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Dem Kosovo und Serbien drohen schwere Zeiten

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Dem Kosovo und Serbien drohen schwere Zeiten

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17. Februar 2008: Der Jubel der Kosovo-Albaner anlässlich ihrer Unabhängigkeitserklärung war schier grenzenlos. Aus Serbien hingegen, das die ehemalige Provinz bis heute nicht als eigenständigen Staat anerkennt, waren Drohungen zu vernehmen. Nach dem Scheitern der inzwischen achten, von der Europäischen Union vermittelten Runde von Verhandlungen, kommen turbulente Zeiten auf die früheren Kriegsgegner zu. Belgrad erhält keinen Termin für den Beginn der Beitrittsverhandlungen mit Brüssel, das Kosovo muss unterdessen auf das Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen mit der EU warten. Nicht auszuschließen sind zudem Neuwahlen, sowohl in Serbien als auch im Kosovo. Die serbische Minderheit im Kosovo könnte radikale Schritte unternehmen. Sie wünscht die Ausrufung einer autonomen Provinz und ein eigenes Parlament. Auf die im Kosovo stationierte internationale Schutztruppe KFOR kommen schwierige Tage und Wochen zu.

Euronews:
Wir begrüßen nun in Paris den Balkan-Experten Simon Rico, stellvertretender Chefredakteur des Internetportals “Courrier des Balkans”.

Simon Rico:
Bonjour.

Euronews:
Warum sind die Verhandlungen zwischen dem Kosovo und Serbien gescheitert?

Simon Rico:
Das Kosovo und Serbien nehmen gegensätzliche Positionen ein. Serbien erkennt die am 17. Februar 2008 ausgerufenene Unabhängigkeit des Kosovos nicht an. Gemäß der Verfassung Serbiens ist das Kosovo weiterhin serbisches Staatsgebiet. Die Europäische Union setzt sich für den Dialog zwischen Serbien und dem Kosovo ein, doch die beide Seiten reden aneinander vorbei.

Euronews:
Muss Brüssel die Verantwortung für das Scheitern übernehmen?

Simon Rico:
In Wirklichkeit handelt es sich weder für das Kosovo noch für Serbien um einen Rückschlag, denn nach 14stündigen Verhandlungen schlossen sie eine Fortsetzung des Dialogs nicht aus. Hingegen ist die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton gescheitert, denn sie sagte, der Dialog werde bis auf weiteres nicht fortgesetzt.

Euronews:
Muss Brüssel mehr Druck machen?

Simon Rico:
Es ist Brüssel nicht gelungen, das Kosovo und Serbien unter Druck zu setzen. Möglicherweise hätte die EU mehr Druck machen müssen, doch welche Mittel stehen ihr dabei zur Verfügung? Darin liegt meiner Meinung nach das Problem.

Euronews:
Warum will Serbien die Unabhängigkeit des Kosovos nicht anerkennen?

Simon Rico:
Die Europäische Union hat etwas gefordert, das für Serbien unvereinbar ist: Für den Preis der europäischen Integration auf das Kosovo zu verzichten. Zur Zeit ist Belgrad nicht dazu fähig, diesbezüglich eine Entscheidung zu treffen.

Euronews:
Um den Konflikt zwischen der serbischen Minderheit im Kosovo und der albanischen Mehrheit besser zu verstehen: Warum weigern sich die Serben in das Kosovo integriert zu werden?

Simon Rico:
1989 versprach der frühere serbische Staatschef Slobodan Milosevic der serbischen Minderheit im Kosovo, sie nicht den Kosovo-Albanern zu überlassen. Dies war der Ausgangspunkt für Gewalttätigkeiten, die ein Jahrzehnt dauerten und mit dem Krieg in den Jahren 1998/99 ihren Höhepunkt fanden. Heute verläuft eine klare Trennungslinie zwischen der serbischen Minderheit, die im Norden des Kosovos siedelt und dem Rest des Landes, der von Albanern bewohnt wird. Die Serben im Norden wünschen den Anschluss an Serbien, sie lehnen es ab, von Pristina regiert zu werden.

Euronews:
Eine letzte Frage: Warum muss Europa auf dem Balkan Verantwortung übernehmen?

Simon Rico:
Die Europäische Union müsste heute auf dem Balkan noch stärker als früher tätig werden, denn sie verliert dort immer mehr an Einfluss. In Wahrheit gibt es andere Kräfte, die den Platz der EU einnehmen. Es sind die USA, die sich jedoch zurückziehen wollen, und es ist der Internationale Währungsfonds, der Projekte in Bosnien, in Bulgarien, in Serbien oder in Rumänien vorantreibt. Die gesamte Region befindet sich in einer schweren Krise.