Eilmeldung

Eilmeldung

Vom "Erbfeind" zum Ehepartner - das deutsch-französische Verhältnis

Sie lesen gerade:

Vom "Erbfeind" zum Ehepartner - das deutsch-französische Verhältnis

Schriftgrösse Aa Aa

Die Franzosen sprechen gern vom “couple franco-allemand”, vom “französisch-deutschen Ehepaar”. Nimmt man das Bild auf, könnte man von der “Goldenen Hochzeit” sprechen, die das Paar in diesem Jahr gefeiert hat. Und danach sollten sich eigentlich alle Stürme des Zusammenlebens gelegt haben. Bei dem Staaten-Paar, das im Januar 1963 mit dem Elysée-Vertrag seine Gemeinsamkeit besiegelte, ist das etwas komplizierter.

Der Franzose Charles de Gaulle und der Deutsche Konrad Adenauer wagten einen wahrhaft historischen Schritt nach Jahrhunderten der “Erbfeindschaft”. Die Begründer der neuen Freundschaft kamen beide aus dem konservativen Lager, wie später auch Jacques Chirac und Angela Merkel. Der Wissenschaftler Jean-Dominique Giuliani von der “Robert Schuman-Stiftung” verweist auf die Besonderheiten, die diese Beziehung über Jahrzehnte geprägt haben, wenn er sagt: “Das sogenannte “couple franco-allemand” ist eine Mischung aus verschiedenen Gründen, wobei die Vernunftsgründe ganz vorn liegen. Es ging zunächst um Zusammenarbeit, die dann eine europäische wurde. Systematisch gepflegt.” Er verweist auf die zuweilen sehr speziellen persönlichen Beziehungen von Politikern aus unterschiedlichen politischen Lagern wie Valerie Giscard d Éstaing und Helmut Schmidt oder Francois Mitterrand und Helmut Kohl.
Danach habe sich aber manches geändert. Mit dem Ende des Kalten Krieges und der deutschen Wiedervereinigung, gefolgt von der Osterweiterung der Europäischen Union haben sich einige Schwerpunkte verlagert. Die Aussöhnung der “Erbfeinde” beiderseits des Rheins kann als erledigt angesehen werden.

Nun warten andere Probleme. Dass für die Regierung in Berlin Polen schneller zu erreichen ist als Frankreich, hat in Paris auch schon zu gewissen Eifersüchteleien geführt – um im Bild zu bleiben. Dennoch braucht man einander. Der Wissenschaftler schaut schon in die Zukunft, wenn er mit dem Wechsel von Personen an der Spitze auch die Erwartung an neue Impulse verbindet. Das alte Ehepaar brauche womöglich ein paar neue Ideen. Wobei als Grundlage bleibe, wenn die beiden angesichts ihres Gewichtes in Europa sich einig sind, dann wird es auch leichter, eine Einigung aller 28 EU-Staaten zu erreichen. Der deutsche Föderalstaat und das zentral regierte Frankreich folgen nun mal unterschiedlichen Ansätzen in ihren Staatsvorstellungen. Auch die in Frankreich zumeist an lautstarke Konflikte gewöhnten Gewerkschaften funktionieren so ganz anders als die deutschen Kollegen mit ihrer Tradition von sozialstaatlichem Kompromiss.
Um gemeinsam zu Ergebnissen zu kommen, müssen daher beide Seiten lernen, nicht die einzig wahre Lösung zu suchen – sondern eben den besten Kompromiss. Es bringt nun mal nichts, das französische Modell gegen das deutsche ausspielen zu wollen. Der Wissenschaftler meint, mit dem linken Präsidenten Hollande sei ein anderer Stil eingezogen. Mehr europäisch orientiert, besser kompatibel mit europäischen Praktiken. Allerdings habe man den Eindruck, dass er und Angela Merkel noch nicht die richtigen Antennen zueinander gefunden haben. Das gelte vor allem bei den Wirtschaftsrezepten und auch bei dem, was man ´europäische Vision´nennt.

Ist also Ehekrach vorprogrammiert nach der Bundestagswahl? Oder eine Phase neuer Harmonie? Mit Sicherheit kann man nur voraussagen, dass unterschiedliche Herausforderungen auch in Zukunft zu unterschiedlichen Lösungsansätzen führen werden.

Euronews auf Deutsch auch bei Facebook und Twitter