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Made in Germany - Kinder oder Karriere?

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Made in Germany - Kinder oder Karriere?

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Kein anderes europäisches Land gibt so viel Geld für Familien aus wie Deutschland. Mit wenig Erfolg, seine Geburtenrate rangiert im unteren europäischen Durchschnitt. Paradox, denn der deutschen Wirtschaft geht es gut. Diese Woche der Schwerpunkt in Reporter:

Sieben Uhr morgens bei Marlene Grießer in Düsseldorf. Sie und ihr Mann müssen sich beeilen: Die vierjährige Pauline und der zweijährige Samuel müssen zur Kita. Samuel war neun Monate alt, als Marlene in ihren Beruf zurückkehrte. Für deutsche Verhältnisse sehr früh: Viele Frauen, gerade im Westen, lassen sich Zeit nach der Geburt.

In bestimmten Regionen gibt es nach wie vor einen gewissen gesellschaftlichen Druck, der auf den Frauen lastet. Der Begriff “Rabenmutter”, den es nur im Deutschen gibt, spukt weiter in den Köpfen der Menschen, obwohl er an Bedeutung verloren hat. Den “Rabenvater” gibt es nicht im deutschen Wortschatz.

Marlene Grießer will beides: Kinder und Karriere. “Es war so gespalten. Ich wollte mein Studium, dieses Referendariat, hinter mich bringen,” sagt sie. “Und es war dann noch länger abzuwarten, und noch länger raus zu sein, das war mir einfach zu viel. Ich wollte auch mal wieder was anfangen, weil ich eine Pause hatte zwischen den beiden Kindern, wo ich nicht gearbeitet habe, und irgendwie hat es mich dann auch wieder ein bisschen gedrängt, wieder was anderes zu machen.”

Weltweit gibt es nirgendwo so viele Frauen wie in Deutschland, die sich bewusst gegen ein Kind entscheiden. Obwohl es der Wirtschaft sehr gut geht, liegt das Land mit durchschnittlich 1,36 Kindern im unteren Mittelfeld. Zwischen 2001 und 2011 gingen die Geburten sogar weiter zurück. Offenbar denken viele Frauen, sie müssen sich entscheiden zwischen Kind und Karriere. Marlene Grießer erinnert sich, “hier in Deutschland war das schon manchmal so: So ‘n kleines Kind hast du im Referendariat, was ja auch so stressig ist. Wie machst du das alles? Da kamen immer schon verwunderte Töne, aber es war nicht ablehnend. Von anderen Freundinnen höre ich das schon jetzt, die sehr früh wieder angefangen haben, dass das komisch angesehen wird in Deutschland, denn hier setzt man ja mindestens ein Jahr aus. Da ist manchmal ein bisschen Kopfschütteln.”

Damit in Deutschland mehr Kinder geboren werden, greift die Regierung von Angela Merkel tief in die Tasche. Leistungen von 200 Milliarden Euro fließen jährlich in deutsche Ehen und Familien – das sind fünf Prozent der Wirtschaftsleistung. Bisher ohne viel Erfolg.

Das könnte eine neue Maßnahme aus Berlin ändern: Der massive Ausbau von Kitaplätzen für Kleinkinder. Die Aussicht löste einen Ansturm auf die Krippen aus: Wie bei der Düsseldorfer Kita Pi-Casa mit rund 50 Plätzen.
“Ja, ich hatte damals 600 Voranmeldungen, als wir vor über einem Jahr in Betrieb gegangen sind,” so die Verwaltungswirtin Geraldine Schulden. “Die Anmeldungen waren teilweise über ein Dreivierteljahr vorher, wo die Einrichtung noch nicht im Ansatz gestanden hat, ohne zu wissen, wann der Bau fertig wird.”

So überschlugen sich in den letzten Monaten die Baumaßnahmen. Das Familienministerium spricht von einer Erfolgsstory. Viele Menschen ließen sich zusätzlich zur Tagesmutter oder zum Erzieher umschulen. Zum 1. August sollte der Bedarf bundesweit gedeckt sein – sonst könnten Eltern klagen.

Allerdings schätzten deutsche Städte im Juli, dass noch 100.000 Kita-Plätze fehlen. Eine Lücke, die auch Sabine Radtke und Udo Drews zu spüren bekamen. Aber zuerst ging das Kölner Paar in Elternzeit: “Die ersten zwei Monate haben wir uns die Erziehung des Kindes komplett geteilt. Danach hatte ich wieder angefangen zu arbeiten. Es ist so, dass mein Arbeitgeber dem ganzen sehr positiv gegenübersteht und mir viele Möglichkeiten einräumt, meine Vaterrolle wahrzunehmen,“ so der Lehrer an einem Berufskolleg.

