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Jesse Jackson: "Wir müssen wieder träumen!"

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Jesse Jackson: "Wir müssen wieder träumen!"

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INTRO:
Er war der Wegbereiter für Barack Obama und jahrzehntelang Symbol der politischen Macht der schwarzen Bevölkerung der USA – aber auch ihrer Ohnmacht: Jesse Jackson. Eine Ikone der Bürgerrechtsbewegung für die Linke, ein gefährlicher Radikaler für die Rechte. Jackson, ein enger Vertrauter von Martin Luther King, wurde zur Stimme für Millionen von Schwarzen, die sich entrechtet, diskriminiert und abgewertet fühlten. 1984 und 1988 war er Kandidat bei der Präsidentschaftswahl, hatte aber kaum Chancen, von den Demokraten nominiert zu werden.
Danach zog er sich aus der ersten Reihe der Politik zurück, bleib aber ein ausgesprochen liberaler Aktivist, führte die in Chicago ansässige gemeinnützige „Rainbow-Push-Coalition“ an. Kurz vor dem 50 Jahrestag des Marsches auf Washington sprach Jesse Jackson mit Euronews in Washington über seine Erinnerungen an den 28. August 1963, über die heutigen Beziehungen der Ethnien in den USA zueinander und über die Zukunft der politischen Macht der Schwarzen nach Obama.

Stefan Grobe, euronews: Reverend Jackson, vielen Dank, dass Sie bei uns sind. Ich möchte Sie zunächst etwas Persönliches fragen: Was sind Ihre Erinnerungen an den 28. August 1963?

Jackson: Ich kam 1963 hierher, war gerade aus einer Kurzhaft entlassen worden. Ich hatte „einfach so“ öffentliche Einrichtungen benutzt. Das war eine Mischung aus Sorge, Angst und Hoffnung. Sorge, denn wir zogen nach Washington. Die Angst war: Wenn Du über die Grenze des Bundesstaates mit einem anderen Kennzeichen fuhrst, konnte Dir etwas passieren. Medgar Evers wurde am 12. Juni getötet, und seine Blutflecken waren allgegenwärtig. Die Bundeshauptstadt war völlig abgeriegelt. Die Regierung sprach von möglichen Unruhen, und zu der Zeit war der Bürgermeister von Washington DC zuständig. Sie schlossen alle Getränkeläden, in denen Alkohol verkauft werden durfte – zum ersten Mal seit der Prohibition. Die gesamte Polizei schob 18-Stunden-Schichten. Sie wurden in fünf Basen der Umgebung zusammengezogen. Da war alles abgesperrt. Und trotz alledem entstand aus diesen Keimen die wunderschöne Pflanze von Schwarzen und Weißen, die nebeneinander standen, zusammen sangen und gemeinsam inspiriert wurden. Unser Wille zu Freiheit und Würde war größer als alle Widerstände gegen das Verlangen, unsere Freiheit und Würde zu bekommen.

euronews: Fünfzig Jahre später – wie sieht es da aus mit dem „amerikanischen Traum“ von Martin Luther King?

Jackson: Der Traum war niemals statisch. Wir wollten 1964 das Ende der Demütigung und der Erniedrigung. Du konntest nicht in ein Hotel oder Motel gehen, nicht in einem Restaurant essen – darum ging es in diesem „Traum“. Der Traum des folgenden Jahres war, das alles per Gesetz zu verbieten. Dann kam der Traum vom Wahlrecht. Es folgte der Traum vom „open housing“, vom Neben- und Miteinander-Leben. Dieser Traum war als Kampagne für arme Menschen gedacht, er hat schlussendlich den Krieg in Vietnam beendet. Heute sind wir frei, aber nicht gleich. Auch wenn die soziale Trennung per Gesetz offiziell vorbei ist, die Ungleichheiten sind größer geworden.

euronews: Wie ist es aktuell um die Beziehungen der Ethnien zueinander in den USA bestellt? Wir haben diese kontroverse Debatte über Wählergesetze, wir haben die Tragödie um Trayvon Martin gesehen, wir haben die Diskussion um „stop-and-frisk“ – das willkürliche Anhalten von Verdächtigen – und ethnisches „Profiling“ in New York City – Gibt es die Gefahr, dass Amerika die Uhren wieder zurückdreht?

