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Deutschland: Europas Wirtschaftslokomotive

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Deutschland: Europas Wirtschaftslokomotive

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Kein Land in Europa scheint die Finanzkrise so gut verkraftet zu haben wie Deutschland. Deutschland profitierte sicherlich auch davon, dass in den vergangenen zehn Jahren rund um den Globus so viel investiert wurde wie nie zuvor, ein Plus für eine Volkswirtschaft, die sich auf die Produktion von Investitionsgütern spezialisiert hat, aber es war nicht nur gut Glück.

Wenn man, sich fragt, was die wirtschaftliche Stärke Deutschlands ausmacht, dann fallen einem die großen Namen der deutschen Wirtschaftsgeschichte ein. Bayer und Porsche, Thyssen-Krupp und Siemens, dann denkt man an das Ruhrgebiet, an Hamburg, die Power-Region Rhein-Main oder den Raum Stuttgart. Doch wir haben die Antwort woanders gefunden.

Fulda ist eine Stadt im Herzen Deutschlands, 100 km nordöstlich von Frankfurt, so weit von den Landesgrenzen entfernt wie kaum ein anderer Ort. Fulda ist sicherlich keines der großen Wirtschaftszentren Deutschlands, doch wie in so vielen deutschen Mittelstädten findet man hier die hidden champions. Mittelständische Betriebe, die in ihrer Nische Top Player sind, wie HUBTEX.

Ursprünglich der Textilindustrie verbunden, hat die Firma vom Strukturwandel profitiert, erläutert Geschäftsführer Ralf Jestädt: „Wir sind dem Trend gefolgt, indem wir gesagt haben, die Fahrzeuge, die ja Schmalgangfahrzeuge sind, Vier-wegefahrwerk haben, die sind in modifizierter Form auch einsetzbar in anderen Industriesparten. Daraus wurden dann Fahrzeuge entwickelt im Stahlhandel zum Handeling von Rohren, Aluminiumprofilien oder Fahrzeuge zum Handling und Transport von großen Holzplatten zum Beispiel im Holzhandel und der Holzindustrie“, sagt Jestädt.

Während die Textilindustrie ihre Fertigung aus Deutschland verlagert hat und als Kunde wegfiel, wuchs HUBTEX. 2012 erwirtschafteten 480 Mitarbeiter 92 Mio. Euro Umsatz bei einem Exportanteil von 65 %. Man sieht sich nicht als Konkurrenz zu den großen der Gabelstapler-Branche, zu Toyota, Sihl und Jungheinrich, sondern eher als Manufaktur, die maßgeschneiderte Produkte anbietet, für eine breite Palette von Branchen – vom Flugzeughersteller bis zum Möbelfabrikanten.

Mittelständische Betriebe wie HUBTEX stellen das Rückgrat der deutschen Wirtschaft dar, das sagt Michael Grömling, Senior Economist beim Institut der deutschen Wirtschaft. Ihn wundert es nicht, dass man diese Unternehmen auch und gerade abseits der großen Wirtschaftszentren findet. „Wenn Sie ein sehr erfolgreiches Unternehmen in einer eher abgelegenen Region sind, dann ist dieses Unternehmen für die Region selbst ein Leuchtturm. Viele Mitarbeiter, viele hochtalentierte Mitarbeiter sehen diese Unternehmen als einen guten und wichtigen Arbeitgeber. Und von daher haben oftmals gute Unternehmen in eher abgelegenen Regionen Vorteile die günstigen, die guten Mitarbeiter in diesen Regionen zu bekommen“, sagt Grömling.

Gut ausgebildete Mitarbeiter sind eine wichtige Zutat im Erfolgsrezept der deutschen Wirtschaft. Während in den Berufsschulen die theoretischen Grundlagen gelegt werden, sorgt Elektromeister Frank Geiling als Ausbilder für Elektrotechnik für die praktische Schulung der Lehrlinge. „Früher war es so, man konnte sich den Auszubildenden aussuchen, heute ist eigentlich der Fall eher so, dass die Auszubildenden sich die Firma aussuchen können. Deswegen machen wir in dem Bereich Ausbildung sehr viel, sind sehr aktiv geworden, dass die Auszubildenden zu uns kommen, dass wir hier wirklich gute Leute ausbilden für den Betrieb“, stellt Geiling fest.

