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Chemiewaffenabrüstung in Syrien

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Chemiewaffenabrüstung in Syrien

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Die Bilder der syrischen Opfer nach dem Chemiewaffenangriff vom 21. August haben die Welt aufgeschreckt. Für die US-Führung ist damit “die rote Linie” überschritten. Sie beschuldigt Baschar al-Assad, auch wenn es alles andere als einfach ist, nachzuweisen, wer die fürchterlichen Waffen eingesetzt hat.
Syrien gehört neben Nordkorea, Ägypten, Angola und Südsudan zu jenen 5 Staaten, die die Konvention zum Verbot von Chemiewaffen nicht unterzeichnet haben.
Seit deren Inkrafttreten 1997 überprüfen die Inspektoren der Organisation zum Verbot chemischer Waffen die Fabriken in den Unterzeichnerstaaten.
Die Staaten müssen Listen mit verwendeten Chemikalien einreichen. Je nach Gefährlichkeitsstufe der Chemikalien wird mehr oder weniger häufig geprüft.
Dass Syrien die Inspektoren ins Land ließ, ist schon ein kleiner Fortschritt. Die Moskauer Zeitung Kommersant hat neuen den russischen Vorschlag veröffentlicht, der vorsieht:
1. Syrien tritt der Chemiewaffenkonvention bei
2. Syrien legt die Lagerstätten offen
3. Syrien unterwirft sich dem Kontrollregime und lässt
4. seine Chemiewaffen in einem anderen Land zerstören.
(Dafür kämen Russland oder die USA infrage.)
Am Sitz der Chemiewaffenkontrolleure in Den Haag, wo auch die aktuellen Proben ausgewertet werden, schätzt man die syrischen Vorräte auf tausend Tonnen.
Eines der Probleme – das zeigte sich schon 2002 im Irak – besteht in dem binären Faktor vieler Chemiewaffen. Das bedeutet, es werden zwei chemische Stoffe gelagert, die jeder für sich durchaus harmlos sein können, auch zur zivilen Nutzung geeignet.
Erst wenn sie miteinander reagiern, entsteht die gefährliche Waffe. Diese Besonderheit hatte es schon 2002 im Irak so schwer gemacht, Saddam Hussein etwas nachzuweisen. Das Teufelszeug unschädlich zu machen wird dann eine Aufgabe von Jahren. Russland, das als Unterzeichnerstaat der Konvention seine eigenen Chemiewaffen entsorgen musste, hat die Kapazitäten dazu.

Dieter Rothbacher ist ehemaliger UN-Waffeninspektor für den Irak. Er ist Chemiewaffen-Experte und hat Mitglieder des Teams trainiert, das gerade aus Syrien zurückgekommen ist. Er sprach mit euronews über die mögliche Zerstörung der Chemiewaffen.

Paul McDowell – euronews:

“Ein US-Funktionär hat gesagt, der russische Plan, die syrischen Chemiewaffen zu zerstören, sei machbar, aber schwierig. Was sagen Sie dazu?”

Dieter Rothbacher:

“Das ist definitiv richtig. Sie müssen das alles in mehrere Phasen unterteilen. Zuerst müssen die Syrer ihre Chemiewaffenvorräte offenlegen. Sie müssen alles auf den Tisch legen. Sie müssen sagen, was sie genau wo haben. Darauf basierend könnte dann die UNO ein Team zusammenstellen, dass die Anlagen besucht.”

euronews:

“Wie könnte man versteckte Waffen finden? Die Regierungstruppen kennen ihr Land sehr gut. Also gibt es die Möglichkeit, Waffen zu verstecken.”

Dieter Rothbacher:

“Natürlich könnte es sein, dass sie zu Beginn etwas verstecken. Das haben wir vor zwanzig Jahren im Irak ähnlich erlebt. Sie haben uns jahrelang behindert, aber am Ende kam doch alles raus und hunderte Tonnen von Chemiewaffen wurden unter UN-Kontrolle zerstört. Das hat zwei Jahre gedauert – eine erfolgreiche Geschichte.”

euronews:

“Wie kann die Sicherheit der Mitarbeiter garantiert werden? Wie können sie in dieser vom Krieg zerrissenen Region arbeiten?”

Dieter Rothbacher:

“Zunächst braucht man bei den Besuchen der Anlagen keine große Ausrüstung. Wenn man dann eine richtige Bestandsaufnahme machen will, braucht man schon etwas mehr auch sehr spezielles Equipment. Überprüfungstechnik, mit der man wirklich in die Munition schauen kann, ohne sie zu öffnen. Wenn es daran geht, die Waffen zu zerstören, wird es richtig technisch. Dann braucht man Zerstörungsanlagen, die noch gebaut werden müssen.”

euronews:

“Sagen Sie uns, was ein Team genau tut, wenn es chemische Waffen findet. Wie beginnt die Entwaffnung?”

Dieter Rothbacher:

“Der Entwaffnungsprozess beginnt mit der Bestandsaufnahme. Dann wissen wir, was und wieviel wir zerstören müssen. Bei der Inventur finden wir auch heraus, ob man die Munition oder Container zu Zerstörungsanlagen bringen kann. Wenn sie nicht transportiert werden können, muss man sie vielleicht vor Ort zerstören, so wie vor zwanzig Jahren im Irak.”

euronews:

Welche Gefahren könnte die Zerstörung oder Verbrennung der Waffen für die Umbebung bedeuten?

Dieter Rothbacher:

Es gibt einige Auflagen, auch Umweltauflagen, die erfüllt werden müssen. Man macht erst ein paar Tests. Und nur wenn diese klappen, beginnt der Zerstörungsprozess.

euronews:

Ihrer Erfahrung nach – wenn der russische Vorschlag angenommen und umgesetzt wird – könnte das ein Weg zur Beendigung des Konflikts in Syrien sein?

Dieter Rothbacher:

“Man braucht erstmal so etwas wie eine Waffenruhe. Auch, um die technische Phase des Plans zu erreichen und eine Zerstörung der Waffen zu ermöglichen. Das ist notwendig. Ich bin sicher, dass es nur geht, wenn die Hauptbeteiligten einem Plan zustimmen, der versucht, eine Waffenruhe umzusetzen. Sonst kann der Plan nicht klappen.

euronews:

Heißt das, wenn der Plan umgesetzt wird, dann aber eine Waffenruhe nicht eingehalten wird, dass dann alles wieder vorbei ist?

Dieter Rothbacher:

“Bevor wir mit der Zerstörung beginnen, werden wir beobachten. Das kann Monate dauern. Und zuerst müssen die Syrer ja alle Zahlen über ihre Chemiewaffen auf den Tisch legen. Das betrifft auch alle Angaben über Produktionsstätten von Chemiewaffen im Land.”