Weil ihnen die Stadt auch nach einem Jahr keinen Platz zuwies, mussten sie auf eine Privatkita zurückgreifen. Dort zahlen sie jedoch deutlich mehr als doppelt so viel wie in einer städtischen Einrichtung. Mehr als 1000 Euro pro Monat kostet die Vollzeitbetreuung. Sabine Radtke, Referentin im Gesundheitsministerium, meint: “Ich bin einfach sehr ernüchtert. Es ist noch nicht mal Wut, weil ich immer denke, ich habe ein großes Glück, weil ich einen flexiblen Arbeitgeber habe, wir haben die private Kita, mit der wir auch zufrieden sind, aber ich bin ernüchtert, weil ich denke, es wird viel mehr versprochen, als gehalten wird. Und natürlich zahlen wir jetzt mehr Geld, als wir jemals gedacht hätten zahlen zu müssen. Das passt einfach nicht zu den ganzen Hurra-Meldungen, wie toll alles ist.”

Nach dem Gang zum Anwalt bot ihnen die Stadt doch noch eine öffentlich geförderte Kita an – fast 5km von ihrer Haustür entfernt. Schwierig – beide sind Pendler und haben kein Auto. Andere Eltern wurden an deutlich teurere Tagesmütter verwiesen. Das Versprechen aus Berlin wird für manche am Ende unerwartet teuer. Gegen die Stadt laufen etwa 80 Klagen.

Vergleichsweise wenig: So kommt in Köln mittlerweile mehr als jedes zweite Kleinkind zwischen ein und zwei Jahren auf einen Betreuungsplatz. Tendenz steigend.

Für viele westdeutsche Großstädte war der Ausbau ein Kraftakt, der Osten hatte durch das kommunistische Erbe einen großen Vorsprung. Nach Meinung der zuständigen Kölner Dezernentin Dr. Agnes Klein sind jetzt die Ganztagsschulen an der Reihe: «Wir sind in einem gesellschaftlichen Umdenkungsprozess: Also ich kann mich noch an Diskussionen erinnern vor acht Jahren, da wurde in Deutschland diskutiert, ob Kinder Schaden nehmen, wenn sie den ganzen Tag in der Schule sitzen. Wenn das woanders funktioniert, warum soll das für deutsche kinder ein Schaden sein?”, so Klein.

Ganztagsschulen und mehr Betreuungsangebote: Das sind Maßnahmen, die in anderen europäischen Ländern bestens funktionieren. In Frankreich oder den skandinavischen Ländern beispielweise haben Mütter mehr Kinder und kehren früher in ihren Job zurück. Schaut man außerhalb von Europa nach Norwegen, so hat das Land in den vergangen 30 Jahren seine Geburtenrate verdoppeln können.

Eine weitere deutsche Besonderheit: Vor allem hochqualifizierte Frauen werden gar nicht – oder aber erst sehr spät – Mutter. Warum? Wegen des längeren Studiums, meinen die Bonner Jura-Studentinnen Maria Anochin und Shirin Imani. Anochin hat längere Zeit in Finnland gelebt. Ihr Vergleich: “Ich kenne Studierende aus anderen Ländern, die auch Jura machen, und die sind da schneller fertig. Dadurch haben sie bessere Möglichkeiten, schon mal in den Beruf zu kommen, und dann kann man auch mit der Familienplanung anfangen.”

Jura-Studentin Imani wagt einen Blick in die Zukunft: “Ich glaube, es ist auch schwierig, wenn man erst mal im Beruf ist und man hat schon angefangen zu arbeiten, dann findet man ja auch daran Gefallen und man denkt, jetzt noch diese Karriereetappe, die möchte ich noch schaffen. Und dann will ich mit der Familienplanung anfangen. Ich glaube, man muss auch irgendwo den Absprung für sich selber schaffen. Weil man dann drin ist und denkt: So ne gute Möglichkeit würde ich nach dem Kind erst mal nicht mehr haben.”

In Deutschland haben mehr Frauen als Männer einen Uniabschluss oder einen Meisterbrief in der Tasche. Die Chefetagen sind jedoch weiter mehrheitlich in Männerhand. Die beruflichen Weichen hierfür stellen sich kurz nach dem Einstieg ins Berufsleben, hat der Rechtsexperte Professor Thüsing beobachtet: „Dort, wo es wichtig ist, dass man an seiner Karriere arbeitet, wo es wichtig ist, dass man in seinem Unternehmen präsent ist, wählen immer noch viele Akademikerinnen die “Opt-out” Lösungen und sagen sich: Ich bleibe zu Hause und kümmere mich um die Kinder.“

Chancengleichheit und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie: Das sind Ziele, die die “Deutsche Post” sehr ernst nimmt – was nicht oft vorkommt in Deutschland. Es gibt eine Frauenquote und Betriebskindergärten. Ein Thema, bei dem Chancengleichheit auch andersherum funktioniert: Mehr und mehr Väter bei der “Deutschen Post” entscheiden sich für flexible Arbeitszeiten, hat die Managerin und doppelte Mutter Susanne Nezmeskal beobachtet: „Was ja ganz interessant ist, wenn Sie die aktuellen Studien lesen, bei der jungen Generation, die sich jetzt auf dem Bewerbermarkt befindet, wie wichtig dieses Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist. Früher haben die gesagt, Karriere ist wichtig, Gehalt ist wichtig. Wenn sie jetzt die jungen Generationen fragen, was ganz oben steht, ist das ganz klar das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie des jeweiligen Unternehmens.“