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Die Grünen, schnelle Autos und Industrie

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Die Grünen, schnelle Autos und Industrie

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Es gibt ein Land, mitten in Europa, da wurde vor gut 125 Jahren das Auto erfunden.

In dem Land werden jedes Jahr gut eine Million Daimler, Porsches und Audis produziert. 342.000 Menschen leben hier von der Autoindustrie – das ist jeder vierte Arbeitsplatz.

Das Land heißt Baden-Württemberg. Es zählt zu den wirtschaftsstärksten Regionen in Deutschland.

Und hat seit 2011 einen grünen Ministerpräsidenten.

Sigrid Ulrich, euronews:

“Und das war kein Ausrutscher Anfang 2013 wählte Stuttgart, die Stadt, aus der die schnellen Autos kommen, einen Oberbürgermeister aus der Partei, die in ihrem Programm für die Bundestagswahl sagt:
“Wir wollen weg vom Öl und setzen auf nachhaltige, regenerative Antriebe und auf Elektromobilität mit Strom aus erneuerbaren Energien.”

Jürgen Trittin, Spitzenkandidat Bündnis 90/Die Grünen sagt….

“….dass zum Beispiel in den Ingenieursabteilungen bei Daimler und Porsche die Ingenieure mit dem Fahrrad vorfahren – und alle grün wählen. Man wird nicht Oberbürgermeister von Stuttgart, ohne dass einen viele Automobilwerker wählen.”

Die Grünen liegen im Wahljahr in Umfragen zwischen 11 und 15 Prozent – und könnten am Ende entscheiden, wer Bundeskanzler wird. Aber können Ökologen auch gut regieren?

Seit zwei Jahren hat Baden-Württemberg – als einziges deutsches Bundesland – einen Grünen als Ministerpräsidenten. Baden-Württemberg ist das neue Laboratorium Deutschlands” schrieb die Süddeutsche Zeitung (27/28/10 2012). In der Landeshauptstadt Stuttgart, aber auch in Berlin sieht die deutsche Politik Winfried Kretschmann ganz genau auf die Finger.

Er punktet

+ die Wirtschaft im Südwesten läuft gut

+ die Wähler mögen ihn als Realpolitiker immer noch

+ die Industrie kritisiert zwar grüne Steuererhöhungspläne. Aber sonst: Weit und breit kein Kommentar aus der Wirtschaft, der irgendwie als Wahlempfehlung gedeutet werden könnte.

Bisweilen wird die Sonnenblume aber auch gerupft

- der abgelehnte, teure Bahnhof Stuttgart 21 wird nach einem Volkentscheid nun doch gebaut

- trotz sprudelnder Einnahmen fehlt dem Land im ersten Halbjahr 2013 gut eine Milliarde Euro in der Kasse

Und das geht ans Eingemachte, an den Nationalcharakter im deutschen Südwesten, den sich auch die Norddeutsche Angela Merkel zu eigen gemacht hat, als Rezept für Europa:

“Die schwäbische Hausfrau ist ein Vertreter einer schönen Region Deutschlands, in der man dazu neigt, nicht mehr Geld auszugeben als man eingenommen hat,”

sagte sie im November 2011 auf dem G 20 Gipfel in Cannes – es ging um Griechenland.

Andererseits – wenn es ums Erfinden und Entwickeln geht, scheuen die Nachfolger des Autoerfinders und -bastlers Carl Benz kein Risiko.

Katja Danielewicz in Freiburg:

“Wenn man bewusster lebt, in jeder Hinsicht, spiegelt sich das vielleicht auch in dem, was man von Bildung oder von Industrie erwartet…ich würde schon insgesamt sagen, die Leute in Süddeutschland leben ein bisschen bewusster.”

Moriz Vohrer in Freiburg:

“Man sagt den Schwaben und aber auch den Badenern nach – obwohl die eher den Wein genießen, und die Württemberger eher für’s Geld, für’s Sparsame zuständig sind – wir sind sehr arbeitsselig, in dem Sinne, dass man sehr gerne viel arbeitet und das gehört irgendwie auch zur Kultur dazu. Man baut sich Sachen auf und ist dabei….ich komme ja aus dem Südschwarzwald aus einem Dorf und wenn da einem der Hof abbrennt, dann steht er nicht alleine da.”

Der Erfolg gibt ihnen recht. Hidden Champions – konkurrenzlose, weithin unbekannte Weltmarktführer – sprenkeln die deutsche Landkarte und da besonders den Südwesten.

Michael Grömling, Chefvolkswirt Institut der deutschen Wirtschaft:

“Es ist nicht wie in anderen Ländern, wo sich die wirtschaftlichen Aktivitäten sehr stark auf die Hauptstädte oder andere Metropolen konzentrieren. Wir sind im Gegensatz zu anderen Ländern sehr mittelständisch strukturiert. Deutsche Unternehmen arbeiten sehr arbeitsteilig. Es gibt eine rege Kooperationstätigkeit zwischen vielen mittelständischen Unternehmen, die insgesamt dann diese hochmodernen Produkte herstellen.”

Gut so, sagen die Grünen heute, die einmal als industrieskeptische Partei angefangen haben. Verbote und strikte Verhaltensregeln haben neuerdings starke Gegner in der Partei. Selbst das Auto ist nicht mehr das Rote Tuch schlechthin – wenn es mit weniger Sprit und CO2-Ausstoß auskommt – und die Autobauer im Südwesten liefern, nach einigem Zögern (Mercedes S 500 Plug-in-Hybrid, Porsche 918 Spyder).

Eine Liebeserklärung an das grün-rot regierte Vorzeigeland.

Katrin Göring-Eckardt, Spitzenkandidatin Bündnis 90/Die Grünen:

“Also klar, das sind Tüftler, die sich auf eine Sache spezialisiert haben, die sind dann da Weltspitze. Das sind Leute, die würden andere vielleicht für Spinner erklären und hier haben sie die Möglichkeit, sich zu entfalten und kreativ zu sein. Wenn es eine neue Stufe der industriellen Revolutíon gegeben hat – jetzt sind wir inzwischen im Informationszeitalter – immer dann wurde irgendjemand erst mal für verrückt erklärt, weil er neben dem Mainstream war. Aber nur so entwickeln wir uns ja weiter.”

Und zwar auch finanziell. Bis zu 80 Milliarden Euro Wertschöpfungspotenial durch nachhaltige Produkte und Verfahren jährlich verheißt McKinsey & Co dem “Ländle” bis 2020 – fast genauso viel wie die Autobranche im “Laboratorium der Deutschen” in die Kasse bringt (gut 86 Milliarden Euro).

Sehen Sie das vollständige Interview mit Katrin Göring-Eckardt, Spitzenkandidatin Bündnis 90/Die Grünen:
“Meine Phantasie reicht heute nicht aus, mir vorzustellen, dass sich die Union so weit bewegt”