Und das nutzt beiden Seiten: Mitarbeitern und Betrieb. Diese Verzahnung von theoretischer Ausbildung in der Berufsschule und praktischer Ausbildung im Betrieb, das duale System, gilt als eine der Stärken Deutschlands. HUBTEX geht noch weiter. Man bildet Jugendliche nicht nur aus, sondern man stellt Mitarbeiter auch frei zum Studium. Michael Schanz studiert an der Technischen Hochschule Mittelhessen in Gießen Maschinenbau und verzahnt so Wirtschaft und Wissenschaft.

„Man kann bestimmte Themenfelder, die man vielleicht im Studium kennengelernt hat, wo man sich nichts drunter vorstellen kann, was kann ich da später mal mit erreichen, was bringt mir das, was ich hier lerne, die kann man hier schon vertiefen und man weiß schon, für welche praktische Anwendung man das später braucht“, meint Schanz.

Nicht nur Menschen und Innovation sind wichtige Faktoren für den Erfolg eines Unternehmens und einer Volkswirtschaft. Man braucht auch gute Verkehrsverbindungen, um seine Produkte zu den Flug- und Seehäfen zu bringen. Seit fast 50 Jahren baut man an der 100 Kilometer langen Autobahn, die Fulda und Frankfurt verbindet. Experten haben allein im deutschen Straßenbau einen Investitionsstau von 7 Milliarden Euro ausgemacht.

In Deutschland spart man an der falschen Stelle. „Man hatte den politischen Mut nicht, einen Teil der Sozialmaßnahmen auf den Prüfstand zu stellen und diese Verschiebungen der Staatsausgaben weg von den Investitionen scheint sich nun zu rächen. Wir sehen in der Tat eine deutliche Investitionslücke, die sich sicherlich auch aus Sonderfaktoren gespeist hat. Wir hatten in den 90er Jahren sicherlich große Aufbauleistungen in Ostdeutschland zu bewerkstelligen, was natürlich in Westdeutschland mit Einsparungen im Investitionsbereich einherging“, findet Grömling.

Der Lückenschluss der A66 südlich von Fulda ist mit 220 Mio. Euro eines der größten Infrastrukturprojekte Deutschlands. Für den Bau des Autobahntunnels bei Neuhof wurden Bahngleise, Bundesstraße und ein Fluss verlegt. Für den viergleisigen Ausbau der Bahnstrecke nach Frankfurt ist aber nicht einmal das Geld für die Planungsarbeiten vorhanden.

Zum Erfolg Deutschlands trägt bei, dass die wirtschaftlichen Aktivitäten breit-flächig erfolgen und sich nicht auf die großen Zentren konzentrieren. Fulda weist eine der niedrigsten Arbeitslosenquoten Deutschlands auf, muss aber mit den Problemen fertig werden, die auch andere Region Deutschlands haben.

Dem lokalen Energieversorger hat die Energiewende, dieser ambitionierte Versuch, Atomkraft durch erneuerbare Energien zu ersetzen, die Bilanz verhagelt. Deutschlands Kommunen leiden an Geldmangel. Für die Neugestaltung des wichtigsten Platzes hat sich die Stadt in den vergangenen Jahren einer Public Private Partnership bedient, zusammen mit dem niederländischen Betreiber der Tiefgarage und dem Kaufhauskonzern Karstadt. Das Gebäude, das von einem der bedeutendsten Architekten der Nachkriegszeit entworfen wurde, beheimatet einen angeschlagenen Konzern, auch dies ein großer Name der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Und so gilt auch hier, was für Deutschlands Wirtschaft gilt, Schein und Sein sind nicht immer im Einklang.

Extras:

HUBTEX

Institut der deutschen Wirtschaft

Das Bayer-Kreuz

Sep Ruf