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Russlands syrische Interessen

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Russlands syrische Interessen

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Moskau. Flughafen Domodedewo an diesem Augusttag. 59 Erwachsene und 30 Kinder, wurden aus Syrien heimgeholt. Das Flugzeug vom Ministerium für Zivilschutz habe Hilfsgüter in die syrische Stadt Latakia gebracht, sagte ein Behördenvertreter während Außenminister Sergej Lawrow auf einer Pressekonferenz zur aktuellen Krise betonte: “Gewalt würde nicht zu einer Lösung, sondern zur weiteren Destabilisierung führen.”

Der Chef der russischen Diplomatie fuhr fort: “Sie haben in Washington, London und Paris mitgeteilt, dass ihnen unwiderlegbare Beweise vorliegen für die Schuld der syrischen Regierung. Sie können keine Beweise produzieren, aber sie sprechen weiterhin von einer ´roten Linie´, die überschritten wurde, weshalb sie nicht länger warten dürften.” Für Russland hat sich in seiner Haltung zu Syrien nichts verändert.

Warum auch. Den Fuß in der Tür behalten, das zählt im Moment in Moskau am meisten. Es geht um geopolitische Überlegungen. Und so verteidigt die Vetomacht Russland – als Rechtsnachfolger der UdSSR in dieser komfortablen Situation – im UN-Sicherheitsrat vor allem eigene Interessen. Und die sind in Syrien weitaus wichtiger als seinerzeit in Libyen, als sich Russland der Stimme enthielt. Wichtiger auch als im Kosovo, wo die Russen erst nicht mitmachen wollten und dann in letzter Minute doch noch in Pristina landeten. Übrigens mit Flugzeugen und in Uniformen des Zivilschutzes – so wie heute in Syrien. Westlicher Druck, egal ob aus Washington oder Brüssel oder aus beiden Richtungen gleichzeitig kann die russische Führung nur begrenzt beeindrucken. Die engen Beziehungen zu Damaskus gehen noch auf Sowjetzeiten zurück, als der Vater des heutigen Präsidenten dort das Sagen hatte. Ihm verdanken die Russen im syrischen Tartus ihren einzigen Marinstützpunkt im Mittelmeer, unverzichtbar, weil geopolitisch wichtig! In Syrien hat Russland auch das sowjetischen Wirtschaftsgeflecht geerbt. Da geht es nicht nur um Erdöl, wie fast immer in dieser Region, da geht es um vielfältige Möglichkeiten, Einfluß zu nehmen. Womit man dann wieder im Hafen von Tartus landet, für dessen Infrastruktur zur Versorgung der russischen Marinebasis eben ein zuverlässiger Verbündeter im Präsidentenpalast von Damaskus wünschenswert ist. Rebellen, von denen man noch nicht einmal genau weiß, in wessen Interesse sie agieren, wollen die Russen hier ganz bestimmt nicht sehen.

Andrei Belkevich, euronews

Amerikanische Militärs erklären derzeit, sie seien bereit zu einem Angriff auf Syrien, wann immer Präsident Obama den Befehl dazu gibt. Gleichzeitig geben sich Spitzenpolitiker aus dem Nahen Osten in Moskau die Klinke in die Hand. So der libanesischer Außenminister, der betonte, Russland habe die Möglichkeit, eine Militäroperation gegen Syrien zu stoppen. Wie sich die Lage aus Moskauer Sicht darstellt, darüber sprechen wir mit Wjatscheslaw Matusow, der lange als Diplomat in dieser Region aktiv war. Heute ist er Präsident der russischen Gesellschaft für Freundschaft und Zusammenarbeit mit den arabischen Ländern.

euronews
Wie könnte die Moskauer Reaktion auf einen Militärschlag aussehen?

Wjatscheslaw Matusow
Wir haben der amerikanischen Regierung nichts vorzuschreiben. Es würde sich um eine rein amerikanische Entscheidung handeln, um den Befehl des US-Präsidenten. Russland könnte sich dann für ein anderes Vorgehen entscheiden, es könnte der regulären syrischen Armee technische Hilfe leisten.

Die Schläge wären von den vier vor der Küste liegenden Kriegsschiffen aus zu erwarten oder von Militärsbasen in Jordanien oder der Türkei. Diese Schläge könnten ohne Probleme die militärische wie zivile Infrastruktur in Syrien zerstören Damit würde es den USA aber nicht gelingen, das syrische Regime zu erschüttern. Und Präsident Baschar al Assad bliebe an seinem Platz. Darum haben sich heute mehrere Mitglieder der syrischen Opposition offen gegen eine solche Aggression gegen ihr Land ausgesprochen. Obwohl sie Assad hassen, würden sie sich in einem solchen Falle zur Verteidigung ihres Landes erheben. Die Opposition wäre gespalten.

euronews
Wenn es, wie Sie sagen, unmöglich ist, die amerikanischen Militärschläge zu stoppen, welche geopolitischen Folgen hätte das für Russland?

Matusow
Ich denke, nur geringe. Natürlich könnte die Propaganda dann Russland als schwaches Land darstellen, das nicht in der Lage ist, seine Freunde im Nahen Osten zu schützen. Aber für die Amerikaner wären meiner Meinung nach die Folgen sehr viel negativer. Wenn das aktuelle Regime mit seinem politischen System so erhalten bliebe, dann hätten die Amerikaner alle ihre Angriffsziele verfehlt. Ihr Ziel besteht doch darin, die innenpolitischen Machtverhältnisse zu verändern, die bewaffneten Gruppen der Opposition zu stärken. Und das ist meiner Meinung nach prinzipiell nicht zu erreichen.

euronews
Könnte denn Russland aus so einer Militäroperation geopolitische Vorteile ziehen?

Matusow
Wenn das syrische Regime so einem Schlag standhält und Russland angemessen reagiert, d.h. eine offene Konfrontation mit Großbritannien, Frankreich und den USA vermeidet, dann rechnen diese Länder damit, dass Russlands Ansehen in den arabischen Ländern nicht gerade besser wird. Russland könnte der Regierung Syriens technische Hilfe anbieten, aber dabei würde es bleiben. Ich denke, am Ende wird viel von der Medienwirkung abhängen, davon, wie diese Operation in den jeweiligen Medien dargestellt wird. Und ich hoffe, dass Russland die richtigen Mittel finden wird, um seine Position in dieser Krise angemessen darzustellen.

euronews
Vielen Dank an den ehemaligen Nah-Ost-Diplomaten für diese Erklärungen.