Jackson: Ja, auf viele Art und Weise. Trayvon Martin wurde getötet – ein Unschuldiger. 136 Schwarze wurden letztes Jahre getötet – von Sheriffs, Hilfssheriffs oder einer Bürgerwehr. 136 – nicht bloß einer! Zweieinhalb Millionen Amerikaner sitzen im Gefängnis. 54 Prozent von ihnen sind Schwarze. Die Arbeit in den Gefängnissen wächst, die Telefonrechnungen kosten uns eineinhalb Milliarden Dollar jedes Jahr. Wir sehen Unternehmen an der Börse, die Gefängnisse unterhalten – wie eine Industrie. Wir sehen Untersuchungshaft, Leute im Knast, die bis zu fünf Jahre auf ihren Prozess warten, schlimmer als Guantanamo. Es gibt also eine Hässlichkeit, die unsere Pracht unterhöhlt. Es gibt heute sehr gemischte Gefühle in unserem Land, ganz ehrlich. Zum Einen hat Präsident Barack Obama die Wahl gewonnen – er ist das „Kronjuwel“ unseres 54 Jahre währenden Kampfes. Andererseits steht er unter Beschuss, wird „unchristlich“ oder „unamerikanisch“ genannt. Diese Hässlichkeit bedroht die Schönheit in dieser Zeit.

euronews: Viele sagen, die Beziehungen der Ethnien untereinander seien bestens, weil es einen schwarzen Präsidenten im Weißen Haus gibt. War Obamas Sieg ein Zeichen politischer Normalität oder nur ein Unfall der Geschichte?

Jackson: Es ist eine historische Errungenschaft – ganz klar – wegen des Zusammenwirkens der Kräfte des Guten. Andere Amerikaner sagten, die Rasse oder Ethnie spielt keine Rolle – und sie haben jemanden mit der besseren Qualifikation gewählt, der diese auch ausdrücken konnte. Die Wahl gab uns Schwarzen ein gutes Gefühl. Es gab aber auch einen anderen Aspekt, der sich bedrohlich anfühlt, dies aber eigentlich nicht hätte tun sollen: Der Süden der USA sollte sich nicht bedroht fühlen von unserem Fortschritt. Die zivilen Rechte haben auch den Südstaaten Wohlstand beschert. Es hätte wohl keine Investitionen von Firmen wie Honda, Mitsubishi oder Toyota gegeben. Alle haben im Süden investiert. Und dann die Olympischen Spiele – der neue Süden wurde durch die Bürgerrechts-Gesetze wiedergeboren. Das ist das Merkwürdige: Die, die am meisten davon profitieren, haben zumeist die größte Angst und Skepsis.

euronews: Schauen wir auf die Zeit nach Obama. Ist die Gemeinschaft der Schwarzen mächtiger geworden? Wird es neue Obamas in der Zukunft geben?

Jackson: Nun, es wird mehr Frauen geben, mehr farbige Menschen, die von einer Kandidatur zu träumen wagen, und sie könnten kandidieren. Als ich 1988 erneut kandidierte, war Barack Obama Student. Er hat die Debatten verfolgt, und er sagte mir und zu sich selbst, da kann etwas bewegt werden. Es gibt qualifizierte Frauen, Latinos und Schwarze, es mangelt nicht an Leuten, die qualifiziert genug sind, Präsident der Vereinigten Staaten zu werden. Und es gibt – so denke ich – ganz viele, die zumindest davon träumen können. Wenn Du davon träumst, kann es auch real werden.

euronews: Zum Schluss, was treibt Sie heute am meisten um?

Jackson: Ich bin ratlos ob unserer Neigung zum Krieg, der extremen Konzentration von Wohlstand, dem Verschwinden der Mittelklasse aufgrund unseres Handels-Ungleichgewichts und ob der wachsenden Armut. Sie erreicht in unserem Land gefährliche Ausmaße. Zu viel Hass, zu viel Armut, wir müssen tatsächlich wieder träumen, unsere gegenwärtig missliche Lage und unsere Prioritäten verändern.

euronews: Reverend Jackson, das war ein faszinierendes Gespräch, vielen Dank!