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Nach der Räumung von Istanbuls Taksimplatz

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Nach der Räumung von Istanbuls Taksimplatz

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Die türkische Regierung hat die Proteste satt: Am frühen Morgen ließ sie den zentralen Taksimplatz in der Metropole Istanbul räumen. Die Polizei ging mit Wasserwerfern und Tränengas gegen die Demonstranten vor, die dort ausharrten. Bagger räumten unter Polizeischutz Barrikaden weg.

Entzündet hatten sich die Proteste an Bebauungsplänen für den benachbarten Gezipark. Dort haben Demonstranten ein regelrechtes Lager aufgeschlagen. Nach Behördenangaben soll dieses Lager unangetastet bleiben.

Bei dem Protest geht es nicht mehr nur um ein beliebtes Stückchen Grün in Istanbul. Inzwischen ist auch eine allgemeine Unzufriedenheit mit dem Regierungschef spürbar, dessen Politik seine Gegner als autoritär empfinden.

Darüber sprachen wir mit dem türkisch-armenischen Journalisten Etyen Mahçupyan: Sie haben die Geschehnisse auf dem Taksimplatz seit zwei Wochen verfolgt. Viele können nicht begreifen, was dort vor sich geht. Wie sehen Sie die Ereignisse?

Mahçupyan: Das ist eine vielschichtige Angelegenheit mit vielen Beteiligten.
Begonnen hat es in säkularen Teilen der Gesellschaft ebenso wie unter jungen Menschen.

Dann gibt es auch noch die Taksim-Plattform, die aus Bewohnern des Viertels besteht – eine Bewegung, die den Platz und den Gezipark schützen will.

Dann kamen andere Gruppen ins Spiel, alle, die man aus der türkischen Politik so kennt. Das Problem ist, dass man all diese Gruppierungen nur noch schwer auseinanderhalten kann.

Die wichtigste Kraft ist eine spontane Gruppe, ohne Anführer, und ohne die klassischen Werkzeuge und Methoden der Politik. Damit ist aber der Weg offen für andere, die die Einrichtungen haben, um die Lage zu beherrschen.

Das ist jetzt die Kultur hier: eine Kultur des Nichts-miteinander-zu-tun-Habens. Sie stehen nebeneinander, aber rühren sich nicht an, es gibt zwischen ihnen keinerlei Beziehung.

Entstanden ist ein Mosaik, und das hat zu zwei Dingen geführt: Zum einen ist der Protest zum Teil politisch geworden, zum anderen geht es mit ihm bergab. Ganze Tage am gleichen Ort, ohne dass etwas passiert, damit verliert der Protest seine Bedeutung.

Euronews: Die Regierung sieht hier anscheinend einen Putschversuch, aber sie verhält sich nicht danach – wie sehen Sie das?

Mahçupyan: Die Regierung versucht, zwischen den Gruppierungen zu unterscheiden, jetzt jedenfalls, Tage später. Zu Beginn, die ersten drei Tage, hat sie nicht begriffen, was hier vor sich geht.

Es gibt eine tiefe Kluft zwischen Islamisten und den Anhängern eines weltlichen Staats; sie können sich gegenseitig nicht verstehen. Die Islamisten konnten die protestierende Jugend nicht verstehen, weil ihre jungen Leute nicht so sind. Unter ihnen sind Zwanzigjährige, aber die verhalten sich nicht so.

Deshalb hat die von der AKP gestellte Regierung nur die Menschen hinter diesen Jugendlichen gesehen – Menschen, die diese jungen Männer und Frauen manipulieren.

Von einem Putschversuch zu sprechen wäre übertrieben: Aber hier sind wohl
durchaus Leute am Werk, die einen Putsch auslösen wollen. Anzeichen dafür sieht man vor allem auf den Finanzmärkten.