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Die Zukunft liegt in der Vergangenheit

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Die Zukunft liegt in der Vergangenheit

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Seit zwei Jahren dient sie oft als Motiv für Fotos: Die Statue auf dem großen Platz von Skopje. Alexander der Große hoch zu Ross. Das 22m hohe Standbild ist das größte auf dem Balkan. Und Alexander wird in der früheren jugoslawischen Republik Makedonien als Nationalheld gefeiert – was beim Nachbarn Griechenland als schwere Provokation empfunden wird, war Alexander doch Stifter des hellenischen Großreichs der Antike.

Wie dem auch sei: Hier in Skopje ist Alexander eingeschlossen in eine Heldenverehrung, die im Projekt Skopje 2014 offiziellen Status hat. Der Architekt Vangel Bozinovski sagt:

“Wenn man große Vorfahren hat und sie nicht in die Wirklichkeit integriert, dann tut man nicht nur ihnen unrecht, sondern schadet auch der eigenen Zukunft.”

Der Tourismus verzeichnet ein Wachstum von 54% seit dem Start des Projekts. Hunderte neuer Monumente und Statuen wecken die Neugier der Besucher. Man spricht von Skopje. Zwar wird auch Kritik laut, doch die große Mehrheit der Einwohner ist einverstanden mit der Abkehr von der kargen sozialistischen Architektur und der Hinwendung zu barocken und klassizistischen Formen.

Bozinovski : “Barocke Bauten wurden Ende des 17.Jahrunderts beschädigt, abgerissen, verbrannt. Dies war die erste Barockstadt des Osmanischen Reiches. Diese Vorstellung wollen wir wiederbeleben.”

Im Rahmen des Projekts Skopje 2014 wurden achtzig Statuen aufgestellt. Seit 2010 wird intensiv gearbeitet.

Zu den großen Männern von Skopje gehört auch – eine kleine Frau: Mutter Teresa, die hier geboren wurde. Vor vier Jahren widmete Bozinovski dieses Haus der Mutter der Armen von Kalkutta.

“Es ist nicht nur ein Architekturprojekt. Es ist meine Verehrung des Werkes von Mutter Teresa als Bürgerin von Skopje. Hier vermischen sich das profane und das sprituelle Leben. Dies ist nicht nur ein Haus, es ist die ganze Stadt zusammen.”

Bald wird ein weiteres, 30m hohes Denkmal im Zentrum aufgestellt, gestiftet von einem indischen Millionär. Die albanische katholische Ordensfrau ist Symbol der Mischung, die Skopje kennzeichnet, wie auch andere Städte im früheren Jugoslawien, das 1991 zerfiel. Ein Viertel der Bevölkerung des Landes sind Albaner. Ihr Zentrum ist das Carsija-Viertel, der alte Basar.

Hier arbeitet Akif Hadzija. Sein Lokal ist äußerst beliebt. Im Destan wird seit fünf Generationen eine einziges Gericht zubereitet: Kebapcinja. Das Lokal hat viele Veränderungen der Stadt miterlebt. Es ist hundert Jahre alt. Und sein heutiger Chef hat hier im Alter von elf Jahren mit der Arbeit begonnen. Manchmal trauert er vergangenen Zeiten nach.

“Dies war einmal die Stadt der Textilbranche. Das heißt, alle Großhändler anderer jugoslawischer Regionen kamen zum Einkauf in den alten Basar. Um sechs Uhr früh wurde es hier lebendig. Die Geschäftsleute aus anderen Städten nahmen den ersten Bus um fünf Uhr und fuhren mit dem letzten Bus um halb zwölf ab, genau die richtige Zeit für einen Kebapcinja.”

Die Uhr des alten Bahnhofs steht auf 17h17, immer. Zu dieser Uhrzeit kam es am 26. Juli 1963 zu einem Erdbeben, das 75 % der Stadt verwüstete. Die Bahnhofsruine ist heute ein Denkmal und dient auch als Museum. Wenig ist von der alten Stadt geblieben, wie die osmanische Brücke über den Vardar-Fluss und diese türkischen Bäder, die heute Museen sind.

Die junge Modeschöpferin Olgica Giorgieva lässt sich vom Kulturerbe der Stadt inspirieren:

“Skopje hat es geschafft, eine Modewoche zu veranstalten, zweimal jährlich, seit vier Jahren. Die Tradition muss Grundlage sein, auch wenn man sich der Zukunft zuwendet. Man darf sich auf keinen Fall vom Können der makedonischen Vorläufer abwenden. Um welches Projekt es auch gehen mag: Ich achte die Erinnerung an meine Ursprünge.”

Die Sonne verschwindet hinter der Festung Kale, die seit vierzehn Jahrhunderten über die Einwohner der Stadt wacht; heute sind es 700.000. Aus einem Restaurant dringen Jazz-Klänge: Toni Kitanovski spielt heute abend. Er gilt hier als Urheber eines makedonischen Jazz. Nach zehn Jahren in Boston lebt er wieder in Skopje.

“Etwas, was ich hier großartig finde, ist, dass ich mich immer gut fühle, wenn ich zurückkomme. Ich reise viel, und für mich gibt es zwei Arten von Städten: glückliche und unglückliche. Skopje ist eine glückliche Stadt.”