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Europa und seine ungewollten Flüchtlinge

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Europa und seine ungewollten Flüchtlinge

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Italien ist seit Jahren für viele Einwanderer eine Pforte nach Europa. Anfang der 90er-Jahre kamen Tausende Albaner in der Hafenstadt Bari an der Adriaküste an. Schon damals war in italienischen Zeitungen von einer Invasion die Rede und Italien klagte über mangelnde Hilfe aus Brüssel.

Auch Spanien ist von dem Flüchtlingsansturm betroffen. Immer wieder kommt es zu Tragödien. Das Mittelmeer wird jedes Jahr für Tausende Menschen zu einem nassen Grab. Trotz der Gefahren wagen sich die Menschen weiter aufs Meer, teilweise sogar in Schlauchbooten. Doch selbst jene, die die Überfahrt überleben, sind damit noch nicht am Ende ihrer Odyssee. Sie träumen von einem Schlaraffenland, doch einmal in Europa finden sich viele Einwanderer auf der Straße wieder und müssen sich mit Gelegenheitsjobs durchschlagen.

Im September 2011 kam es in einem Flüchtlingslager auf Lampedusa zu einer Revolte. Die kleine italienische Insel ist zu einem Symbol für das Drama der ungewollten Flüchtlinge geworden.

Über die europäische Flüchtlingspolitik sprachen wir mit Philip Amaral vom Jesuiten Flüchtlingsdienst Europa.

euronews:
Philip Amaral vom Jesuiten Flüchtlingsdienst Europa, herzlich willkommen bei euronews!

euronews:
In Italien wird um die Toten der Tragödie von Lampedusa getrauert. Es gibt Menschen, die vorgeschlagen haben, die Bewohner der Insel für den Friedensnobelpreis zu nominieren. Lässt man die Menschen dort allein? Schaut Europa weg?

Philip Amaral:
Man lässt die Menschen dort nicht allein. Im Verlauf des Jahres haben sie hunderte Flüchtlinge aufgenommen. Auch Malta hat das getan. Große Flüchtlingsströme und Asylsuchende kommen über den westlichen Balkan nach Europa. Europa wendet sich in dem Sinn ab, als klare Vorgaben dafür fehlen, was zu geschehen hat, wenn Menschen den Flüchtlingsstatus beantragen. Menschenrechte und die Würde der Menschen müssen respektiert werden.

euronews:
Mit dem Schutz der europäischen Außengrenzen ist Frontex betraut. Was hat die Agentur getan?

Philip Amaral:
Meiner Ansicht nach gibt es einen Widerspruch in der Politik Europas. Frontex koordiniert die Aktivitäten an den Grenzen der Mitgliedsstaaten, doch wenn es beispielsweise um die Rettung der Insassen eines Flüchtlingsbootes geht, sind die Verantwortlichkeiten unklar. So kam es vor, dass Italien mit der Regierung in Malta darüber stritt, wer für die Rettung zuständig ist. Einmal wurden aus diesem Grund Flüchtlinge sogar wochenlang ihrem Schicksal überlassen. Das Mittelmeer wird streng überwacht, mit Hilfe von Satelliten und unmittelbar mit Schiffen. Für die Regierungen Europas gibt es keine Entschuldigung. Auf europäischer Ebene ist entschieden worden, dass die Vorgehensweise klar sein sollte. Befindet sich ein Boot in Seenot, muss es gerettet werden. Es darf nicht zu Tragödien wie dieser kommen.

euronews:
Auf Malta gibt es ein neues europäisches Flüchtlingsbüro und es gibt neue Regeln für Flüchtlinge. Funktioniert das alles?

Philip Amaral:
Das neue Asylsystem wurde festgeschrieben und in diesem Jahr angenommen, doch in der Praxis funktioniert es nicht. In Europa gleicht das Asylsystem einer Lotterie. Gelangen Flüchtlinge aus Afghanistan nach Griechenland, haben sie sechs- bis siebenprozentige Chancen, als Flüchtlinge anerkannt zu werden. In Italien hingegen haben die gleichen Menschen 90prozentige Chancen, als Flüchtlinge anerkannt zu werden. Diese Ungleichheit ist einer der Gründe dafür, dass das europäische Asylsystem nicht funktioniert.

euronews:
Hat das neue System nicht zu einer Verbesserung geführt?

Philip Amaral:
Noch nicht. Es gibt Verbesserungen, doch die Verantwortung, das System in nationales Recht umzusetzen, Menschenrechte und die Würde des Menschen zu respektieren, liegt bei den Regierungen der Mitgliedsstaaten.

euronews:
Muss in den Herkunftsländern dieser Menschen nicht ebenfalls etwas geschehen? Oft sind es Schlepperbanden, die die Flucht organisieren.

Philip Amaral:
Weil es für Flüchtlinge keine legalen Wege gibt, um nach Europa zu gelangen, wenden sich diese Menschen an kriminelle Netzwerke, an Schlepperbanden. Natürlich müsste die EU mehr tun, um diese Banden zu bekämpfen und sie vor Gericht zu bringen. Doch es geht auch darum, legale Wege nach Europa zu schaffen, die es ermöglichen, dass diese Menschen Europa in Sicherheit erreichen.

euronews:
Was sagt diese Tragödie über Europa aus, über unsere Zivilisation?

Philip Amaral:
Sie zeigt uns, dass es an Führung fehlt. Es liegt in unserer Verantwortung, die Türen offen zu halten, ein Beispiel dafür zu sein, dass Europa ein sicherer Ort ist, dass keine Grenzen, keine hohen Mauern oder der Tod drohen.