsenkender Mittel. Und die Patienten sind ratlos. Was ist eigentlich richtig?

Der Franzose Stéphane Ricois ist seit dem Herzinfarkt am Pariser Krankenhaus Georges Pompidou in Behandlung. Der 44-Jährige weist gleich mehrere Risikofaktoren auf: Tabakkonsum, schlechte Ernährung, kein Sport und extrem hohe Cholesterinwerte. “Bis zum Infarkt wusste ich nichts von meinem Cholesterinspiegel”, sagt er. “Weil es mir gut ging, hatte ich mich nie untersuchen lassen.”

Inzwischen nimmt Stéphane Ricois Crestor, ein cholesterinsenkendes Mittel. Trotz der Kontroverse über Nutzen und Gefahren halten viele Ärzte wie Nicloas Dachin Statine für das geeignete Mittel für Hochrisiko-Patienten. “Bei Koronarpatienten, also solchen, die einen Infarkt hinter sich haben oder Angina Pectoris, verringern Statine nicht nur das Risiko eines erneuten Infarkts, sondern sie verringern ganz einfach das Todesrisiko und verlängern maßgeblich die Lebenserwartung der Betroffenen.”

Allein in Deutschland werden schätzungsweise vier Millionen Patienten mit Statinen behandelt, ähnlich ist die Situation in Frankreich. Die Verschreibung sei trotz Nebenwirkungen durchaus vertretbar, sagt Joseph Emmerich von der französischen Arzneimittelaufsicht. “Die Medikamente wurden genau untersucht, ihre Nebenwirkungen überprüft. Und global gibt es nur wenige Medikamente, die die Sterblichkeit um 10 Prozent senken.”

Der französische Unternehmer Renaud de Langlade nahm wegen zu hoher Cholesterinwerte 10 Jahre lang Statine, eine physische Leidenszeit mit diversen Gesundheitsproblemen, die sich auf sein Berufs- und Privatleben niederschlugen. Heute fühlt er sich wieder topfit. Weil er die Statine abgesetzt hat, sagt er.
“Ich fühlte mich vor allem sehr müde. Man kommt abends nach Hause und hat zu nichts, aber wirklich rein gar nichts mehr Lust. Am nächsten Morgen erscheint man müde im Büro, geht nicht genügend auf die Kunden ein. Sobald ich die Statine abgesetzt hatte, und da trieb ich noch nicht Sport, fühlte ich mich gleich zehn Mal besser, hatte keine Angst mehr, keinen Stress. Ich schlief genug und konnte wieder einem normalen Arbeitsrhythmus nachgehen.”

Auch der Kardiologe Michel de Lorgeril hielt die systematische Verschreibung von Cholesterinsenkern für richtig. Doch neue Studien über die zum Teil bedrohlichen Nebenwirkungen wie Muskelschwund, Leberprobleme und Nierenversagen haben seine Meinung geändert. “Man kommt unausweichlich zu dem Schluss, dass diese Medikamente nutzlos sind und schädlich, dass sie vom Markt genommen und nicht mehr erstattet werden sollten, wie die Studie meiner Kollegen Bernard Debré und Philippe Even empfiehlt. Wer sich wirklich vor Infarkt und Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützen will, baucht etwas ganz anderes als Cholesterinhemmer.”

Viel Sport treiben, nicht rauchen und sich gesund ernähren, so lautet die goldene Formel.
Besonders empfohlen wird die Mittelmeerdiät, die, wie gerade erst wieder in einer spanischen Studie nachgewiesen wurde, eine natürliche, cholesterinsenkende Wirkung hat.

Konkret bedeutet das: viel Obst und Gemüse, Fisch, Olivenöl – und ein kleines Gläschen Rotwein.