Eilmeldung

Eilmeldung

Wie gefährlich ist das nordkoreanische Muskelspiel?

Sie lesen gerade:

Wie gefährlich ist das nordkoreanische Muskelspiel?

Schriftgrösse Aa Aa

Kriegerische Rhetorik, Drohungen, Provokationen, im Februar der dritte Atomtest.
Das totalitäre Regime in Nordkorea bleibt sein jahrzehntelang geübten Praxis treu.
Da stellt sich die Frage, wie ernst sind die Drohungen diesmal zu nehmen.
Wir sprechen gleich darüber mit der Expertin Juliette Morillot.

Weil die Vorwarnzeiten für mögliche Konflikte immer kürzen wurden, haben verfeindete Mächte spezielle Telefonleitungen eingerichtet.
Die hat Nord-Korea nun komplett gekappt. So wie zu Monatsbeginn bereits eine Leitung des Roten Kreuzes. Statt dessen wird den USA und Süd-Korea unterstellt, durch ihre Militärübungen einen Atomkrieg vorzubereiten. Seit dem nordkoreanischen Atomtest am 12. Februar, dem 3. insgesamt, steigt die Spannung auf der koreanischen Halbinsel. Es fällt auf, dass alle “einfachen Bürger”, deren Äußerungen das nord-koreanische Fernsehen verbreitet, immer von der “Würde ihrer obersten Führer” reden, die von den Yankees beschmutzt werde. Dann folgen Ergebenheitsbekundungen an Kim Jong Un, auf dessen Befehl hin die “Demokratische Volksrepublik Korea” fähig sei, die US-Streikräfte zu zerstören und die Yankees von dieser Erde hinweg zu fegen. Mit den bereits erprobten Mittelstreckenraketen kann die nord-koreanische Armee weder amerikanisches Festland noch vorgelagerte Inseln im Pazifik erreichen – wohl aber Süd-Korea und Japan. Das US-Verteidigungsministerium will trotzdem das in Alaska stationierte Raketenabwehrsystem bis 2017 ausbauen. Patrick Ventrell, der Sprecher des US-Außenministeriums, betont, man nehme die Drohungen ernst. Und er versichert, dass die USA nicht nur fähig seien, sich selbst gegen Angriffe aus Nord-Korea zu schützen, sondern auch ihre Verbündeten Süd-Korea und Japan. In Süd-Korea setzt man mehr auf symbolische Gesten als auf starke Worte. Die Staatspräsidentin Pak Geun-Hye erschien persönlich zu einer Gedenkfeier für jene 46 Seeleute, die vor drei Jahren beim Untergang eines süd-koreanischen Kriegsschiffes ihr Leben verloren. Der Süden beschuldigt seither den Norden, per Torpedoangriff das Schiff versenkt zu haben – was der Norden leugnet. Die Präsidentin rief die verfeindeten Brüder im Norden auf, abzulassen von Atomwaffen, Raketen, Provokationen und Drohungen und statt dessen ein verantwortungsbewußtes Mitglied der internationalen Gemeinschaft zu werden.
Dies sei der einzige Weg, wie der Norden überleben könne. Nach dem jüngsten nord-koreanischen Atomtest im Februar hatte auch China, bisher Pjöngjangs Verbündeter, im UN-Sicherheitsrat verschärften Sanktionen wie Sperrung von Auslandskonten zugestimmt.

euronews
Juliette Morillot arbeitet als Journalistin für die Monatsschrift “La Revue”, die ihre jüngste Ausgabe den Atomwaffengefahren gewidmet hat, die von Iran und Nordkorea ausgehen. Sie selbst ist Spezialistin für Nordkorea. Man kennt solche Drohgebärden aus Nordkorea doch längst, die gibt es nach jedem Manöver der Verbündeten USA und Südkorea. Diesmal werden aber explizit die USA als Feind genannt. Ist das eine neue Entwicklung?

Juliette Morillot
Ja, das ist wirklich neu. Nordkorea wechselte jahrelang zwischen den Phasen der Provokation und jenen der Beschwichtigung. Einmal akzeptierte Nordkorea die chinesischen Intiative, an den Verhandlungstisch zurückzukehren zu den “Sechser-Gesprächen” mit dem Ziel einer atomwaffenfreien koreanischen Halbinsel, dann aber folgten darauf immer wieder scharfe Töne. Jetzt könnte es damit zu tun haben, dass alle Spitzenpolitiker der Region neu sind. Ein neues Führungsteam in China, eine neue Präsidentin in Südkorea. Ein neuer Ministerpräsident in Japan, da ist es für Kim Jong Un wichtig, seine Position zu betonen. Das führt aber zu einer weiteren Umdrehung dieser Droh-Spirale, weil Kim Jong Un sich sehr geschickt der Medien zu bedienen weiß. Ich wiederhole ausdrücklich, damit sichert er seine Macht. Er ist allerdings sehr weit gegangen. Bleibt abzuwarten, ob er einen Zusammenstoß riskiert.

euronews:
Nordkorea steht international total isoliert da. Selbst sein letzter Verbündeter China hat nun den Ton verschärft. Was will das Kim Jong Un-Regime erreichen?

Juliette Morillot
Für China hat dieser unberechenbare Verbündete zuletzt reichlich Ärger gebracht. China würde gern dichter an die internationale Gemeinschaft heranrücken, ohne seinen historischen Verbündeten Nordkorea fallen zu lassen. Aber Nordkorea lässt sich von China keine Vorschriften machen. Ich denke, dass China schon eingreifen und möglicherweise versuchen könnte, die Scherben zu kitten. Aber ich glaube nicht, dass sich das Regime in Pjöngjang etwas diktieren lässt.

euronews
Was kann Kim Jong Un mit solchen Provokationen gewinnen?:

Juliette Morillot
Er hat ein doppeltes Ziel. Einerseits sollen solche Töne nach innen wirken. Soll heißen, nach dem Tode seines Vaters ist Kim Jong Un als neuer und sehr junger Führer angetreten, der seine Machtposition noch absichern muss. Das Volk hinter sich vereinen. Und dazu eignet sich am besten
ein Feind, in diesem Fall der Kampf gegen den amerikanischen Imperialismus. Der Welt gegenüber benutzt Kim Jong Un sehr viel ausgefeiltere Formulierungen, nach Jahren des status quo will er durchaus einen Dialog mit den USA. Wenn ich vom “status quo” spreche, meine ich, dass niemand wirklich an einer koreanischen Wiedervereinigung interessiert ist. Südkorea sieht das deutsche Beispiel und möchte nicht sein hohes Lebensniveau verlieren. China hat keine Lust auf ein nuklear gerüstetes, vereinigtes, demokratisches Korea vor seiner Haustür. Japan mag auch kein wiedervereinigtes Korea wegen der dortigen anti-japanischen Grundstimmung. Und die USA wollen nicht ihre Militärmacht gegenüber China einbüßen, die sie durch die Stützpunkte auf Okinawa, Guam aber auch in Südkorea behaupten. Kim Jong Un heizt die Spannung an, indem er mit all diesen Elementen des staus quo spielt, er versucht seine Gegner gegeneinander auszuspielen.