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Litauen: Aufschwung nach drastischen Sparmaßnahmen

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Litauen: Aufschwung nach drastischen Sparmaßnahmen

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“Noch scheint es nicht allen Litauern klar zu sein, doch das baltische Land mit seinen rund drei Millionen Einwohnern hat in der zweiten Hälfte des Jahres die Ratspräsidentschaft der EU inne”, sagt unsere Korrespondentin Audrey Tilve. “Die Krise, von der Litauen hart getroffen wurde, scheint inzwischen überwunden. Ein Bericht aus der Hauptstadt Vilnius”. Es ist eine der Erfolgsgeschichten, wie sie die Litauer lieben: Vor weniger als zwei Jahren gründeten drei Brüder, darunter zwei Physiker, ein Unternehmen, das elektronische Komponenten für die Industrie, die Medizintechnik und die Verteidigung herstellt. Exportiert wird inzwischen nach Deutschland, in die USA und nach Japan. “Wir sind ein kleines Land, alles geht hier sehr schnell”, sagt Dominykas Vizbaras. Die Voraussetzungen, um ein Unternehmen zu gründen, sind gut: Wir verfügen über die nötigen finanziellen Instrumente, angefangen von Großinvestoren über Risikokapital-Gesellschaften bis hin zu einem guten Bankensystem.”
Es ist nur einige Jahre her, dass Litauen von der Krise schwer getroffen wurde. 2009 ging die exportorientierte Wirtschaft um 15 Prozent zurück. Das Land verordnete sich eine Rosskur, das heißt drastische Sparmaßnahmen. Ingrida Simonyte war damals Finanzministerin: “Ein Fünftel davon waren Steuererhöhungen, vier Fünftel waren Ausgabenkürzungen. Die Zeit, in der wir über unsere Verhältnisse gelebt hatten, war kurz. Die Schwierigkeiten waren noch nicht struktureller Natur, daher war es einfacher, den Rotstift anzusetzen. Ich gehe davon aus, dass es sich im Fall anderer Länder um strukturelle Probleme handelt.”

Während man sich in anderen EU-Staaten mit Lösungen Zeit liess, reagierten die baltischen Staaten rasch. Und es funktioniert. Bereits 2010 konnte Litauen erneut Wachstum verzeichnen. Die Sparmaßnahmen waren hart: Die Gehälter der Beamten wurden ebenso wie die Renten und das Arbeitslosengeld gekürzt, der Mindestlohn eingefroren und die Mehrwertsteuer angehoben. Inzwischen beträgt ein durchschnittlicher Lohn rund 2 000 Litas, das sind umgerechnet 600 Euro. Der Mindestlohn aber reicht nicht aus, wie uns die Gewerkschaftsvertreterin Snieguole Andruskaite erläutert:
“Zur Zeit beläuft er sich auf 850 Litas, umgerechnet 246 Euro. Doch in der kalten Jahreszeit sind die Heizkosten immens, sie machen rund die Hälfte eines solchen Einkommens aus. Hinzu kommen freilich auch weitere Ausgaben, denn wir sind Menschen und haben auch andere Bedürfnisse.” Lilija Morkuniene ist seit einem Jahr in Rente, die umgerechnet rund 300 Euro beträgt. Sie kommt damit gut zurecht, doch sie fragt sich, wer für die Renten von morgen aufkommt: “Eine halbe Million Menschen hat Litauen verlassen, ja, eine halbe Million. Das ist ein Problem in Litauen, denn zurückgeblieben sind vor allem ältere Menschen.” Wir fragten Studenten, darunter Linas: “Die Menschen wollen ein immer besseres Leben. Wenn sich die Möglichkeit bietet, versucht man es eben.” Marija meint: “Die Schwierigkeiten zu vermeiden, ist keine Lösung. Wir müssen zurückkehren und hier unsere Zukunft schaffen.” Und Martynas fügt hinzu: “Es ist langweilig, im Westen zu leben, denn alles ist schon da. Litauen ist spannend, weil man hier den großen Durchbruch schaffen kann. Das ist cool.”

Welches ist der Platz Litauens heute, neun Jahre nach dem EU-Beitritt? Darüber sprachen wir mit dem Leiter des Instituts für internationale Beziehungen der Universität in Vilnius, Ramunas Vilpisauskas: “Meiner Ansicht nach ist jedes EU-Mitgliedsland wichtig, weil die Europäische Union auf diesem Prinzip beruht. Hinzu kommt, dass Litauen über viele wertvolle Erfahrungen verfügt, darunter über die wirtschaftlicher Reformen. Diese Reformen waren keine Reaktion auf die Finanzkrise, sondern sie machten die Transformation unserer Wirtschaft möglich. Litauen hat auch Erfahrung in der Zusammenarbeit mit den östlichen Nachbarn der EU, es hat große Erfahrung mit der regionalen Zusammenarbeit.” Auf die Frage, worin die besteht, sagt der Experte: “Was die jüngere Vergangenheit anbelangt, handelt es sich um die baltische sowie um die nordische Zusammenarbeit innerhalb der EU. Ich denke dabei an informelle Treffen der Spitzenpolitiker der drei baltischen Staaten mit der Führung der drei nordischen EU-Staaten, die jedem Gipfeltreffen vorausgehen. Ziel ist die Abstimmung der Positionen, wobei gelegentlich Nicht-EU-Mitglieder wie Island teilnehmen.” Litauen ist freilich ein Land, das durch seine sowjetische Vergangenheit gezeichnet ist, was sich auch auf seine Entwicklung nach der Unabhängigkeitserklärung 1990 auswirkte und was erklärt, warum die Europafreundlichkeit im Laufe der Jahre nicht abgenommen hat. Ramunas Vilpisauskas sagt: “Das Vertrauen in die EU ist nach dem 2004 erfolgten Beitritt hoch geblieben. Ich denke, dass es immer noch auf dem Gefühl der Erleichterung darüber gründet, wieder in Europa zu sein, es ist die Rückkehr nach Europa, wie das in den neunziger Jahren bezeichnet wurde. Darum geht es, nicht um materielle Vorteile oder ähnliches.”