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Fassaden, die Geschichten erzählen

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Fassaden, die Geschichten erzählen

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Manche Häuserwände von Lyon erzählen Geschichten, die den Betrachter durch Zeit und Raum führen. Sie erinnern an Märchen und Mythen.

Die Wandmalereien haben die französische Stadt weltweit bekannt gemacht, obwohl die Gruppe CitéCréation, die in Lyon seit 35 Jahren die Fassaden verschönert, in ganz Europa arbeitet.

Gleichzeitig mit der steigenden Nachfrage nach Wandmalereien auf der ganzen Welt, steigt auch der Bedarf an qualifizierten Fassaden-Malern.

Zusammen mit der Kunstschule Émile Cohl hat die Gruppe CitéCréation die weltweit erste Schule für Wandmalereien eröffnet, die “ÉCohlCité”.

Gilbert Coudène hat sowohl die Gruppe wie die Schule mitbegründet:

“Wir sind keine Künstler, wir sind Wandmaler-Handwerker, die Unterscheidung ist sehr wichtig. Wir dienen einem Projekt, einem Ort oder dem Wohle des Menschen. Wir tun nicht das, was uns vorschwebt, sondern wir tun das, was der Ort oder die Menschen verlangen oder nötig haben. Die Wände sind die Haut der Bewohner. Man hat seine eigene Haut, die einen ausmacht, aber auch die Wände des Hauses, in dem du lebst, definieren dich. Wenn sich die Menschen wohl in ihrer Haut, in ihrem Haus fühlen, schaden sie sich oder ihm nicht. Fühlen sie sich wohl in ihren vier Wänden, schützen sie sie sogar. Wenn es umgekehrt ist, wenn man sich schämt zu sagen, wo man lebt, wenn man durch die Nennung seiner Adresse stigmatisiert wird, in diesem Fall beschämt dich deine zweite Haut.”

In drei Jahren lernen die Schüler Grundlagen des Zeichnens sowie etwas über Baustellenlogistik und Sicherheit. Sie lernen, wie aus einer Idee ein monumentales Wandbild entsteht. Das Bild wird in kleine Abschnitte unterteilt und auf ein transparentes Papier mit Quadraten übertragen. Kleine Löcher werden entlang der Zeichnung gestanzt, dann wird Puder durch die Löcher geblasen und das Bild dadurch auf die Wand übertragen.

Die “Mur des Canuts” wurde 1987 geschaffen. Die 200.000 Euro teure Renovierung der berühmten Lyoner Fassade wurde gerade abgeschlossen.

euronews-Reporterin Andrea Bolitho:

“Mit rund 1200 Quadratmetern ist das eines der größten Wandgemälde der Welt. An der dritten Version haben acht Menschen mehr als drei Monate gearbeitet. Was ist das für ein Gefühl, an einem so riesigen Bild zu malen?”

Joelle Bonhomme ist eine der Gründerinnen von CitéCréation und künstlerische Leiterin dieser Baustelle:

“Das Schlimmste ist, im Winter an einer Fassade zu arbeiten, die nach Norden ausgerichtet ist, ohne Sonne. Man darf auch nicht an Höhenangst leiden, man muss sich in luftiger Höhe wohlfühlen. Aber wenn man einen Job wie diesen macht, fühlt es sich bald normal an, auf Gerüsten rumzuklettern.”

“Wir wollten das Wandbild aktualisieren, so wie sich die Stadt darum herum verändert hat.”

Ein Beispiel für diese Entwicklung ist die Familie Carbonare, die in der einen oder anderen Form in allen drei Versionen des Bildes auftaucht.

Vater:

“In der ersten Version war ich allein mit dem Fahrrad auf dem Rücken. 1996 wurde dann unsere Tochter, die jetzt 16 ist, in das Bild integriert. Da fehlte noch unser Sohn, der noch nicht geboren war und jetzt 12 Jahre alt ist und der in der neuen Version auftaucht.”

Sohn:

“Bei der anderen Version gab es mich nicht, da sah man nur meine Eltern und meine Schwester, als sie noch klein war. Ich sah meine ganze Familie, aber nicht mich, das war ein bisschen komisch.”

Tochter:

“Wir sind älter geworden seitdem und haben uns weiterentwickelt. Hier sieht man mich mit meinen Büchern der Oberschule.”

Mutter:

“Heute sind wir eine Familie mit zwei Teenagern. Es ist wirklich schön, diese Entwicklung zu sehen.”