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Ägypten: Das Sterben geht weiter

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Ägypten: Das Sterben geht weiter

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Bei den Protesten von Islamisten in Ägypten sind am Freitag mindestens 80 Menschen getötet worden. Die meisten Opfer gab es am Rande der zentralen Kundgebung am Ramses-Platz in der Innenstadt von Kairo. Der Muslimbruderschaft zufolge erschoss die Polizei hier 45 Demonstranten. Beamte des Innenministeriums erklärten hingegen, Dutzende Demonstranten hätten die nahe gelegene Ezbekija-Polizeistation attackiert. Daraufhin sei ein Gefecht mit Feuerwaffen auf beiden Seiten entbrannt, bei dem mehrere unbeteiligte Zivilisten getötet worden seien.

Nach Angaben von Augenzeugen beteiligten sich an einigen der gewalttätigen Zusammenstöße nicht nur Islamisten und Angehörige der Sicherheitskräfte, sondern auch Anwohner, die Demonstranten attackierten. Zehn Menschen starben, als sich die Polizei in der Provinz Kafr al-Scheich Islamisten entgegenstellte, die das Gouverneursgebäude und eine Polizeistation stürmten.

Vier Demonstranten wurden in der Stadt Ismailija von der Polizei erschossen. Fünf Tote und 15 Verletzte zählte die Polizei in der Stadt Damietta, wo Anhänger von Ex-Präsident Mohammed Mursi ebenfalls eine Polizeistation angriffen. Ein Polizist wurde in Neu-Kairo an einer Straßensperre erschossen. Ein junger Mann starb bei einem Schusswechsel zwischen Polizisten und Demonstranten neben einer Moschee in Al-Arisch auf der Sinai-Halbinsel. Im Fajum wurden nach Straßenschlachten zwischen Demonstranten und der Polizei fünf Leichen und 20 Verletzte in ein Krankenhaus gebracht.

Merkel und Hollande fordern EU-Abstimmung zu Ägypten

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatschef Francois Hollande forderten angesichts der Ereignisse in Ägypten eine dringendes Vorgehen auf europäischer Ebene. Demnach sollen sich die europäischen Außenminister so schnell wie möglich zu Beratungen treffen. Darauf einigten sie sich bei einem Telefonat. Außerdem riefen Merkel und Hollande zu einem sofortigen Ende der Gewalt auf, wie es aus dem französischen Präsidentenpalast hieß.

Ägypten: Kein Reiseland

Unterdessen rät das Auswärtige Amt in Berlin von Reisen nach Ägypten ab. “Aufgrund der aktuellen Lage und der Unvorhersehbarkeit der Entwicklungen wird von Reisen nach Ägypten derzeit abgeraten”, heißt es auf der Internetseite des Ministeriums.

Neben dem Reiseveranstalter TUI hat jetzt auch das Urlaubsunternehmen Thomas Cook wegen der Unruhen seine Reisen nach Ägypten bis einschließlich 15. September gestrichen. Die Absage gilt für die Marken Neckermann, Thomas Cook, Bucher und Öger. Den Kunden würden alternative Ziele angeboten, hieß es. Die Gäste in Ägypten sollten wie gebucht zurück nach Deutschland fliegen. Man beobachte die Lage weiterhin sehr genau.

Auch Alltours sagte alle Reisen bis zum 15. September ab. Bei dem Duisburger Veranstalter ist wie bei Tui und Thomas Cook keine großangelegte Rückholaktion von Ägypten-Urlaubern geplant.

Keine Waffen für Kairo

Italien wird der EU bei den geplanten Beratungen über die Gewalt in Ägypten einen Stopp der Waffenlieferungen an Kairo vorschlagen. Die Ausfuhr von Rüstungsgütern sollte zumindest während des Ausnahmezustands in Ägypten ausgesetzt werden, erläuterte die Vize-Außenministerin Marta Dassù am Freitag im italienischen Radio. Außenministerin Emma Bonino hatte am Donnerstag daran erinnert, dass Italien bereits seit einiger Zeit keinerlei Waffen mehr an Ägypten liefere. Diesen Schritt bekräftigte Rom jetzt.

Internationale Kritik

Die USA hatten ihre dort lebenden Bürger am Donnerstag angehalten, wegen der Unruhen das Land zu verlassen. Präsident Barack Obama verurteilte den harten Kurs der Übergangsregierung scharf und sagte eine gemeinsame Militärübung amerikanischer und ägyptischer Streitkräfte ab.

Der UN-Sicherheitsrat rief alle Parteien auf, die “Aggressionen” einzustellen. Die Regierungen der 28 EU-Staaten wollen möglichst rasch eine gemeinsame politische Haltung zur Krise in Ägypten finden. Ob es ein Sondertreffen der EU-Außenminister gibt, wird nach Angaben von Diplomaten in Brüssel voraussichtlich Anfang der Woche entschieden.

Die Niederlande haben den ägyptischen Botschafter einbestellt und das Hilfsprogramm für Ägypten vorläufig gestoppt. Dabei gehe es um rund acht Millionen Euro für Entwicklungsprojekte zur Förderung von Menschenrechten, der Verwaltung und Wasserversorgung, sagte Außenminister Frans Timmermans in Den Haag dem niederländischen Fernsehen. Die Reisewarnung nach Ägypten werde vorläufig nicht verschärft.

Die dänische Regierung legte zwei Projekte mit einem Volumen von 30 Millionen Kronen (4 Mio Euro) auf Eis. Das norwegische Außenministerium hatte bereits vor dem Sommer die Ausfuhr von Rüstungsgütern nach Ägypten gestoppt.

Schweden hat bisher keine Gelder eingefroren. Auch ein Sprecher des belgischen Außenministeriums sagte, die Zusammenarbeit mit Ägypten werde nicht gestoppt: Man finanziere Nichtregierungsorganisationen, die auch weiterhin Geld bräuchten.

Das britische Außenministerium erklärte, der größte Teil der Hilfe, die nach Ägypten gehe, laufe über internationale Programme. Sämtliche bilateralen Projekte stünden bereits auf dem Prüfstand, sagte ein Sprecher. Konkrete Beispiele nannte er nicht.

Sorge um Kulturgüter

Der Leipziger Ägyptologe Dietrich Raue sieht angesichts der schweren Unruhen in Ägypten den Erhalt von Kulturgütern gefährdet. Er befürchte weitere Plünderungen und Diebstähle, sagte Raue der Nachrichtenagentur dpa.

Schon seit der ersten Revolution 2011 sei die Sicherheitslage in dem Land schwierig. Das hätten sich Plünderer zunutze gemacht und Magazine des ägyptischen Antikendienstes im Land ausgeräumt. “Kollegen berichten, dass einige dieser Stücke mittlerweile auf dem europäischen Kunstmarkt auftauchen”, sagte Raue. Er ist seit Oktober 2010 Kustos des Ägyptischen Museums der Universität Leipzig. Zuvor war er am Deutschen Archäologischen Institut in Kairo.

Mit dpa, reuters, AFP

Zusatzinfos
euronews im Livestream
Website der ägyptischen Regierung – englisch
Entwicklungsministerium zu Ägypten
Ägyptisches Museum der Uni Leipzig